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Dollfuß entehren? So nicht, Klub der Totenrichter!

Die Idee einer Entehrung der Gräber wehrloser Toter bleibt moralisch und historisch unverständlich. Die Aktion zielt offensichtlich an erster Stelle gegen Engelbert Dollfuß, Schlüsselfigur des österreichischen Staatswiderstandes gegen NSDAP.

Es klingt fantastisch, ist aber leider wahr. Eine Kommission des Wiener Stadtrates erwägt die Entehrung von solchen Ehrengräbern, deren Tote nach Meinung der Kommission keiner Ehrung wert sind. Es mag ein erhebendes Gefühl sein, zu diesem Klub der Totenrichter zu gehören. Im Ausland wäre das so, als würde man George Washington oder Napoleon posthum Ehrungen entziehen, weil Ersterer Sklavenhalter gewesen ist und der zweite Frankreichs Erste Republik mit Kartätschen zerschlug, um sich zum „Kaiser“ und Diktator zu machen.

Die letzte große Aktion zur Entehrung vormals geehrter Gräber hat im China der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ stattgefunden!

An erster Stelle der zu Entehrenden steht Engelbert Dollfuß, der aber auch nach zeitgenössischer Meinung westlicher Demokratien die bedeutendste Persönlichkeit des österreichischen Staatswiderstandes gegen NSDAP und Drittes Reich gewesen ist.

 

Auslandsstimmen von damals

Stellvertretend für viele ähnliche Bewertungen schrieb der britische „Observer“ vom 29.Juli 1934: „Dr. Dollfuß, der heldenmütig das schwache Österreich ... verteidigte, ist der Preis, der für den Weiterbestand Österreichs bezahlt werden musste. (...) Aber damit hat Dollfuß in unvergesslicher Weise sowohl Österreich als auch Europa gedient. Dr. Dollfuß hat mehr als irgendein Mann in Europa getan, um Europa – einschließlich Deutschland – vor dem Nazi-Terror Berlins zu bewahren.“

Frankreichs Außenminister Louis Barthou hatte im Juni 1934 erklärt: „Frankreichs ganze Macht steht hinter der Unabhängigkeit Österreichs (...) wie sie durch die Persönlichkeit des Bundeskanzlers verkörpert wird. (...) Wir stehen voll auf der Seite der Dollfußregierung.“

Nach einem ersten Mordanschlag auf Dollfuß berichtete die US-Gesandtschaft in Wien u.a.: „Die übereinstimmende Ansicht von Presse und ausländischen Beobachtern ist, dass es niemanden heute in Österreich gibt, der Dollfuß bei der Fortsetzung der ... Politik in Österreich ersetzen könnte.“ Für viele Anhänger des Kanzlers sprechend, schrieb das „Wiener Jüdische Familienblatt“: „Dollfuß heißt Österreich. Der Kanzler hat uns zum Vaterland geformt.“

Schon im Mai 1933 hatte es Dollfuß als erster europäischer Regierungschef gewagt, Hitlers großdeutscher Politik mit der Gründung der Vaterländischen Front konfrontativ entgegenzutreten, woraufhin Hitler befand, dies bedeute den Beginn einer „Verschweizerung“ Österreichs.

Folglich setzte er den sogenannten „Generalangriff“ der NSDAP gegen Österreich in Bewegung. Dessen Parole hatte gelautet: „Wer Österreich besitzt, beherrscht Mitteleuropa“.

 

„NSDAP ist verbrecherisch“

Anderthalb Jahre lang überzog die NSDAP Österreich mit einer landesweiten Welle von Sprengstoffterror mit bis zu 124 Sprengstoffanschlägen pro Monat, einer Flut in Deutschland gedruckter Propaganda, Wirtschaftskrieg und Mordanschlägen auf führende Persönlichkeiten.

Als erster Chef einer europäischen Regierung erließ Dollfuß im Juni 1933 ein Totalverbot der NSDAP und erklärte, der Nationalsozialismus sei „Verbrechertum auf der Basis einer verbrecherischen Ideologie“. Österreich wurde in Europa zur wichtigsten deutschsprachigen Stimme der Kritik am Nationalsozialismus.

