Nur das kleine Mitgliedsland Luxemburg ist in der Europäischen Kommission mit weniger Beamten vertreten als Österreich.
Brüssel. Die jüngsten Beförderungen von zwei Österreichern in Spitzenpositionen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land bei den Top-Jobs in der EU unterrepräsentiert ist. Zuletzt avancierten zwar Günther Hanreich zum Chef der Statistikbehörde Eurostat und Hubert Weber zum Präsidenten des Europäischen Rechnungshofes; die neueste Statistik der EU-Kommission zeigt aber ungeschminkt die Bedeutung österreichischer Bediensteter in der Union: Von 8100 Akademikern in der Kommission stellt Österreich nur 199.
Die Kommission zeichnet für fast alle Gesetzesinitiativen verantwortlich und fungiert überdies als Exekutivorgan der Union. Insgesamt sind, vom Generaldirektor bis zum Portier, 380 Österreicher bei der Kommission beschäftigt, bei der insgesamt 17.062 Leute im Sold stehen. Von den 15 alten EU-Staaten weist damit nur Luxemburg mit 273 Beamten eine dünnere Personaldecke auf.
Mit Österreich vergleichbare Länder wie Schweden und Finnland, die auch zu selben Zeit der Union beitraten, verfügen über gut 40 Prozent mehr Bedienstete in Brüssel und den diversen Außenstellen der Kommission.
Das ist, nach den Worten von Österreichs EU-Botschafter Gregor Woschnagg, zu einem großen Teil auf deren starke Vertretung im Übersetzungsdienst der EU zurückzuführen, die in den Sprachen der beiden skandinavischen Länder nach dem Beitritt Finnlands und Schwedens erst aufgebaut werden musste. Heimisches Personal war in diesem Bereich nicht gefragt, da die Deutsch-Übersetzungen ja schon vor Österreichs Mitgliedschaft voll abgedeckt wurden.
Die Aussichten auf eine bessere Repräsentanz heimischer Beamter in Brüssel sind angesichts des Vormarsches von Kollegen aus den neuen Mitgliedsstaaten nicht besonders rosig: "Der Kampf um die Spitzenjobs wird noch schwieriger", meint der österreichische EU-Botschafter. Er hat in den letzten Jahren versucht, Landsleute durch eigene Vorbereitungskurse auf die Aufnahmeprüfung der Kommission ("Concours") vorzubereiten und so die Quote der Neuzugänge zu erhöhen. Nun sind aber zuerst einmal die neuen Mitgliedsländer bei der Postenbesetzung dran. Mit speziellen Auswahlverfahren werden nun die für sie vorgesehenen Stellen gefüllt. Eigene Concours für Österreicher wie nach dem österreichischen Beitritt vor zehn Jahren gibt es heute nicht mehr.
Die meisten Beobachter in Brüssel stimmen überein, dass die dünne österreichische Personaldecke auf Versäumnisse der Vergangenheit zurückzuführen sei: Weder die Wiener Regierung noch die Ständige Vertretung in Brüssel oder gar Ex-Kommissar Franz Fischler sollen die Förderung und Vernetzung der Österreicher in den EU-Institutionen als Priorität angesehen haben. Immer wieder berichten heimische Beamte sogar von Rivalitäten innerhalb dieses Dreiecks. Erst gegen Ende seiner zweiten Amtsperiode habe Fischler Initiativen gesetzt, heißt es.
Woschnagg kann dies naturgemäß nicht bestätigen. Die magere Ausbeute an Top-Jobs hänge auch mit dem häufigen Ausscheiden von Österreichern aus aussichtsreichen Positionen zusammen. Viele Landsleute hätten überdies Probleme mit den EU-Anforderungen eines modernen Verwaltungsmanagements und einer "politischen Gestaltung", die dem klassischen heimischen Beamten nicht gerade in die Wiege gelegt würden.
"Der Kampf um
die Spitzenjobs wird
noch schwieriger."
Österreichs EU-Botschafter Woschnagg
Tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren viele Spitzenbeamte vorzeitig ausgemustert oder haben die Kommission verlassen. Wolfgang Burtscher beispielsweise, derzeit noch Direktor im Bereich Landwirtschaft, wurde zum Richter am Verfassungsgerichtshof in Wien bestellt.
Andere schaffen den Sprung in einflussreiche Positionen ohne nationalen Anschub. Die "einfache" österreichische Kommissionsbeamtin Elisabeth Werner etwa wurde vom estnischen Kommissar Siim Kallas in sein Kabinett geholt. Offizielle österreichische Stellen hatten sie davor nie kontaktiert.
Andere auf einflussreichen Kabinettsposten sitzende Landsleute berichten, den heimischen Regierungsstellen immer wieder offensiv ihre Dienste angeboten zu haben. Das sei aber vergeblich gewesen - dabei wandern jede neue Gesetzesinitiative und jeder wichtige Verwaltungsakt vor Beschlussfassung über die Kabinettstische.