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"Juden müssen die Opferrolle abschütteln"

Menasse; Juden; Rede an uns; Shoah; Buch
"Juden müssen die Opferrolle abschütteln"(c) EPA (SEBASTIAN KAHNERT)

Peter Menasse sucht mit dem Buch "Rede an uns" die Provokation. "Opfer nerven", daher solle sich die jüdische Gemeinschaft "mehr der Zukunft zuwenden".

"Pfeift auf die Opferrolle, zeigt der Welt, wo es langgeht." Peter Menasse, Chefredakteur des jüdischen Magazins "NU", wendet sich mit einem provokanten Appell an die Juden Österreichs und Deutschlands. Das Kernargument des am Montag präsentierten Buchs "Rede an uns": Die Shoah, die Massenvernichtung der Juden, habe keinen Bezug mehr zur Gegenwart der Jungen: "Für einen heute Vierzehnjährigen liegen die Taten der Nationalsozialisten so lange zurück wie für einen Rentner der Tod von Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera". Die heutigen Deutschen und Österreicher seien nicht die Täter von damals, und: "Wir heutigen Juden sind keine Opfer".

Der Umgang mit der Shoah zerfalle in zwei Phasen, schreibt Menasse - zuerst das Schweigen, dann die Aufarbeitung und das Gedenken. Jetzt sei es Zeit für eine dritte Phase, "in der wir uns mehr oder sogar ausschließlich der Gegenwart und Zukunft zuwenden müssen". Es sei nun hinreichend bekannt, was während des Nationalsozialismus geschehen sei. "Was aus dem Wissen um die Massenvernichtung der Nationalsozialisten bis jetzt nicht gelernt wurde, wird durch ewige Wiederholung nicht mehr gelernt werden". Schließlich hätten Neonazis und Rechtsaußenparteien trotz all der Gedenkstätten und Erinnerungsprojekte nach wie vor Zulauf. Menasse schließt daraus: "Wir können die Gedenkstätten zusperren".

Das Geld solle man lieber für sozialwissenschaftliche Studien und pädagogische Konzepte ausgeben. Erforschenswert findet Menasse nur noch die Frage des "Warum". Bis heute gebe es nur "Bruchstücke von Thesen" darüber, warum Deutsche und Österreicher „mit Jubel in den Krieg marschierten" . Diese Analyse und der Kampf gegen das "Virus der Diskriminierung" sieht Menasse aber als Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, nicht der Juden. Ihnen rät er, „einen selbstbewussten Gestus einzunehmen" und die „Opferrolle abzuschütteln". Denn: "Opfer sind langweilig, nerven, haben keine Gegenwart und keine Zukunft".

Muzicant-Reaktion auf Strache "völlig absurd"

Dass sich die Mehrzahl der Juden tatsächlich als Opfer fühlt, belegt Menasse nicht. Sein - wie er selbst sagt - "provokantes Pamphlet" richtet sich aber vor allem auch an die Führung der Israelitischen Kultusgemeinde Österreichs (IKG). Mehrmals macht er seinem Ärger über Aussagen von Ex-IKG-Präsident Ariel Muzicant Luft. Dieser habe etwa auf den Vergleich von FP-Chef Heinz-Christian Strache zwischen dem Protest gegen den Burschenschafter-Ball und der „Reichskristallnacht" völlig absurd reagiert. Muzicant hatte Strache eine Verharmlosung der NS-Verbrechen und Wiederbetätigung vorgeworfen. Menasse: "Wer soll denn uns Juden ernst nehmen, wenn unsere höchsten Vertreter das lächerlichste Statement eines selber ständig am Rande der Lächerlichkeit dahinschrammenden Politikers reflexartig mit der Shoah in Verbindung bringen?"

Zum "Ende der Opferrolle" gehört für den Autor auch ein gelassenerer Umgang mit Kritik an Israel. Zwar basiere solche Kritik „allzu oft auf mangelnder Kenntnis der Lage im Nahen Osten", sie verdiene aber immer eine sachliche, argumentative Würdigung. Weder Kritik an Israel noch an Juden sei per se antisemitisch: "Ein dummer Jude muss dummer Jude genannt, ein jüdischer Gauner als solcher bezeichnet werden dürfen."

Menasse wünscht sich von der jüdischen Gemeinschaft, sich an großen Vorbildern der Geschichte zu orientieren und sich auf ihre Stärken („unsere Kernkompetenz ist das Klug- und Kreativsein") zu besinnen: "Wir Juden haben große Leistungen für die Menschheit erbracht. Wir werden das auch in Zukunft tun".

Neuerscheinung

Peter Menasse: „Rede an uns"
edition a, gebundene Ausgabe 112 Seiten
14,90 Euro

Peter Menasse war Pressesprecher von Wissenschafts- und Verkehrsminister Caspar Einem und kaufmännischer Leiter des Jüdischen Museums in Wien. Heute ist er Kommunikationsberater und Chefredakteur des Magazins NU, das sich jüdischen Themen widmet und heutiges jüdisches Leben zeigt.