Dollfuß verstärkte das Heer und konzentrierte das gesamte Sicherheitssystem. Angesichts der heute oft vergessenen Tatsache, dass drei politische Parteien – Großdeutsche, NSDAP und Sozialisten – am Ziel des Anschlusses (Sozialisten erst wieder nach Hitler) festhielten, gründete er mit der Vaterländischen Front Österreichs allererste Bewegung, die gewillt war, sich militant für Österreichs permanente Unabhängigkeit und Identität einzusetzen.

 

Karl Renners „freudiges Ja“

Der geehrt bleibende Karl Renner hingegen hatte Österreich 1932 verächtlich als „verkrüppeltes Zwergwirtschaftsgebilde“ bezeichnet, dessen Heil im Anschluss liege, hatte 1938 mit einem „freudigen Ja“ für den Anschluss geworben und Dollfuß für dessen Festhalten am kleinen Neuösterreich scharf kritisiert.

Trotz Morddrohungen, eines ersten Mordanschlags und der Vorahnung seines baldigen Todes hat Dollfuß Österreichs Widerstand anderthalb Jahre lang durchgehalten, bis er als einziger Regierungschef der NS-Ära zwar sein Leben geopfert, und doch die erste Runde des Kampfes um Österreich und Europas Status quo gewonnen hat. Die bei der Niederwerfung des NS-Aufstandes im Juli 1934 gefallenen österreichischen Soldaten waren – im Grunde genommen – die ersten Gefallenen des Zweiten Weltkrieges.

Wie der Historiker Golo Mann bemerkte, zeigte Dollfuß, dass es selbst einem kleinen Staat möglich sei, erfolgreich Widerstand zu leisten. Hitler brach den Kampf ab, und seine Führung gestand die Niederlage ein. Doch die Status-quo-Mächte verstanden es nicht, die gewonnene Zeit zu nützen.

Österreich blieb noch fünf Jahre lang von NS-Herrschaft frei. Die stärkere, mit zwei Großmächten verbündete Tschechoslowakei hatte schon nach fünf Monaten kampflos kapituliert.

 

Kritikwürdige Dollfuß-Diktatur

Gewiss, die von Dollfuß eingeführte Diktatur ist ohne Zweifel kritikwürdig. Doch gilt die Frage, wie man ein Land regiert, in dem bewaffnete Privatarmeen politischer Parteien einander mit Bürgerkrieg bedrohen, in dem das Parlament sich mit unverantwortlichen Tricks seiner Präsidenten und angesichts eines Stimmenverhältnisses von 81 gegen 81 selber lahmlegt, in dem das Vertrauen in Demokratie schwindet, Hitler samt NSDAP lautstark Neuwahlen fordern, um in Österreich, ebenso wie zuvor in Deutschland, mit quasi legalen Methoden zur Macht zu gelangen und in dem der landesweite Sprengstoffterror der Nazis die Bevölkerung in Schrecken versetzt.

Der von Richard Bernaschek 1934 gegen das Verbot seiner eigenen Parteiführung eigenwillig provozierte Bürgerkrieg stürzte Österreich in größte Gefahr und wurde aus Sicht der Regierung als Aktion gedeutet, die der gegen die Nazis kämpfenden Front in den Rücken fiel, bei der 430 Österreicher getötet wurden. Daher war kaum Anlass zur Milde geboten.

Obwohl die bloße Idee einer Entehrung der Gräber wehrloser Toter moralisch, historisch und ästhetisch unverständlich bleibt, wäre dennoch zu begrüßen, wenn sich der Vorschlag von Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny durchsetzen könnte, die Gräber historischer Persönlichkeiten künftig wertneutral als „historische Gräber“ zu bezeichnen und zu behandeln.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Gottfried-Karl Kindermann (*1926 in Wien) studierte an den Universitäten Wien, Freiburg, Stanford/Kalifornien und Chicago. John F. Kennedy Fellow der Harvard Universität. Em. Ordinarius für Internationale Politik der Universität München, aktiver Professor auch für Neuere Geschichte an der Hochschule für Politik München. Publikationen u.a.: „Österreich gegen Hitler. Europas erste Abwehrfront 1933–1938“ (Langen Müller Verlag 2003). [Langen Müller Verlag]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2012)