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Logopädin: "Lispeln ist ein kleineres Thema"

Logopaedin Lispeln kleineres Thema
(c) FABRY Clemens

Die Logopädin Cordula Winterholler spricht sich gegen die Normierung von Kindern aus und empfielt besorgten Eltern im DiePresse.com-Interview nicht gleich eine Therapie, sondern eine Beratung.

DiePresse.com: Sollte eine Vierjährige, die kein sauberes „s“ kann, zum Logopäden gehen?

Cordula Winterholler: Jein. Eigentlich muss das Kind das „s“ mit vier Jahren noch nicht können. Wir erwarten es erst im Vorschulalter oder im Übergang zum Schulalter. Aber man muss sich anschauen, wie die Ausprägung ist. Wenn wir sehen, dass da ein muskuläres Ungleichgewicht herrscht, der Mund offen steht, die Zunge nach vorne verlagert ist und das Kind ein falsches Schluckmuster hat, dann kann es auch zu Kieferverformungen und Zahnfehlstellungen kommen. Das müsste man sich genau anschauen.

Undeutliches Sprechen, Lispeln, wenig Wortschatz - was sind die häufigsten Probleme von Kindern?

Das "Lispeln", der sogenannte Sigmatismus, ist sehr häufig. Das ist auch das, was in der Bevölkerung auffällt. Für uns Logopädinnen ist das aber ein kleineres Thema. Wichtig ist für uns, ob das Kind einen guten Wortschatz hat und mit diesem ein Sprachsystem aufbauen kann. Was sehr oft unter den Tisch fällt, ist die Frage, ob ein Kind die Sprache auch versteht. Kinder, die dies nicht tun, rutschen oft durch, weil sie im Alltag ganz gut funktionieren. Sie fallen erst dann auf, wenn sie sich in unbekannten Situationen sehr ängstlich und unsicher verhalten oder auch abwehrend reagieren – weil sie ihre Umwelt nicht verstehen.

Woher kann das kommen?

Das kann mit einem Hörproblem zusammenhängen oder mit Schwierigkeiten bei der Sprachverarbeitung. Also zum Beispiel das Zuordnen des Wortes Baum zu einer Vorstellung von Baum nicht gelingt.

Tritt das nur dann auf, wenn sich Eltern nicht mit ihren Kindern beschäftigen?

Das würde ich nicht so sagen. Kinder und Eltern sind oft eingespielte Partner. Alltagsroutine ist wie ein Treppengeländer, das das Kind Sprachverständnis-Problematik aber in unerwarteten Situationen verliert. Dann reagiert es häufig mit Rückzug, weil es die Situation nicht versteht.

Aber wenn man mit seinem Kind viel liest, merkt man das doch?

Ja, da könnte man es rausfinden. Wenn man etwa bei bekannten Büchern anfängt zu modifizieren, unsinnige Wörter verwendet, etwa Kuh zum Schwein sagt. Wenn ein Kind hier nicht reagiert, sollte man hellhörig werden.

(c) FH Wiener Neustadt

Zur Person

Die Logopädin und Linguistin Cordula Winterholler ist seit Oktober Studiengangsleiterin für Logopädie an FH Wiener Neustadt. Zuvor war sie an der Friedrich Alexander Universität in Erlangen tätig.



Statistiken zufolge haben bis zu einem Drittel der Kinder eine gestörte Sprachentwicklung haben. Sind es tatsächlich so viele?

Diese Studien sind schwer zu beurteilen, weil es immer unterschiedliche Definitionen von Spracherwerbsstörungen gibt und man genau schauen muss, mit welchem Klientel die Studie gemacht wird. Oft ergibt sich ein verzerrtes Bild. Außerdem muss man sagen: Man setzt ein Kind einer Testsituation aus und bekommt eine Antwort auf den Test. Es ergibt sich also höchstens ein Ausschnitt aus seiner Sprachkompetenz - noch ohne Bezug zu seiner Alltagssprache. Wir müssen neben den Testergebnissen sehen, was das Kind konkret  im kommunikativen Alltag macht und uns überlegen, wo wir pathologisieren.

Was ist unstrittig pathologisch?

