Wem gehört der Radetzkymarsch? Uns!, sagt US-Agentur.

Ein Dirigent stellte eine Johann-Strauß-Aufführung auf YouTube – und wurde prompt der Urheberrechtsverletzung beschuldigt.

Zu den Blüten, die der stetig eskalierende Kampf um die Urheberrechte weltweit schon getrieben hat, hat sich in den letzten Tagen ein besonders hübsches Exemplar mit Österreich-Bezug gesellt. Fabriziert haben es YouTube und die Harry Fox Agency; Letztere ist weltweit die führende Verwertungsgesellschaft für Musikaufnahmen.

Diese Agentur also kontaktierte jüngst den Leiter des thailändischen Jugendorchesters Siam Sinfonietta, Somtow Sucharitkul. Er habe den Radetzkymarsch von Johann Strauß Vater aufgeführt und eine Videoaufnahme davon auf YouTube gestellt. Damit verstoße er gegen die Urheberrechte, die bei der Harry Fox Agency liegen würden.

Nun ist Johann Strauß, wie man auch in den USA wissen müsste, seit 163 Jahren tot. Die Harry Fox Agency mag ja die Rechte auf irgendeine Bearbeitung des Radetzkymarsches halten. Aber die jungen thailändischen Musiker spielen keine Bearbeitung, sondern eindeutig (und gar nicht schlecht) das Original, wie jeder auf YouTube nachprüfen kann; dort ist die Aufnahme unter dem Titel „Radetzky March from Bangkok“ zu hören.

Unberechtigte Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen sind Menschen, die häufig Musikbeiträge auf YouTube stellen, mittlerweile gewohnt. Aber obwohl der Dirigent Somtow Sucharitkul der Agentur auf ihre Klage sofort antwortete, wurde die Beschwerde nicht zurückgenommen. Und so erhielt Sucharitkul schließlich von YouTube die Nachricht, dass die Verwertungsgesellschaft ihn klagen oder die Entfernung des YouTube-Films erzwingen könnte.

Somtow Sucharitkul, auch unter dem Künstlernamen S.P. Somtow bekannt, ist alles andere als ein Unbekannter. Der in den USA und Thailand beheimatete Künstler ist nicht nur Komponist, er schreibt auch auf Englisch Science-Fiction-, Horror- und Fantasygeschichten, wofür er schon den World Fantasy Award erhielt. Seine zweite Antwort an die Agentur hat er auf seine Facebook-Seite gestellt. Vertreter der österreichischen Botschaft seien bei dem Konzert, dessen Aufnahme er ins Netz gestellt habe, anwesend gewesen, schreibt er da. „Und da dieses Stück praktisch eine zweite österreichische Hymne ist, bin ich mir sicher, dass sie sich gegen die unrechtmäßige Aufführung eines nationalen Schatzes verwehrt hätten.“ Sucharitkul bietet der Agentur aber auch seine Hilfe an: Er könnte bei der österreichischen Botschaft eine Kopie von Strauß' Sterbeurkunde besorgen.

Das wird nicht nötig sein. Es sei YouTube gewesen, das die Aufnahme fälschlich als Leopold Weningers „Radetzkymarsch“-Bearbeitung identifiziert und die Agentur informiert habe, heißt es bei der Verwertungsgesellschaft. Man bitte vielmals um Entschuldigung...

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2012)

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