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Wer bei der Präsidentenwahl den Ausschlag gibt

Wer bei der Präsidentenwahl den Ausschlag gibt
Wer bei der Präsidentenwahl den Ausschlag gibt(c) AP (Pablo Martinez Monsivais)
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Latinos, Frauen, Homosexuelle: Obamas Regenbogenkoalition verblasst. Weiße Männer setzen voll auf Romney.

Für alle Wählerschichten haben die Parteien eine Galionsfigur, die sie für ihren Kandidaten ins Rennen schicken können. Im besten Fall erfüllen sie gleich mehrere Kriterien. Bei den Demokraten spricht Michelle Obama Afroamerikaner und Frauen an. Bill Clinton, Vizepräsident Joe Biden und Rockstar Bruce Springsteen wenden sich gezielt an Progressive, weiße Arbeiter, Gewerkschafter und nicht zuletzt die „Baby-Boomer“, die allmählich in die Pension gleiten. Julian Castro, Bürgermeister von San Antonio und eine Nachwuchshoffnung der Partei, und der Hollywood-Star Eva Longoria, offiziell Beauftragte der Obama-Kampagne für die Hispanics, rühren die Werbetrommel bei den Latinos.

An Glamour fehlt es dem Obama-Lager ohnedies nicht. Morgan Freeman leiht seine markante Stimme mit dem sonoren Timbre einem Werbespot, der die Bilanz der Obama-Regierung ins schönste Licht rückt – und spendete nebenbei aus eigener Tasche eine Million Dollar für die Wiederwahl des Präsidenten. Neuerdings sorgt Lena Dunham mit einem Video für Furore. Der Shootingstar der TV-Serie „Girls“, Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin in einer Person, gibt Jungwählern augenzwinkernd Tipps fürs „erste Mal“. Es sollte „etwas Besonderes“ sein. Sie meint natürlich den Jungfernakt des Erstwählens für Obama.

 

Clint Eastwood ohne Sessel

Die Republikaner setzten dem Promi-Aufgebot in erster Linie Clint Eastwood entgegen. Ohne agitierend auf einen leeren Sessel einzureden, wie bei seinem Auftritt beim Parteitag in Tampa, macht er in einem TV-Spot mit seiner charakteristisch heiseren Stimme Stimmung für Mitt Romney. Als wichtigster Wahlhelfer geht dem Kandidaten seine Familie zur Hand: Ehefrau Ann und die fünf Söhne personifizieren modellhaft die konservativen Familienwerte des Mormonen Romney. Im Wahlkampf-Finish erwägt die Romney-Kampagnenmannschaft sogar jene Privatvideos des Romney-Clans auszustrahlen, die beim Konvent in Tampa so großen Anklang im Parteivolk fanden. Damals stahl der Eastwood-Auftritt dem Familienidyll zur Hauptsendezeit jedoch die Show.

 

Ein bibelfester Jäger

Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan soll – weiße – Wähler, die sich um die Staatsschulden sorgen, Abtreibungsgegner, Katholiken und womöglich auch Jungwähler an die Republikaner binden. „Ich bin mit Leib und Seele Jäger – und bibelfest“, so lautet sein Standardspruch in Anspielung auf ein Obama-Zitat von vor vier Jahren anlässlich eines Spenden-Dinners über „Hinterwäldler, die sich an Waffen und Religion klammerten“. Marco Rubio, dem kubanischstämmigen Senator aus Florida mit dem „Babyface“, ist die Rolle des Latino-Botschafters zugedacht.


Las Vegas. Als Barack Obama neulich im Zuge seiner Blitztour durch die Swing States zu mitternächtlicher Stunde einen Zwischenstopp in Las Vegas einlegte, machte er außertourlich und angeblich spontan auch eine Stippvisite im „Bellagio“, dem legendären Casinohotel am „Strip“ – allerdings nicht, um sein Glück am Spieltisch zu versuchen. Vielmehr ließ er die Belegschaft des Dienstpersonals antreten, um ihr in einer wohlwollenden Geste seinen Tribut zu zollen. Dahinter verbarg sich Kalkül: Die überwiegende Mehrheit der Angestellten in „Sin City“, der glitzernden Retortenstadt in der Wüste, ist hispanischer Herkunft.

