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"Onkel Wanja": Temperamentvoller Tschechow

Onkel Wanja
Nicholas OfczarekReinhard Werner
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Matthias Hartmann inszeniert weise, witzig "Onkel Wanja" im Akademietheater. Nicholas Ofczarek verblüfft als Antiheld, Michael Maertens ist atemberaubend als Arzt Astrow.

Voilà, das Geheimnis der Professorengattin Elena wird hier endlich gelüftet. Immer wieder fragt man sich bei Tschechows „Onkel Wanja“, seit Freitag in Matthias Hartmanns Inszenierung im Akademietheater zu sehen, was diese schöne Frau veranlasst hat, diesen unerträglichen Greis zu ehelichen: Sie war „hingerissen“ von dem „gelehrten und berühmten Mann“, der überdies eine gesicherte Existenz versprach. Die Wahl war ein Irrtum. Das hat Elena geschockt. Sie ist erstarrt, wagt nicht mehr, sich zu bewegen. Alles nervt sie. Ihren Zustand sieht man deutlich, er ist vielen vertraut – und er kann ein ganzes langes Leben lang dauern.

Boleslaw Barlog (1906–1999), deutsche Theatergröße, hat „die Absichtslosigkeit und Leichtigkeit Tschechows“ gerühmt. Ab 1970 gab es fast jedes Jahr einen „Wanja“ im deutschsprachigen Raum. Doch ist das Stück, 1899 uraufgeführt, als krasse Komödie konzipiert, dann zum leisen Katastrophenkammerspiel umgewandelt, weder leicht noch absichtslos. Wie auf einer Schnitzeljagd lassen sich Tschechows Gedanken verfolgen: Omnes una manet noxübersetzt der Professor frei mit: Wir alle stehen in Gottes Hand. Der Spruch ist von Horaz und heißt „Die eine Nacht erwartet uns alle“. Tschechow lässt Kollegen aufmarschieren: Gogol, Turgénjew – den spirituellen Dostojewski und den pessimistischen Schopenhauer als Wanjas Wunschbilder.

Disparate Patchworkfamilie

Der Doktor braucht Schlaf und zwar genügend „quantum satis“, nicht nur er. Doch alle werden herumgejagt bis zum bitteren Ende: Finita la Comedia. Weitere Farben fürs Spiel liefern der Lyriker Batjuschkow, der den Tod des Dichters Torquato Tasso besang, sowie der Schlachten- bzw. Stimmungsmaler Aiwásowski. Schlachten und Stimmungen sind, erfreulich genau, mit diesmal mehr Witz als Gewitzel in Hartmanns Inszenierung zu beobachten. Der Beginn irritiert. Wanja ballert mit dem Gewehr auf den Professor, bei Tschechow tut er dies erst am Schluss. Ein Traum? Eine Schreckens-, eine Zukunftsvision? Wanja schläft am Tisch seinen Rausch aus. Den Herausforderungen einer Patchworkfamilie fühlt sich hier keiner gewachsen: Der Professor konnte sich das Leben in der Stadt im Ruhestand nicht mehr leisten. Mit seiner zweiten Frau zog er aufs Gut der ersten, die verstorben ist. Ihre Mutter verehrt den Professor, des Professors Tochter aus erster Ehe liebt den Doktor und versorgt mit ihrem Onkel Wanja die Landwirtschaft...

Der Aufstieg Amerikas im 19. Jahrhundert war ein Grund für den Verfall der russischen Getreidepreise, der Landadel verlor seine Existenzgrundlage. Im Westen entwickelte sich rasant die Industrialisierung. Die russische Wirtschaft blieb rückständig. Ausländische Investoren kauften Land, beuteteten Bodenschätze aus, Wälder wurden abgeholzt. Die Zerstörung der Natur ist ein wichtiger Aspekt bei Tschechow. Geräusche eines Aufstandes umtosen die Szenen aus dem Landleben.

Fachwechsel für Ofczarek

Wurde Nicholas Ofczarek durch den Salzburger „Jedermann“ geläutert? Er spielt jetzt nicht mehr die Kraftkerle, deren tollster der Obermacho in „Braunschlag“ ist, sondern widmet sich auch den Gescheiterten. Das ist gewöhnungsbedürftig, umso mehr, als die ersten zwei Bilder die schwächsten dieses mit über zweidreiviertel Stunden langen, doch überwiegend kurzweiligen Abends sind. Die wortgewaltigen Leiden dieses Wanja, der Weibern schwerlich gefallen kann mit seinem Schmerbauch und der Aufmachung eines Mannes, dem es seit Langem egal ist, wie er aussieht, berühren weniger als sein Strahlen und seine entzückenden Annäherungsversuche an Elena.

