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Schattenbanken: Versteckte Bankgeschäfte

Symbolbild(c) EPA (ANDY RAIN)
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Die Schattenbanken bewegen 67.000 Milliarden Dollar im Jahr – und niemand weiß, welches Risiko wirklich dahintersteckt. Versuche, den intransparenten Sektor an die Kandare zu nehmen, sind bisher im Sand verlaufen.

Sie galten in der Finanzkrise 2008 als unbeherrschbare „Brandbeschleuniger“. Und trotzdem boomen die sogenannten „Schattenbanken“, während die „echten“ Banken ihre Bilanzsummen zurückfahren müssen. Versuche, den intransparenten und weitgehend unregulierten Sektor an die Kandare zu nehmen, sind bisher im Sand verlaufen. Auch eine am Dienstag im Europaparlament stattfindende Abstimmung über entsprechende Vorschläge des von der SP-Fraktion beauftragten Berichterstatters Said El Khadraoui wird daran nichts ändern.

Schattenbanken – das sind Institutionen, die „bankähnliche“ Geschäfte ausüben, ohne den strengen Regulierungen der Bankbranche zu unterliegen. Darunter fallen Hedgefonds und Geldmarktfonds ebenso wie jene „Zweckgesellschaften“, in die Banken – auch österreichische – gern Risken aus der Bilanz „auslagern“.

Der internationale Finanzstabilitätsrat (FSB) beziffert in seinem vorgestern in Genf präsentierten Jahresbericht das Transaktionsvolumen der Schattenbanken im Vorjahr mit 67.000 Mrd. Dollar. Damit wären die Schattenbanken für rund ein Viertel aller Finanztransaktionen verantwortlich. Es kann aber auch viel mehr sein: Der FSB selbst sagt, die „Dunkelziffer“ sei hoch. Anders gesagt: Weil der Sektor völlig unreguliert ist, kann man seinen Umfang nur schätzen. Schon deshalb, weil viele der Zweckgesellschaften und Hedgefonds in exotischen Steuerparadiesen residieren, die keine Daten liefern.

Festzustehen scheint, dass zwei Drittel der Schattenbankentransaktionen in den USA und in Europa über die Bühne gehen, und zwar zu je gleichen Teilen.
Viele der im Schatten operierenden Gesellschaften erbringen wertvolle Finanzdienstleistungen: Ohne Absicherung (Hedging) wären viele Geschäfte in der Realwirtschaft zu riskant und deshalb unmöglich. Geldmarktfonds sind wichtige Liquiditätsinstrumente für den Bankensektor.

Weil sie aber keinerlei Regulierungen unterliegen, ist das in ihnen schlummernde Risiko nicht bekannt. Das kommt Banken zupass, die beispielsweise hohe Risken außerhalb ihrer Bilanz verstecken können. Macht sie aber auch zu finanziellen Massenvernichtungswaffen: Bei den De-facto-Pleiten der deutschen Landesbanken und der österreichischen Kommunalkredit/Investkreditgruppe sind die „Todesstöße“ aus schlagend gewordenen Risken in außerbilanziellen Zweckgesellschaften gekommen, die vorher nicht bekannt waren. Und die Eurokrise hat eine beträchtliche Beschleunigung erfahren, als unregulierte Geldmarktfonds den Banken plötzlich große Mengen an Dollarliquidität entzogen.

Dass sich der gesamte Bereich der Staatsanleihenkreditversicherungen (CDS) im unregulierten Bereich abspielt, birgt große Risken für die Zukunft. Und der Beinahestillstand der globalen Finanzwirtschaft 2008 hatte auch damit zu tun, dass Bankbilanzen keinerlei Aussage über den wahren Zustand des Instituts mehr zulassen, wenn die größten Risken in (oft steuerparadiesischen) Zweckgesellschaften ausgelagert sind.

Ringen um Regulierung

Das Ganze schreit nach vernünftiger Regulierung. Die Gruppe der 20 wichtigsten Industrieländer (G20) hat den FSB beauftragt, bis Herbst 2013 Vorschläge für den künftigen Umgang mit Schattenbanken zu machen. Das EU-Parlament stimmt heute über einen Plan ab, der unter anderem ein europaweites Zentralregister für Finanztransaktionen, eine Begrenzung der Bankenkredite an nichtregulierte Unternehmen und eine zwingende Einbeziehung von Zweckgesellschaften in Bankbilanzen verlangt. Allerdings: Eine Lösung, die nicht auf globaler Ebene (etwa im Rahmen der G20) erfolgt, hat wegen der Ausweichmöglichkeiten wenig Wirkung.

Unterdessen kann man nur hoffen, dass bis dahin in Finanzzentren wie Großbritannien oder der Schweiz nichts passiert: Dort erreicht das Volumen der Schattenbanken unterdessen ein Vielfaches der Wirtschaftsleistung.

Auf einen Blick

67.000 Mrd. Dollar erreichte das Transaktionsvolumen der Schattenbanken im Vorjahr. Das Problem: Der Sektor ist völlig intransparent, niemand kennt das dahintersteckende Gesamtrisiko. EU und G20 überlegen nun eine Regulierung des Sektors, der in den jüngsten Finanzkrisen immer wieder als Brandbeschleuniger gewirkt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2012)