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„Der Mentor“: Etüde über Ruhm, Neid, Versagen

Der Mentor
Der Mentor(c) APA/SEPP GALLAUER (SEPP GALLAUER)
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Herbert Föttinger inszeniert Daniel Kehlmanns zweites Stück: Es ist als Text recht bescheiden, doch der Regisseur zeigt beherzt seine Theaterpranke, auch als kurzfristiger Einspringer auf der Bühne.

Daniel Kehlmanns Bühnenstück „Der Mentor“ wurde am Theater in der Josefstadt von dessen Direktor Herbert Föttinger gleich zweifach gerettet. Drei Tage vor der Uraufführung am Donnerstag erkrankte Michael Degen, der die tragende Rolle als alter Dramatiker spielen sollte. Föttinger sprang ein und bot für dieses Impromptu eine tolle Leistung – als ob er immer schon für diesen Charakter vorgesehen wäre. Er beherrschte nicht nur den Text, sondern dominierte die ganze Aufführung.

Entsatz Nummer zwei: Als Regisseur hat Föttinger aus dieser Petitesse beachtlich viel herausgeholt, denn „Der Mentor“, der satirisch vom Kulturbetrieb und dem Theaterwesen handelt, ist im Vergleich zu Kehlmanns tollem ersten Drama „Geister in Princeton“ trivial. Es hat zwar stellenweise Esprit und lässt dann durchschimmern, wie intelligent der Autor von „Die Vermessung der Welt“ ist, wie viel Talent er auch für ein Boulevardstück hat, aber in diesem Fall entsprach nur die Inszenierung, während der Text etwas unter den Erwartungen blieb. Ein paar Anspielungen auf Tschechow und ein paar platte Bemerkungen zum postdramatischen Unwesen sind nicht abendfüllend. Es fehlt Kehlmann diesmal die Pranke.

 

Eitle und einsame Schriftsteller

Föttinger aber hat sie, wenn man vom musikalischen Zierrat mit Tango und reichlich Schmalz absieht, sowie der impressionistisch angehauchten kleinen Rahmenhandlung mit transzendenten Lichtspielen, was nur vom Kern ablenkt. Der Schauspieldirektor macht mit seinen Mitspielern das Beste aus dem Abend – eine zügige Kammerspielerei von 90 pausenlosen Minuten, bei der man gelegentlich herzhaft lachen kann. Denn boshaft sind die Charaktere hier allemal.

In „Der Mentor“ geht es vordergründig um die Eitelkeit und Einsamkeit von Schriftstellern. Die Handlung (ohne allzu viel zu verraten): Benjamin Rubin (Herbert Föttinger), ein Autor, der im Alter von 24 Jahren mit seinem ersten Stück weltberühmt wurde und an diesen Erfolg über die Jahrzehnte nie mehr richtig anschließen konnte, wird von einer Kulturstiftung eingeladen, fünf Tage lang Mentor für einen jungen Autor zu sein. Er soll mit ihm in einer Jugendstil-Villa (man spielt im Kies davor im Garten) an dessen zweitem Stück arbeiten. Schon die erste Begegnung mit Martin Wegner (Florian Teichtmeister), der mit Gattin Gina (Ruth Brauer-Kvam) anreist, läuft schief. Rubin erfährt, dass der junge Kollege ein gleich hohes Honorar erhält. Kaum gelingt es dem dienstbeflissenen Funktionär Wangenroth (Siegfried Walther), den Konflikt zu entschärfen. Es geht nun nur noch um beinharte Konkurrenz, nicht nur um das Werk, sondern schließlich auch um die Gunst der Frau.

Wie also legt Föttinger den berühmten Dichter an? Mit dunkler Brille starrt er ins Leere, ein mürrischer Herr, der Überheblichkeit verströmt. Er erzählt die immer gleichen Geschichten, und da ist Föttinger sehr präzis. Wenn er als Rubin zum dritten Mal dieselben Weisheiten über Whisky verbreitet, zeigt er, dass dieser Literat längst seine Sprachmacht verloren hat, nur noch sich selbst reden hört. Wenn er Rivalität spürt, wird er garstig. „Ich bin kein Kellner“, protestiert Wangenroth, den Walther als feine Nebenrolle gibt, und doch verkörpert dieser Gastgeber pure Servilität. Auch der Kultur-Fuzzi will eigentlich Künstler sein, bildender sogar, doch er ist der Inbegriff des Scheiterns. Niemanden interessieren die Bilder auf seinem Smartphone.

In dieses Stadium der brutalen Ignoranz muss der junge Dramatiker, der hier dem alten Dichter und schließlich dem Urteil der Frau ausgesetzt ist, erst kommen. Teichtmeister spielt Wegner als smarte Hoffnung. Mit großer Arroganz hat er es von Anfang an im Kräftemessen mit dem Altmeister auf Konfrontation angelegt. Dabei bleibt er jedoch filigran und durchsichtig, besonders, wenn er, vom Alten zurückgewiesen, um die Anerkennung von Gina bettelt. Mit ihr redet er fast ungeschützt, ohne die Strategie, die er sich bei Rubin zurechtgelegt hat. Das macht diesen jungen Dichter fast menschlich.

 

Vernachlässigt von elenden Skribenten

Seine sich verweigernde Muse, die sich willig dem Klassiker zuwendet, wird von Brauer-Kvam ziemlich kühl gespielt. Der Text gibt für sie auch kaum etwas her in dieser Testosteron-Show gehobener Literatur. Kein einziger passabler Monolog für diese Frau zwischen elenden Skribenten, nicht einmal ein geistreicher Kontrapunkt! Gina ist bloß eine Projektionsfläche in einer Etüde über Männer, die von Ruhm getrieben, von Neid und Versagen geplagt werden.

Die Wortspielerei wird allein den versagenden Schöpfern überlassen. Dann und wann huscht dabei sogar, wenn sich die Dichter kampfbereit am langen Tisch gegenübersitzen, ein Bonmot vorbei. Die mörderische Frage Rubins aber lautet: „Müssen Sie unbedingt schreiben?“ Da sieht man bei Föttinger geradezu den Dolch blitzen. Einig sind sich die Dichter nur, wenn sie über Kritiker herziehen, über die Mätzchen von Regisseuren. Solchen aber sind nervöse Blender wie Rubin und Wegner ausgeliefert. Die Telefonate, die das Dichtertalent mit Kultur-Mafiosi führt, sind vernichtend. Im Umgang mit ihnen hilft nur Resignation. Wangenroth, der seinen Beruf hinschmeißt, um nur noch Künstler zu sein, nimmt das Scheitern schon weise voraus: „Vielleicht gibt es Genies, aber ich habe noch keines getroffen.“

Bühne für den Bestsellerautor

Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien und Berlin. Sein fünftes Buch, „Die Vermessung der Welt“, wurde eines der erfolgreichsten Werke der deutschen Literatur der Nachkriegszeit und ein internationaler Bestseller. Die Verfilmung des Romans durch Regisseur Detlev Buck ist seit zwei Wochen in den Kinos zu sehen.

Dem Theater wandte sich Kehlmann vor drei Jahren zu. Sein Debüt „Geister in Princeton“ wurde 2011 in Graz uraufgeführt. Im Theater in der Josefstadt folgte soeben „Der Mentor“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)