 

Denkmal für Arbeiterhelden

Dass Latinos in Nevada – wie in Florida, Colorado, Arizona, New Mexico und Kalifornien – eine entscheidende Rolle bei der Wahl zukommt, war auch Motiv für einen Obama-Besuch im kalifornischen Central Valley. In Keene weihte der Präsident unlängst ein Denkmal für den Gewerkschafter und Bürgerrechtsaktivisten César Chávez, einen Vorkämpfer der Landarbeiter-Bewegung, ein. Im Sommer ordnete er per Verfügung einen Abschiebungsstopp für Kinder illegaler Immigranten an – eine Entscheidung, der sich sein Konkurrent Mitt Romney prompt anschloss. Im Vorwahlkampf hatte der Republikaner noch über den Ausbau des Grenzzauns zu Mexiko und eine „Selbstabschiebung“ illegaler Immigranten schwadroniert. Ungeachtet dessen schob Obama mehr Latinos ab als jeder US-Präsident vor ihm, bis zu 400.000 Menschen jährlich.

Den „Dream Act“, ein von den Demokraten forciertes Gesetz zur Integration von Kindern illegaler Immigranten, lehnen die Republikaner indessen ebenso ab wie eine umfassende Immigrationsreform. Schon die republikanischen Verfechter George W. Bush und John McCain scheiterten mit einem Engagement in der Causa in den eigenen Reihen. In einem Interview erklärte Obama jetzt die Immigrationsrefom zu einer Priorität für eine zweite Amtszeit. In einer Debatte im spanischsprachigen TV-Kanal Univision musste der Präsident indes harte Kritik des Moderators in dieser Frage einstecken.

 

Größte Minderheit

Bei der Volkszählung 2010 machten die Latinos den weitesten Sprung nach vorne. Sie stellen mit rund 15 Prozent die größte und am schnellsten wachsende Minderheit in den USA, mehr als 50 Millionen Menschen bezeichnen sich als Hispanics. „Latinos sind Republikaner, sie wissen es nur noch nicht“, erklärte einst Ronald Reagan. Sukzessive ist seine Partei bei der hispanischen Wählergruppe ins Hintertreffen geraten. Gegenüber McCain, dem Kandidaten der Wahl 2008, hat Romney noch mehr an Terrain verloren. Er weist bei Latinos einen Abstand von beinahe 50 Prozentpunkten gegenüber Obama auf. Dass er beim Parteitag eine Parade von Latino-Politikern aufbot, half ihm nichts.


Salem. „Es ist wie bei einer guten Ehe. Man schmeißt sie nicht so leichtfertig weg“, sagt Rita, Angestellte im Museumsshop in Salem in North Carolina, über ihre politische Beziehung zu Präsident Obama. „Es gab Fehler und Irrtümer, aber man rauft sich zusammen.“ Weniger abgeklärt, mit einer abweisenden Handbewegung und Gestöhne, kommentieren zwei Kolleginnen seine Amtszeit. „Er hat uns ausverkauft und die Amerikaner in ein Schlamassel hineingezogen.“

Bei Frauen schneidet der Präsident dennoch weit besser ab als sein Herausforderer, obgleich der zweistellige Vorsprung laut Umfragen geschrumpft ist. Zeitweise lag Obama mit 18 Prozentpunkten im Plus. Als im Frühjahr unvermittelt eine Debatte über Abtreibung und Verhütungsmittel im Rahmen der Gesundheitsreform losbrach, schlugen sich unabhängige Frauen und Single-Frauen auf seine Seite. Erst recht, nachdem im Wahlkampf zwei republikanische Senatskandidaten durch reichlich bizarre Aussagen von sich reden machten. Die Georgetown-Studentin Sandra Fluke, vom Radiorabauken Rush Limbaugh als „Schlampe“ und „Hure“ beschimpft, weil sie auf ihren Anspruch auf Gratis-Verhütungsmittel pochte, avancierte in der Kontroverse zum Poster Girl.

