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„Ich hatte nur große Sehnsucht und Traurigkeit“

hatte grosse Sehnsucht Traurigkeit
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Interview. Der Komponist Walter Arlen über das Wien, das er 1939 verlassen musste, seine Jugend und fehlende Wiedergutmachung.

Walter Arlen, 92, sitzt auf dem gemütlichen Sofa in einer Altbauwohnung beim Stubenring und erzählt von seinem Wien - die Heimatstadt, die er 1939 verlassen musste. Arlen verbrachte die ersten 18 Jahre seines Lebens in Ottakring, seine Familie besaß das Warenhaus „Dichter" in der Brunnengasse. Wenige Tage nach dem Anschluss wurde das Geschäft arisiert, die Familie verlor ihren gesamten Besitz. Der Vater wurde verhaftet und nach Dachau und später Buchenwald deportiert. Im März 1939 flüchtete Walter Arlen im letzten Moment - sein Visum wäre einen Tag später abgelaufen - in die USA. Mutter, Vater und Arlens jüngere Schwester konnten schließlich nachkommen. In den USA startete Arlen seine musikalische Karriere. Mit dem „Jewish Welcome Service" kam er für einige Tage zurück nach Wien.

Die Presse: Herr Arlen, wie war es, nach dem Krieg das erste Mal nach Österreich zurück zu kehren?

Walter Arlen: Für mich war es schön und schrecklich. Meine Mutter hatte sich umgebracht. Wir hatten vier Selbstmorde in der Familie, sie konnten nicht Fuß fassen, sich nicht einleben. Auch ich war psychologisch völlig zerrüttet. In den USA war ich zwei Jahre lang in Therapie, das hat mich geheilt. Ich fand heraus, dass ich komponieren muss und soll, damit ich gesund bleibe und meine Vergangenheit verarbeiten kann.

Haben Sie etwas an Österreich vermisst?

Alles. Ich hatte nie eine Zukunft, immer nur eine Vergangenheit. Mein ganzes Leben lang sehnte ich mich zurück nach meiner Jugend. Nach meiner Heimat. Durch den Krieg waren wir alle so abgeschnitten von der Heimat, wir lasen und hörten vom Krieg, es war furchtbar. Das ist meine Stadt, mein Land, mein Kontinent, dachte ich.

Hatten Sie keinen Zorn auf Österreich?

Nein. Was hätte mir der Zorn genutzt? Ich hatte nur große Sehnsucht und Traurigkeit. Meine Musik beweist das, denn meine Musik ist im Grunde traurig. Ich bin ein richtiger Exil-Komponist. Der Gefühlsausdruck ist einer von Wehmut und einem Verlangen nach Schönheit: Die Alpen, die Seen, Sauerbrunn, die Wälder dort, das ruhige Leben, das wir dort jeden Sommer geführt haben. Der Himmel war für mich dort immer blau. Die Buben, meine Freunde, mit denen ich dort unterwegs war: Der Bäckerbub, der Sohn vom Bürgermeister. Wir sind baden gegangen, haben Kukuruz gestohlen, Beeren gepflückt. Die Gegend dort ist wunderschön.

Kehrten sie je zurück nach Sauerbrunn?

Das erste Mal war ich 1965 wieder dort. Unsere Villa war vom Deutschen Staat beschlagnahmt worden. Wir haben sie nie zurück bekommen. Wir haben das nach 1945 versucht, aber das Problem war, dass alle noch Nazis waren. Wir bekamen 1950 oder 1951 einen Brief von der Gemeinde, in dem stand, dass der Schandfleck weg müsse. Die Naziburschen hatten die Villa übernommen und das Haus nach Kriegsende mitsamt allen Akten verbrannt - das war der Schandfleck. Es war unsere Schuld, dass sie abgebrannt wurde, wir sollten dafür zahlen. Der Bürgermeister sagte, er würde sich darum kümmern, wenn wir die Villa verkaufen. Sie war groß, zwei Häuser, großer Garten, ansehnliches Grundstück. Es gab bereits einen Interessenten, der die Villa für 5000 Dollar kaufen wolle, meinte der Bürgermeister. Dabei war das nur die Provision. Wir bekamen keinen Groschen von dem Geld.

