Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Fahrrad-Pendeln in die Smart City

Die Frage nach dem Radfahren sollte kein Sommerlochthema bleiben: Konsequent verfolgt könnte sie viele Verkehrsprobleme Wiens und des Umlandes lösen.

Der Sommer ist vorbei und somit auch das alljährliche Sommerlochthema, das heuer durch Beiträge von Häupl und Stenzel eine erhöhte Aufmerksamkeit bekommen hat: Radfahrer als Adressaten urbanen Unmuts. Es ist Herbst und man kann wieder leichter kühlen Kopf bewahren – sowohl beim Radeln als auch bei den verkehrspolitischen Debatten. Obwohl vereinzelte Bezirksvorsteherinnen mit grotesken Baumschutzvorschlägen beharrlich an einer Prolongation arbeiten.

So hat der Radverkehrsbeauftragte Martin Blum in der „Presse“ vom 23.Juli (Seite7) die Notwendigkeit von hochrangigen Radverkehrsverbindungen in Wien angesprochen und auch angeregt, solche Verbindungen ins städtische Umland hinaus weiterzudenken. Am 15.Oktober haben Studierende der Raumplanung von der TU Wien im Fahrradhaus ihre Planungen für solche Radschnellrouten durch Wien präsentiert. Und im Wintersemester werden Architektur-, Raumplanungs- und Bauingenieurstudierende Entwürfe zum verlängerten Radschnellweg Wiental erarbeiten.

Entgegen so mancher festgefahrenen Meinung: Ja, das Arbeitspendeln auch über innerstädtische Distanzen hinaus ist bei Weitem kein Ding der Unmöglichkeit. Dass regelmäßige, leichte sportliche Betätigung wie Radfahren der Gesundheit des Homo sapiens urbanis gut tut, ist hinlänglich bekannt. Aber Radinfrastruktur entlastet auch die restliche Infrastruktur, sie ist platzsparender und effizienter als Autoinfrastruktur – sowohl beim Fahren als auch beim Abstellen.

 

Frage der Lebensqualität

Internationale Beispiele hochrangiger Radschnellwege wie in Holland und Kopenhagen und seit Neuestem auch in London (Cycle Superhighways) zeigen, dass auch längere Arbeitswege mit dem Rad zurückgelegt werden können. Diesen internationalen Mobilitätstrend sollte Wien als „Smart City“ mit den immer wieder hohen Lebensqualitäts-Rankings nicht verschlafen! Selbst in Österreich gibt es Herzeigebeispiele. So werden im dicht besiedelten Rheintal prioritäre Radverkehrsverbindungen geplant und angelegt.

Im Gegensatz zur bisher üblichen Praxis, dem Radverkehr lediglich Restflächen zuzuweisen, ist es am Übergang zu einem nachhaltigen städtischen Verkehrssystem wichtig, dem Radverkehr ausreichend breite Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen. Aber auch eine Verringerung der Wartezeiten für den Radverkehr ist notwendig. Gemäß den deutschen Richtlinien gilt, je hochrangiger die Radverbindung, desto weniger Wartezeiten pro km werden akzeptiert.

Nicht immer sind reine Infrastruktur-Baumaßnahmen notwendig – auch eine Verkehrsorganisation 2.0 ist notwendig: Die Smart City Wien sollte vermehrt auf intelligente Ampelschaltungen setzen. Insbesondere das Thema der optimalen Koordinierung von Ampeln sollte angesprochen werden. Grüne Wellen für Radverkehr mit circa 20 km/h sind absolut spruchreife Maßnahmen, da die durchschnittliche Geschwindigkeit im städtischen Autoverkehr ja auch kaum höher ist.

Und der neue Trend der E-Mobilität setzt sich in Form von E-Bikes auf zwei Rädern sinnvoll fort. E-Fahrräder agieren als Range-Extender gegenüber regulären Fahrrädern und ermöglichen es so, ein großes Potential innerhalb der Umland-Wien-Pendler anzusprechen. Distanzen bis zu 20 km scheinen aus heutiger Sicht als anstrebbare Perspektive.

Wie in aktuellen Forschungsprojekten (z.B. suburbia:bike:city) gezeigt wurde, stellt das Fahrrad als Mittel für Verkehrsbedürfnisse in das Umland von Großstädten eine zukunftsfähige, kostengünstige Variante dar.


Tadej Brezina, Jahrgang 1976, erforscht menschliche Mobilität, plant und lehrt nachhaltige Formen des Verkehrs an der TU Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)