Eine Rückkehr in die 1950er-Jahre oder in noch frühere Zeiten orteten manche Feministinnen. Männliche Politiker sollten sich nicht in die Angelegenheiten von Frauen einmischen, merkte der Präsident diplomatisch an. Anhängerinnen wie die Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson warnten in einem Werbespot sogleich vor der Gefahr der Rücknahme der Abtreibungsregelung im Fall eines Wahlsiegs Romneys. Mit seinem Vorschlagsrecht für die Besetzung des Höchstgerichts könnte der Supreme Court das entsprechende Gesetz „Roe vs. Wade“ aushebeln. Romney tritt im Gegensatz zu seinem Vize Ryan freilich für Ausnahmen des Abtreibungsverbots ein, er distanzierte sich auch von den Hardlinern.

Als eine demokratische Strategin Ann Romney als eine Art „Hausmütterchen“ abqualifizierte, die zeitlebens nie einer Arbeit nachgegangen sei, schrie nicht nur das konservative Lager auf. Inzwischen sind viele Frauen und ehemalige Obama-Wählerinnen angesichts der anhaltend angespannten Wirtschaftslage umgeschwenkt, Mitt Romney machte nach seiner Performance im ersten TV-Duell einiges an Boden gut. Obama genießt indessen weiter einen Vertrauensvorschuss, zudem ist er allgemein – erst recht bei Frauen – beliebter als sein Rivale.
Washington. Joe Manchin weiß nicht, ob er den Präsidenten wieder wählen soll. Zumindest gibt es der demokratische Senator von West Virginia nicht öffentlich zu, um seine eigene Wahl nicht zu gefährden und seine potenziellen Wähler nicht zu verprellen. Der Ex-Gouverneur Manchin ist populär in seiner Heimat, er gilt als „ganzer“ Kerl, der zu seinem Wort steht – und mit einem Gewehr umzugehen versteht. Im Wahlkampf vor zwei Jahren nahm er in einem TV-Spot das Gesetz der Obama-Regierung zur Reduzierung der Treibhausgase mit seiner Waffe ins Visier.

Die beiden Parteifreunde könnten unterschiedlicher nicht sein. Manchin steht für vieles, wogegen Obama sich vermeintlich ausspricht: für die Waffenlobby NRA oder die Förderung fossiler Brennstoffe wie Kohle – ein Muss im Kohlerevier von West Virginia, wo der Präsident seit jeher einen schweren Stand hat. Manchin opponierte etwa gegen die Zulassung Homosexueller zur US-Armee. Während sich die Schwulenbewegung und die Minderheiten um den Präsidenten scharen, stößt Obama die männlichen weißen Wähler ab. Ein eklatantes Manko gegenüber Romney, 23 Prozentpunkte trennen die beiden Kontrahenten und Harvard-Absolventen – eine Welt und eine ganze Weltanschauung. Insbesondere die weiße Arbeiterschicht bringt dem Exprofessor mit dem Hang zum Dozieren Ressentiments entgegen.


Princeton. An den Unis lieben sie den Präsidenten nach wie vor, allerdings nicht mehr so glühend wie 2008. Der Campus von Princeton in New Jersey strotzt vor Obama-Postern. Bei einer Campus-Tour im Wahlkampf versucht Obama, die Studenten zu mobilisieren. Umfragen zufolge liegt er bei Jungwählern weit voran. Ob sie auch tatsächlich zur Wahl gehen, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Denn der US-Präsident hat vor allem auch am linken Rand viele Wähler enttäuscht. Sie irgendwie zu den Urnen zu holen, war von Anfang an eines der strategischen Hauptziele des Obama-Wahlkampfs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)