Wann waren Sie das letzte Mal dort?

Vor zwei oder drei Jahren hat uns jemand dort herumgeführt. Eine Frau hat uns chauffiert, mit dem Bürgermeister einen Termin ausgemacht. Wir haben Mittag gegessen. Der Bürgermeister war völlig uninteressiert, hat keine Fragen gestellt, sondern sich dem pflichtmäßig dem unterzogen. Die Frau, die das initiiert hat, führte uns zu der Villa. Als ich sagte, die gehörte mal uns, rief sie: Um Gottes willen, meine beste Freundin wohnt dort. Sie benahm sich, als wolle ich etwas von ihrer Freundin stehlen.

Haben Sie ihre alten Freunde je wieder getroffen?

Die waren alle tot. Hitler hat ja nicht nur die Juden umgebracht, sondern auch mindestens genau so viele Österreicher und Deutsche. Ich habe nie wieder jemanden von meiner Vergangenheit gesehen, keinen Buben aus Sauerbrunn, keinen meiner dreißig Schulkollegen. Der Bäckerbub aus Sauerbrunn, den wollte ich unbedingt sehen. Aber der Hansl war einfach verschwunden.

Kann man das Österreich, das Sie verlassen haben, mit dem vergleichen, in das Sie zurück kehrten?

Nein. Die Konturen waren da, aber der menschliche Inhalt hat gefehlt. Ich fand die Menschen beim ersten Mal auch sehr unfreundlich. Ich weiß nicht, ob sie mich als Saujud gesehen haben, so wie früher, oder ob sie dachten: Was will der da, ob sie mich als Fremden gesehen haben.

Fühlten Sie sich fremd?

Wie kann man sich als Fremder fühlen, wenn man jede Straße kennt, jede Straßenbahn. Ich bin auch jetzt noch so zu Hause hier. Wenn mich jemand nach dem Weg fragt, kann ich das erklären.

Kam es in Frage, wieder nach Österreich zurück zu ziehen?

Es wäre nicht möglich gewesen. Ich hatte eine Karriere in den USA. 1952 besuchte mich mein Großvater, ich fuhr mit ihm zum Meer. Er fragte mich, ob ich nach Wien kommen wolle. Ich sagte, ich könne nicht, ich hatte gerade angefangen, Kritiken zu schreiben, ich konnte mir das nicht leisten. Er ist kurz darauf gestorben. Wenn ich heute zurückdenke: Wäre ich da nach Wien gefahren, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Tut es mir leid? Ja und nein. Ich weiß, war ich erreicht habe, ich habe mir einen Namen gemacht, ich lebe im besten Klima der Welt. Weiß Gott, was mir in Wien geblüht hätte. Die Nazis waren ja noch da, sie konnten nicht verkraften, dass sie den Krieg verloren hatten.

Was bedeutet Wien heute für Sie?

Eine schöne, angenehme Stadt mit tollen Verkehrsmitteln. Ich kenne mich gut aus und fühle mich wohl. Nur mit dem Klima bin ich nicht zufrieden, denn ich wohne im besten Klima der Welt.

Sie haben 2008 das Goldene Verdienstkreuz Österreichs und 2011 jenes der Stadt Wien erhalten. Was bedeutet es Ihnen?

Ich fühle mich geehrt, das hat mich sehr gefreut. Ich lernte nette Leute aus der Regierung kennen. Es freute mich, dass die Leute mich erkannten als einen Komponisten, der was wert ist. Anscheinend fand man meine Musik der Rede wert.

Sie haben ihre Musik und ihre Fotosammlung der Wien-Bibliothek im Rathaus vermacht. . .

Herr Gruber vom Exil Arte, das sich mit Musik von Exilanten befasst, kam zu mir und sagte, er wolle meinen Vorlass für die Bibliothek. Das war eine große Ehre für mich, weil meine Musik so einen Platz in der Geschichte findet. Auch, wenn es ein kleiner Platz ist. Ich bin nicht übersehen worden.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29. Oktober 2012)