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Der Riss durch die Front

Peter Pirker über „Subversion deutscher Herrschaft“: ein Standardwerk zum entscheiden-den slowenischen Anteil am österreichischen Widerstand gegen das NS-Regime – mit tatkräftiger Hilfe des britischen Kriegsgeheimdiensts SOE.

Vor mir liegt ein Standardwerk zu einem kaum erforschten Kapitel unserer Geschichte, unglaublich materialreich, bei aller Detailgenauigkeit ein exzellenter Überblick zu einem besonderen Aspekt des Zweiten Weltkriegs. Es geht darin um die Bemühungen des britischen Kriegsgeheimdiensts SOE (Special Operations Executive), den aktiven Widerstand in Österreich gegen die nationalsozialistische Herrschaft zu unterstützen. Das begann 1941, als die Austrian Section von SOE erstmals an die Wiederherstellung eines unabhängigen Österreich dachte, und erreichte seinen Höhepunkt 1944, als es um umfangreiche Hilfe für den militärischen Widerstand im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet mit Waffen und Material ging.

Das klingt sehr speziell, zielt aber auf einen zentralen Punkt: die spätere Zweite Republik. In der Moskauer Deklaration vom 1.November 1943 hatten die Alliierten bekanntlich die Wiedererrichtung eines „freien unabhängigen Österreich“ versprochen, erinnerten aber daran, dass Österreich „für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitlerdeutschlands eine Verantwortung trägt“. Sie planten für Österreichs Zukunft „anlässlich derendgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf,wie viel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird“. Nun gab es zwar einen österreichischen Widerstand mit Tausenden Hingerichteten und Ermordeten, aber militärisch relevant, indem er Kräfte der Wehrmacht gebunden hat, war eben nur dieser Widerstand im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet, für den es britische Unterstützung gab.

Es geht also um die Erfolge und Misserfolge des britischen Geheimdienstes in Österreich während des Zweiten Weltkriegs, mehr Misserfolge als Erfolge, es geht um die nationalsozialistischen Gegenmaßnahmen, die Erfolge der Gestapo, und es geht um die überaus interessante Frage, wie sehr sich in diesem Kampf gegen den Nationalsozialismus innerhalb der gemeinsamen Front bereits die zukünftige Front des Kalten Krieges abgezeichnet hat – konkret zwischen Engländern und kommunistischen Partisanen im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet. Das geht bis zum politischen Mord seitens der Kommunisten.

Dargestellt wird der entscheidende slowenische Anteil am österreichischen Widerstand, und dass es in dessen Zuge auch schon einen Konflikt über die künftige Grenze gegeben hat, was der Gemeinsamkeit nicht dienlich war. Der Autor bringt Porträts bedeutender Protagonisten in diesem Kampf, sowohl auf britischer als auch auf österreichischer Seite. Helden, die kaum jemand kennt – in vielen Fällen, weil sie im Nachkriegsösterreich auch nicht darüber reden wollten. Die Tochter von Stefan Wirlandner erinnert sich, dass ihr Vater in der Familie gelegentlich von seinen Fallschirmabsprüngen ein wenig erzählt habe: „Es war so eine Mischung zwischen Stolz und Ja-nichts-weitersagen-Dürfen.“

Der kürzere dritte Teil des Buches heißt „Nachspiel“. Darin geht es auch um den vorhersehbar gewesenen mangelnden Dank an diejenigen in Österreich, die Kopf und Kragen für die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes riskiert haben. Das trifft eben in besonderer Weise auf die Kärntner Slowenen zu, im Sinne jener Forderung der Moskauer Deklaration. Wir erfahren, wie vollständig zerstritten das österreichische Exil in London gewesen ist, was mit der vorangegangenen Geschichte der Ersten Republik leicht zu erklären ist. Für die Austrian Section der SOE war dies ein spezielles Problem. Ein noch größeres Problem war, dass sich die Hoffnungen in London auf einen breiten Widerstand in Österreich nicht erfüllthatten. Ende 1943 haben die Kommunisten in London fälschlich verbreitet, in Österreich komme es nun zu „aktivem Massenwiderstand“ gegen die NS-Herrschaft. Nichts davon stimmte – sieht man von jenem schonerwähnten Widerstand 1944/45 im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet ab, der aber für die SOE das spezielle Problem der Zusammenarbeit mit Kommunisten barg. Daher sind auch die Spielregeln geheimdienstlicher Arbeit im Weltanschauungskriegein Thema des Buches – zuerst der gemeinsame Kampf gegen den Nationalsozialismus und dann der sich früh abzeichnende Riss durch die Front der Sieger: der Kalte Krieg.

