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Totenglöckchen läutet für 150 wissenschaftliche Zeitschriften

Durch Wegfall von Fördersummen sind zahlreiche österreichische wissenschaftliche Publikationen massiv gefährdet.

Wie auch in der „Presse“ (14.Oktober) berichtet wurde, hat der Österreichische Forschungsförderungsfonds (FWF) informiert, dass in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung eine dreijährige Anschubfinanzierung zur Etablierung innovativer Open-Access-Fachzeitschriften in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften von insgesamt 500.000 Euro geschaffen wurde.

Open Access bedeutet, dass wissenschaftliche Zeitschriften im Internet frei und kostenlos zugänglich gemacht werden. Der FWF und das Ministerium sehen dies als einen Weg, um den geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften besser als bisher eine Verbreitung ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse zu ermöglichen. Das ist sehr zu begrüßen.

Das FWF-Modell bringt jedoch keine Lösung der Schwierigkeiten, in die etwa 160 Zeitschriften der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften in letzter Zeit gekommen sind. Bedingt wurde das, in Verbindung mit Kürzungen der Wissenschafts- und Publikationsförderung generell, insbesondere durch die als Folge der Regierungsberatungen in Loipersdorf (Herbst 2010) im Frühjahr 2011 verfügte Streichung der bisherigen Fördersummen.

 

Unverständliche Entscheidung

Bis dahin war es möglich, durch bescheidene jährliche Zuschüsse in der Höhe von 1000 bis 4000 Euro zusätzlich zu den oft unbezahlten Leistungen von den Herausgebern, verantwortlichen Redakteuren, wissenschaftlichen Autoren und Gutachtern eine Grundlage dafür zu schaffen, dass diese Zeitschriften in den nationalen und internationalen wissenschaftlichen Kreisen eine wichtige Funktion erfüllen konnten.

Die Streichung der Fördersummen ist angesichts der geringen eingesetzten Beträge, aber der großen „Hebelwirkung“ eine unverständliche Entscheidung.

In dem vom FWF vorgestellten Fördermodell können nun nicht mehr als sechs bis sieben Zeitschriften finanziell unterstützt werden. Das bedeutet, dass mehr als 150 dieser 160 Zeitschriften, die vielfach auch ein hohes internationales Renommee haben – so sind eine Reihe davon in der 2011 aktualisierten Liste der European Science Foundation in der Topgruppe INT 1 angeführt –, künftig keine Chancen auf finanzielle Förderung mehr haben werden.

 

Erfolglose Verhandlungen

Zudem sieht das FWF-Fördermodell nur eine dreijährige Laufzeit vor. Die Finanzierung danach müsse durch die Forschungseinrichtung selbst oder durch einen „Businessplan“ – der etwa die Einhebung von Autorengebühren vorsieht – sichergestellt sein, vermerkte FWF-Chef Christoph Kratky zur Frage der Nachfolgefinanzierung in einer Pressekonferenz lapidar.

Weiters ist darauf zu verweisen, dass die sture Verknüpfung des neuen Förderungsmodells mit Open Access den Lebensnerv einer Reihe wissenschaftlicher Gesellschaften treffen kann. Die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen durch Open-Access-Zeitschriften ist zu begrüßen, wenn die Erhebung der Daten und der wissenschaftlichen Ergebnisse durch öffentliche Fördermittel erarbeitet wurde.

So weit wir das überblicken, ist dies aber bei sehr vielen Zeitschriften nicht der Fall. Viele der Zeitschriften der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften leben vom Engagement der beteiligten Wissenschaftler und von Mitgliedsbeiträgen, und sie benötigen die öffentliche Förderung als Komplettierung.

Das bedeutet im Klartext, dass Gesellschaften, die ihre Zeitschriften als Mitgliedsbenefit ausgeben, in existenzielle Gefahr geraten: Denn wieso soll jemand Mitglied sein und Mitgliedsbeitrag bezahlen, wenn die Zeitschrift zum kostenlosen Download im Internet verfügbar ist?

Die unterzeichnenden Herausgeber und Wissenschaftler haben auf diese Probleme mehrfach hingewiesen und wurden in diesen Bestrebungen durch Protestpetitionen vieler Kollegen aus den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften von allen österreichischen Universitäten unterstützt. Mehrfache Verhandlungsgespräche mit dem Wissenschaftsministerium verliefen jedoch ohne Erfolg.

Auch wir sind nicht für eine traditionalistische Wiederherstellung des Status quo. Auch wir sehen in der digitalen Verarbeitung und Verbreitung der wissenschaftlichen Zeitschriften eine wichtige und grundsätzlich positive Entwicklung. Wir sind aber auch der Meinung, dass ein Ministerium, das noch dazu von einem Geisteswissenschaftler geführt wird – Minister Töchterle war selbst Mitherausgeber von zwei der nicht mehr geförderten Zeitschriften im Bereich der Altertumskunde – hier akuten Handlungsbedarf hat.

Wir erwarten also eine klare Unterstützungserklärung und konkrete Maßnahmen zur Sicherung der wissenschaftlichen Produktion in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie der Publikationsmöglichkeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses durch das Wissenschaftsministerium.

 

Riskante Politik des Ministers

Minister Töchterle riskiert trotz gegenteiliger Zusicherungen („Ich möchte nicht, dass der Tod geisteswissenschaftlicher Publikationen eintritt“, Interview in der „Furche“, 22.Juni) eine ernste Gefährdung der Entwicklung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften in Österreich.

Wie schon die alten Römer wussten: „Ex nihilo nihil fit“. Diese Erkenntnis ist auch heute noch zutreffend: Von nichts kommt nichts.

Univ.-Prof. Christa Ehrmann-Hämmerle, Institut für Geschichtswissenschaft
Univ.-Prof. Klaus Eisterer, Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, Innsbruck
Univ.-Prof. Helmut Kramer, Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien
Univ.-Prof. Oliver Rathkolb, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
Univ.-Prof. Robert Rollinger, Vorstand des Instituts für Alte Geschichte und Altorientalistik, Universität Innsbruck


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2012)