Auf Belgrad wächst der Druck, Mladic und Karadzic auszuliefern.
WIEN. Eigentlich hätte man in Belgrad in Jubel ausbrechen müssen, angesichts der Tatsache, dass mit General Ante Gotovina ein Mann verhaftet wurde, der Kriegsverbrechen an Serben begangen haben soll. Doch das Gegenteil ist der Fall: "Serbiens Öffentlichkeit ist schockiert", berichtet die serbische Menschenrechtsaktivistin Natasa Kandic der "Presse". Jetzt, da Kroatiens letzter Kriegsverbrecher in Haft sei, wachse der Druck auf Belgrad, ebenfalls mit dem Tribunal in Den Haag zu kooperieren, so Kandic. Die Chefin des Belgrader Menschenrechtsfonds nimmt derzeit in Wien an einer internationalen Konferenz zu Serbien-Montenegro teil, die vom Institut für Donauraum und Mitteleuropa (IDM) veranstaltet wird.
Kroatien ist für Serbien eine Art Modell auf dem Weg in die Europäische Union. Und so war es Belgrad gar nicht unrecht, dass Zagreb EU-Beitrittsverhandlungen starten durfte, obwohl Gotovina noch in Freiheit war. Serbiens Regierung dachte dabei an seine eigenen Probleme in punkto Kriegsverbrecher. Der ehemalige Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und sein früherer Armeechef Ratko Mladic werden noch immer gesucht.
Mladic soll sich Gerüchten zufolge in Serbien verstecken. Deshalb hatte der Westen eine Auslieferung des Ex-Generals immer wieder als Vorbedingung für Belgrads Annäherung an die EU und die Nato genannt. Im Oktober nahm die Union dann mit Serbien-Montenegro Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen auf: Zwar unter dem Hinweis, die Anstrengungen bei der Suche nach Mladic müssten intensiviert werden. Doch in Belgrad wuchs die Hoffnung, der Westen messe der Kriegsverbrecherfrage nicht mehr so große Bedeutung zu.
"Die Regierung in Belgrad hatte schon geglaubt, die volle Kooperation bei der Jagd nach Karadzic und Mladic sei keine Bedingung mehr für ein EU-Assoziierungsabkommen", berichtet Kandic. "Doch jetzt gibt es für Serbien kein Entrinnen mehr. Jetzt muss es seine Verpflichtungen erfüllen." Serbiens Premier Vojislav Kostunica müsse nun zeigen, ob er die volle Kontrolle über die Streitkräfte hat, so Kandic. Sie ist nämlich überzeugt davon, dass nach wie vor Teile der serbischen Armee und des Geheimdienstes General Mladic beschützen.
Kandic beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen auf dem Balkan. Vergangenes Frühjahr war sie bei ihren Recherchen auf ein Video gestoßen, das für erhebliches Aufsehen sorgte. Darauf ist die Erschießung von Moslems durch Angehörige der Sondereinheit "Skorpione" zu sehen - ein Beweis für die serbischen Gräuel in Bosnien.