Einmal mehr beweist Hartmann sein Händchen für Besetzungen. Caroline Peters macht als Elena zum Start im roten Kleid Furore, dann geht es mit ihr rasant bergab. Am Ende wirkt sie gerupft, eine Society Lady, zerrüttet von Fadesse und ungewohnten Leidenschaften gleichermaßen. Sarah Viktoria Frick zeigt eine weitere Variante ihrer bizarren Mädchen. Jetzt könnte mal mit der Zeit etwas Neues kommen. Aber hier ist sie grandios als Sonja, das hässliche Mauerblümchen mit Riesenbrille und Wuschelkopf, das dem Doktor hinterherhampelt und von diesem nicht einmal bemerkt wird.

Michael Maertens ist die heimliche Hauptperson des Abends. Als Waldschratt bildete sich Tschechow wohl selbst ab, aus dem Waldschratt wurde der Arzt Astrow, ein Mann, der von seinem Wissen und seiner Weisheit, auch was das Weib angeht, derart niedergedrückt wird, dass er kaum mehr leben kann. Maertens erzeugt leise und virtuos ein Feuerwerk skurrilen Humors, knurriger Junggesellenhaftigkeit, seelenvoller Einsamkeit, tolpatschiger Erotik. Nur am wienerischen „Etschipetsch“ (Ätsch) muss der gebürtige Hamburger noch etwas arbeiten.

Das unheimliche Alter

Gert Voss ist anfangs ein etwas zu bernhardesker Professor, nicht mehr ganz taufrisch die Idee. Doch zeigt er später seine facettenreiche Charakterisierungskunst an diesem Gelehrten voll routinierter Rhetorik und borstigem Charme. Hinter der Fassade dieses Grandseigneurs lauern Hypochondrie, Verzweiflung. Voss hustet, betrachtet seinen bloßen Fuß, betastet seine Halsschlagader, stürzt zu Boden, schreit nach Medizin, schikaniert alle – und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Barbara Petritsch zeichnet sparsam die elegante Seniorin, die mit ihren Emanzipationsträumen auf dem Land versauert ist. Elisabeth Orth spielt gewohnt warmherzig die alte Kinderfrau und Branko Samarovski gibt den verarmten Gutsbesitzer Telegin. Insgesamt ist hier erneut eine wunderbare Ensembleleistung zu erleben. Keinen unbedeutenden Anteil an der Wirkung hat die spritzige Übersetzung von Angela Schalenec und Arina Nestieva.

Hartmann muss nicht nur das große Burg-Imperium füllen. Er will wohl auch als Regisseur punkten, in den Olymp, die Hall of Fame, zum Theatertreffen nach Berlin usw. Das Wiener Publikum hat er schon, manchen gilt er trotzdem noch immer als Dünnbrettbohrer. Nach dieser Aufführung würde er aber auch von Skeptikern Lob verdienen. Warum schon wieder Wanja? Das hat er überzeugend erklärt.

facts

Anton Tschechow.Geboren 1860, harte Jugend, Arzt, starb 1904 an Tbc.

Onkel Wanja, 1899.Uraufführung am Moskauer Künstlertheater mit Olga Knipper, der späteren Frau Tschechows.

Darsteller. Traugott Buhre, Will Quadflieg, Josef Meinrad spielten Wanja, Erika Pluhar oder Elisabeth Augustin die Elena, Fassbinder inszenierte Wanja mit Karlheinz Böhm als Astrow.

Von Stein zu Castorf.Peter Stein inszenierte Tschechow vor dem Hintergrund der sich ankündigenden Revolution, jedoch edel. Frank Castorf zeigte bei den Festwochen brutal, wie elend das Volk lebte. Er verband „Drei Schwestern“ mit Tschechows Erzählung „Die Bauern“, auch im Programmheft der Burg-Aufführung zitiert. Astrow-Lewin, Letzterer ist ein Tolstoi-Held in „Anna Karenina“, ab 23. 11. im Volkstheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2012)