Schon in der Einleitung geht es auch um die österreichbezogene geheimdienstliche Arbeit der SOE in der Türkei, in der Schweiz, in Schweden, wobei auch Bruno Kreiskys Rolle beleuchtet wird. Sie war für den britischen Kriegsgeheimdienst allerdings nicht bedeutend. Das lag zunächst daran, dass die schwedische Politik in Sorge um ihren neutralen Status bemüht war, antideutsche Aktivitäten von Flüchtlingen zu unterbinden. Kreisky war sogar einmal kurz verhaftet, als er via britische Botschaft einen Brief von Oscar Pollak aus London erhielt. Im Verlauf des Krieges lockerten sich die Restriktionen, und Kreisky konnte Wehrmachtsdeserteure betreuen, die aus Norwegen geflüchtet waren. Kreisky wurde zwar von SOE als einer der „wichtigsten österreichischen Exilanten in Schweden“ eingeschätzt, aber zu einer engeren Zusammenarbeit kam es nicht.

Spezielle Aufgaben im Geheimdienstkrieg hat der frühere britische Mitteleuropakorrespondent G.E.R. Gedye übernommen. Er berichtete seit Mitte der 1920er-Jahre aus Wien, hatte schon den Justizpalastbrand 1927 miterlebt, den Bürgerkrieg, den Austrofaschismus und schließlich die NS-Machtergreifung. Dann ging Gedye nach Prag und beschrieb auch die Besetzung des Sudetenlandes. Sein Buch „Die Bastionen fielen“ ist eine unverzichtbare Quelle. Mythen sonder Zahl: Da ist von todesmutigen Helden die Rede, von britischen und österreichischen Fallschirmspringern, von Mordund enttäuschten Hoffnungen, von Tod und Verrat, von allem, was Geheimdienstarbeit so spannend und so grauenvoll macht. Dabei ist dem Autor wichtig zu differenzieren: Die Erfolge der SOE mit ihren subversiven Aktionen in Österreich waren insgesamt recht beschränkt, aber als „haltbar erwies sich ihre Österreich-Konzeption“: Österreich als selbstständiger Staat, Österreich als Opfer, Abgrenzung von Deutschland, Große Koalition, Antikommunismus, „provinzielle Selbstbezogenheit“. Das hat die Zweite Republik geprägt.

Resümee Peter Pirkers: „Der Autor versuchte, die in Österreich noch lebenden ehemaligen SOE-Mitarbeiter als Zeitzeugen für eine TV-Dokumentation zu gewinnen. Alle lehnten ab.“ Sie taten dies unter Verweis auf ihre Kinder und Enkel, denen sie „keine Schwierigkeiten“ bereiten wollten, und in Hinblick auf „die Präsenz von solchen Politikern in repräsentativen Machtpositionen, denen ein Naheverhältnis zum Nationalsozialismus nachgesagt wurde“. Es ist schon so: Immer wenn von Österreichs nationalsozialistischer Vergangenheit die Rede ist, stoßen wir geradezu zwangsläufig auf die verheerenden Spuren, die diese Vergangenheit in der Gegenwart hinterlässt. ■

Peter Pirker
Subversion deutscher Herrschaft

Der britische Kriegsgeheimdienst SOE und Österreich. 584S., brosch., €69,90 (V&R Unipress Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)