Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Mount Rushmore: In Zwietracht am Berg der Einheit

Mount Rushmore
Mount Rushmore(c) AP (DIRK LAMMERS)
  • Drucken

Was für die Moslems Mekka ist, ist für viele Amerikaner das Monument in South Dakota. Im Schatten der in Granit gehauenen Präsidentenköpfe wird über das Wesen der USA debattiert – und über Barack Obamas Bilanz.

Keystone. Inmitten von Pinienwäldern und unterhalb des Granitfelsens in den Black Hills von South Dakota kommen Amerikaner aus allen Schichten und Religionen zusammen, um über das Wesen der Demokratie und der Nation, den Charakter ihrer Präsidenten und ihre Werte, die Rolle des Staats zu räsonieren: Mennoniten, orthodoxe Juden und Biker auf ihren Harley-Davidson-Maschinen, die von ihrem jährlichen Treffen im nahen Sturgis zum „Schrein der Demokratie“ pilgern.

Eine Flaggenallee mit den Fahnen der 50 US-Bundesstaaten führt zum Amphitheater unterhalb des Mount Rushmore, in den die Antlitze von vier Präsidenten gehauen sind – ein Mammutwerk des US-Bildhauers John Borglum aus den 1930er-Jahren anlässlich des 150. Geburtstags der USA. Erhaben thronen George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt über der Naturkulisse oberhalb des Touristenortes Keystone. Was für die Moslems Mekka ist, das ist für viele Amerikaner der Mount Rushmore: Einmal im Leben sollte man die Wallfahrt in den tiefen Westen des Landes unternommen haben.

Hier fragen sie sich, wer der größte unter ihren Staatslenkern gewesen sei und wer es sonst noch verdienen würde, in die ewige Ahnengalerie des exklusiven Klubs aufgenommen zu werden. Die Besucher werfen mit Kürzeln um sich: FDR? JFK? Franklin D. Roosevelt, der längstdienende Präsident? Oder John F. Kennedy, dessen Amtszeit auf knapp 1000 Tage beschränkt blieb? Oder doch Ronald Reagan? Im Städtchen Rapid City am Fuß der Black Hills sind sie alle bereits verewigt, als Bronzeskulpturen an jeder Straßenecke – Reagan im Cowboy-Outfit.

 

„Die schwierigsten Zeiten meines Lebens“

Hat Reagan, der Säulenheilige der Republikaner, die Steuern nun erhöht oder hat er sie gekürzt? Leidenschaftliche Diskussionen entzünden sich an den Meriten der einzelnen Präsidenten, die Präferenz lässt auf die Parteizugehörigkeit der Tagestouristen schließen. „Zu viele haben ihre Karriere nicht im privaten Sektor gemacht“, moniert Stephen Burns aus Obamas Wahlheimat Chicago mit Seitenblick auf den Präsidenten. „Um es simpel zu sagen: Eine Familie muss ihre Rechnungen ja auch begleichen.“ Jane Hinsi und Andrea Redwick sitzen direkt unterhalb der Granitköpfe, auf denen einst Cary Grant und Eva Marie Saint im Finale des Hitchcock-Klassikers „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) herumgeklettert sind – in Wirklichkeit in einem Hollywood-Studio auf Pappmaché.

Schnell kommt das Gespräch auf den Wahlkampf und den aktuellen Präsidenten. „Wir könnten uns in einer viel schlechteren Verfassung befinden“, meint Jane. „Es sind die schwierigsten Zeiten meines Lebens“, sagt die Endfünfzigerin. Bei beiden kommt Sehnsucht nach der Ära Bill Clintons auf, als das Land zwar auch polarisiert war, aber ökonomisch blendend dastand.

