Fall Kampusch: Echte Fehler und falsche Theorien

Natascha Kampusch
Natascha KampuschREUTERS

Ein Expertenteam überprüft bis Jahresende die Arbeit der Ermittler im Entführungsfall „Natascha Kampusch“. Einige Polizeifehler sind aber längst dokumentiert.

Die unendliche Causa Natascha Kampusch wird derzeit von internationalen Spezialisten erneut geprüft. Das Ziel der Evaluierung: Österreich soll unter Mithilfe der US-Bundesermittlungsbehörde FBI und des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) seine eigenen Ermittlungsmethoden verbessern. „Die Presse“ beantwortet die wichtigsten aktuellen Fragen.

1 Wie ist der aktuelle Stand der laufenden Überprüfung?

Ein siebenköpfiges Komitee aus Vertretern des Innen- und Justizressorts, unterstützt durch BKA-Chef Jörg Ziercke und einen Rechtsexperten der US-Botschaft in Wien, der als Verbindungsmann zum FBI (Federal Bureau of Investigation) fungiert, „befehligt“ derzeit ein operatives Team von Cold- Case-Spezialisten. Diese arbeiten den 270.000-Seiten-Akt zur Entführung von Natascha Kampusch nach Themenbereichen ab. So wird etwa analysiert, wie die Wiener Polizei im März 1998 vorging, als Kampusch verschwand.

2 Welche Fehler machte die Polizei bei den Ermittlungen?

Sie nahm den Hinweis eines Kollegen, eines Hundeführers, der zufällig in der Nachbarschaft des Entführers Wolfgang Priklopil wohnte, zu wenig ernst. Später wurden Spuren im Haus des Entführers nur unzureichend gesichert. Eine Beamtin, die sich um das Opfer nach dessen Flucht gekümmert hatte, durfte ein TV-Interview geben. Und nun soll, wie aktuell bekannt wurde, das Operativteam festgestellt haben, dass die Polizei bei der Ausforschung des weißen Kastenwagens von Priklopil ungenau arbeitete.

3 Wie rechtfertigt die Polizei die bisherigen Pannen?

Die Kampusch-Ermittlungen führte vom Tag des Verschwindens am 2. März 1998 bis 2002 das Wiener Sicherheitsbüro (SB). Damaliger SB-Chef war Max Edelbacher. Er erklärte am Freitag der „Presse“, dass er bei der Ausforschung des Wagens im Nachhinein keine Fehler erkennen könne. „Wir wussten damals nur: Es handelt sich um einen weißen Kastenwagen mit dunklen Scheiben und hohem Aufbau. Zum Typ des Wagens (ein Mercedes 100D, Anm.) gab es widersprüchliche Aussagen. Der Computer spuckte zirka 700 Treffer aus. Das SB hat dann nicht alle Überprüfungen selbst vorgenommen, sondern auch an Inspektionen delegiert.“ Knapp einen Monat nach der Entführung stand Priklopil als Besitzer eines dieser 700 Fahrzeuge fest. Zwei Tage später überprüften SB-Beamte den Wagen vor Priklopils Haus in Strasshof (Niederösterreich). Die Männer zogen aber wieder ab, da sie nichts Verdächtiges fanden. Der eigentliche Fehler wurde später gemacht, als ein konkreter Hinweis eines Hundeführers zu Priklopil einlangte – und die Polizei kein zweites Mal in das Haus des Mannes fuhr. Dies wurde allerdings längst sowohl von Edelbacher als auch vom Ermittlungsleiter im Bundeskriminalamt, Ernst Geiger (damals Stellvertreter von Edelbacher), als „schwerer Fehler“ eingestanden. Dass nun FBI und BKA ebendies auch als Fehler einstufen werden, sollte nicht überraschend kommen. Die Fehler bei der Erstellung der sogenannten Tatortmappen (Verzeichnisse der Spurensicherung in Priklopils Haus) wurden auch bereits zugegeben. Das Landespolizeikommando Oberösterreich schrieb bereits im August 2009 in einem sehr kritischen Bericht: „Sehr viele Spuren sind nicht gesichert worden.“ Dass dieser Umstand darauf hindeuten könnte, ein mysteriöser Kinderpornoring solle gedeckt werden, blieb Gegenstand von Verschwörungstheorien.

4 Kann es nach so langer Zeit doch noch Überraschungen geben?

Möglicherweise. Dann nämlich, wenn Karl Kröll, Bruder des 2010 aus dem Leben geschiedenen Kampusch-Chefermittlers Franz Kröll, neue „brisante Unterlagen“ vorlegt. Angekündigt hat er das bereits.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)