Wir wissen, wie die Lautentwicklung verläuft oder wie sich der Wortschatz aufbaut. Wir kennen die grammatikalische Entwicklung. Diese Meilensteine können wir gut beschreiben. Der Schweizer Entwicklungs-Psychologe Remo Largo hat sehr viele Untersuchungen gemacht - auch um zu zeigen, wie individuell Kinderentwicklungen sind, damit wir endlich von der  „punktuellen“ Normierung wegkommen. Er zeigt, dass es Meilensteine gibt, die prozentual in einem gewissen Alter von einem gewissen Anteil erreicht werden. Klassisch: Das erste Wort so um den ersten Geburtstag. Aber manchmal zeigt sich das auch erst mit 18 oder 20 Monaten. Hier muss man schauen, ob das Kind ein später Entwickler ist, also die Sprache entsprechend seiner individuellen Entwicklung verläuft oder ob das Kind wirklich ein Problem hat, z.B. Probleme mit dem Hören. In diesem Moment hilft uns die Statistik nicht.

Trotzdem ist interessant, ob die Zahl der Kinder mit Problemen bei der Sprachentwicklung gestiegen ist.

Das ist sehr strittig. Wir sind sehr viel aufmerksamer und haben viel mehr Testinstrumente, die auch immer differenzierter messen. Deshalb bin ich immer vorsichtig, ob das wirklich ein vermehrtes Outcome ist oder ob wir nicht ganz anders drauf schauen, als wir das früher gemacht haben.

Betreffen Sprachprobleme mehr Buben als Mädchen?

Mädels sind von Anfang an kommunikativer, probieren sich in Sprache mehr aus. Das ist vielleicht auch ein Übernehmen von Rollen. Aber wenn ich mehr kommuniziere, dann übe ich mehr. Beim Rollenspiel der Mädchen sieht man einen ganz anderen Sprachumgang als bei klassischen Spielen der Buben. Auch hier gilt wieder das Prinzip der individuellen Entwicklung und das Schaffen von Spiel- und Sprechanlässen, in denen sich Kinder probieren können

Können Eltern Sprachproblemen vorbeugen?

Sie können ein sprechfreudiges Klima aufbauen. Kommunikation ist immer mit Bindung verbunden. Wie da gesungen, gespielt, miteinander geredet aber auch auch gestritten wird. Sprechanlässe miteinander schaffen ist enorm wichtig, nicht im Sinne eines Ausfragens. Das ist für Kinder ganz schwierig. Wenn Mütter zum Kindergarten kommen, möchten sie natürlich wissen, was das Kind alles gemacht hat. Aber das Kind lebt im Hier und Jetzt, das ist Vergangenheit , da muss es sich mühselig erinnern und es noch in  Worte fassen. Ereignisse, die für das Kind von Bedeutung sind, wird es von selber erzählen.

Soll man ein Vorschulkind ausbessern, wenn es  "unsauber" spricht?

Nein. Das ist überhaupt nicht kommunikationsfördernd. Kinder im Vorschulalter haben noch kein metasprachliches Wissen, denen geht es um eine Botschaft. Sagen wir, ein Fünfjähriger kann kein „k“ sprechen, und er sagt „Tuchen“ statt „Kuchen“. Dann sagt er zu seiner Mutter, dass er „Tuchen“ haben möchte und sie antwortet: „Du kriegst den Kuchen erst, wenn du auch 'Kuchen' sagst.“ Da wird er sehr verblüfft sein, vielleicht auch enttäuscht, denn es geht ihm ja um die kommunikative Absicht. Da sollte die Mutter besser sagen: „Ah, du möchtest den Kuchen haben.“ Und betont das "k" sehr, das nennen wir in der Fachsprache „corrective feedback“.

Wirken sich Sprachprobleme auf Schullaufbahn aus?
Es muss kein Automatismus sein. Wenn ein Kind im Vorschulalter noch ganz große Probleme mit Lautbildung und Grammatik hat, kann es sein, dass es  dann mit Lesen und Schreiben überfordert ist, denn es hat dann noch kein sicheres Sprach- und Sprechsystem. Schriftspracherwerb benötigt aber eine solide Basis in eben diesen Systemen.  Aber zu sagen, dass diese Kinder automatisch Probleme in der Schule haben, schafft Druck auf Seiten der Eltern und Kinder, der nicht sein sollte. Druck ist nicht lern- und entwicklungsfördernd.

Was sagt seine Sprechweise über ein Kind aus?
Wir sind so in unserem Sprachsystem sozialisiert, dass wir unglaublich schnell zu Vorurteilen neigen. Wir verbinden auch schnell Sprache, Sprechen mit Intelligenz – doch auch hier ist das Gesamtbild entscheidend, das Kind in seiner individuellen Entwicklung. Sind Eltern unsicher, weil sie z.B. eine Sprachstörung vermuten oder sie Sorge haben, ihr Kind entwickelt sich nicht altersgemäß, dann ist eine  ausführliche Diagnostik und Beratung notwendig, um die Eltern im Umgang mit dem Kind wieder sicher und kompetent zu machen. Beratung heißt nicht immer gleich Therapie.