Die Biologinnen unternehmen eine Tour durch die Nationalparks. Eine wunderbare Erfindung aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, lange bevor die Grünbewegung modern geworden ist. Jane streicht das Positive heraus: „Barack Obama hat doch vieles zustande gebracht. Er hat sein Bestes getan.“ Andrea wirft ein: „Die Gesundheitsreform ist keineswegs perfekt, aber doch ein erster Schritt. Schließlich trifft ja der Kongress die Entscheidungen. Sorgen mache ich mir um den Einfluss der Geschäftswelt auf die Politik. Wir haben den Sinn für das Gemeinwohl der Nation verloren. Der Kompass, der Konsens über unsere Grundwerte drohen uns abhandenzukommen.“

In Hörweite schüttelt ein Biker-Paar energisch den Kopf. Nachdem die beiden Frauen abgezogen sind, verschafft sich Wally endlich Luft. „Das sind doch Liberale.“ Und er meint das durchaus als Schimpfwort. „Ich konnte das nicht mehr mit anhören“, sagt der 65-jährige pensionierte Lehrer aus Minnesota, ein Anhänger des altösterreichischen Nationalökonomen Ludwig von Mises und Fan der kontroversiellen Philosophin Ayn Rand. Der Armeeveteran mit akkuratem weißen Kinnbart und Basketballmütze sympathisiert mit der Tea-Party-Bewegung.

„Mit Mitt Romney bin ich alles andere als happy. Ich werde ihn aber wählen, so wie ich für George W. Bush gestimmt habe – mit zugehaltener Nase. Wenn ich über eine mögliche Wiederwahl Obamas nachdenke, werde ich richtig emotional und zornig. Und was, wenn er nicht gewählt wird? Gibt es dann Rassenunruhen?“ Er würde ja nach Kanada auswandern, das unmittelbare Nachbarland von Minnesota. „Da ist es aber auch nicht anders als hier unter Obama.“

 

„Die Freiheit ist in Gefahr“

Der Sparkurs des Romney-Vize Paul Ryan kommt seinen Vorstellungen schon eher entgegen. „Wir stecken im Schlamassel.“ Unheilvoll raunt er, die Lage der Nation sei alarmierend: „Das Land verändert sich zum Schlechteren. Die Freiheit ist in Gefahr. Wir waren einmal ein Land, das die Ärmel aufgekrempelt hat, um etwas zu leisten.“ Fast verzweifelt stößt er aus: „Wo soll ich bloß anfangen?“ Die Schuldenmisere treibt ihn um. „Wir sind wie ein Zug, der auf den Abgrund des Grand Canyon zusteuert. Entweder schlittern wir in eine Inflation oder in die Pleite. Oder gar in einen wirtschaftlichen Kollaps. Es ist ein Haufen voller Scheiße.“

Durch die USA zieht sich eine scharfe Trennlinie, ein tiefer Graben zwischen den politischen Lagern. „Wir sollten nicht Feinde sein“, Abraham Lincolns Mantra aus der Bürgerkriegs-Ära, hat sich spätestens in den 1960er-Jahren aufgelöst. Linke wie Jane Hinsi und Andrea Redwick und Rechte wie Wally kommen auf keinen gemeinsamen Nenner – außer dass sie kolossale, von Menschenhand geschaffene Naturwunder wie den Mount Rushmore oder weiter südlich das Monument des Indianerführers Crazy Horse bestaunen und dafür im Urlaub tausende Kilometer zurücklegen.

Mitunter geht der politische Riss durch Familien wie bei den Harpers aus Wisconsin, die mit ihren drei Kindern über Stock und Stein wandern und über die weiße Bergziege in Verzückung geraten, die sich unterhalb des scharfkantigen Profils George Washingtons umblickt. „Ich bin nicht angetan von Obama“, sagt Jim, dessen lichtes Haar zu einem Rossschwanz gebunden ist. Darin sind sich der Republikaner und seine Frau, eine Demokratin, einig. Sonst stöhnt sie auf, wenn er seine politischen Ansichten äußert.

Auf einen Blick

Das Mammutwerk des US-Bildhauers John Borglum entstand in den 1930er-Jahren anlässlich des 150. Geburtstags der Vereinigten Staaten. In einen Granitfelsen in den Black Hills von South Dakota wurden vier gigantische Porträts der US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt gehauen. Weltberühmt wurde Mount Rushmore durch Alfred Hitchcocks Film „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) mit Cary Grant und Eva Marie Saint – das Monument diente als Kulisse für eine Verfolgungsjagd.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)