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Eine schöne Adventbescherung

Die Weihnachtslieder passten nicht zu den milden Temperaturen. Die Wirtschaft hatte natürlich Interesse an einem langen Weihnachtsgeschäft, aber Stimmung kam bei Martin Mitte November, kaum dass der Herbst sich verabschiedet hatte, nicht auf.

Trotz der morgendlichen Stunde hatten sich schon kleine Menschentrauben um die ersten Punschstände gebildet. Das Aroma von Rotwein, Zimt und Bratäpfeln lag in der Luft, vermischt mit dem alten Fett und dem Knoblauch aus den Langosbuden.
Der Marktleiter, Ing. Sokol, hatte Martin engagiert, um einem veritablen Skandal auf die Spur zu kommen. Er führte den Detektiv in die Mitte des Platzes. Unterhalb einer mächtigen, weihnachtlich geschmückten Tanne war ein Bretterverschlag aufgebaut, den man mit Planen abgedeckt hatte. „Es ist schrecklich!", klagte Sokol, „Wenn ich daran denke, wie viele Kinder dieses Machwerk vielleicht schon ansehen mussten." Er betrat den Verschlag, Martin folgte ihm. Drinnen wurde ihm sofort klar, wo das Problem lag. Die Figuren der Heiligen Familie waren gegen aufblasbare Sexpuppen ausgetauscht worden - nicht gerade beschaulich. Spitze Brüste, wulstige Lippen, und naja, auch der Rest war eindeutig. Die Krippe selbst war leer, das Jesuskind hatte, wenig verwunderlich, Reißaus genommen. Bei näherer Beschau stellte Martin fest, dass dort jemand eine Puppe platziert haben musste, die inzwischen zur Decke aufgestiegen war, wo sie schwebte: Mandy! Er kannte das Model aus früheren Tagen, als er ... Aber diese Zeiten waren zum Glück vorbei.
„Und Sie glauben, dass es sich um eine Racheaktion handelt?", fragte er den Marktleiter.
„Was sonst? Es gibt bei solchen Märkten immer ein paar, die nicht zum Zug kommen, oder die mit der Standeinteilung nicht zufrieden sind."
„Könnten Sie mir deren Namen geben?"
Martin suchte den ersten Stand, deren Inhaberin sich über die Zustände am Markt beschwert hatte, auf. Die Betreiberin war eine jugendlich wirkende Enddreißigerin mit kleinem, schmalem Gesicht. Die Haare trug sie kurz geschnitten und rot gefärbt. Sie thronte in einem Reich aus Esoterik und Bioalternativkunst. Räucherstäbchen überdeckten hier sogar die Alkoholpunschwolke.
„Sie sind also mit dem Stand nicht zufrieden?", fragte Martin während sein Blick über Räucherschalen, Tongefäße und fair gehandelte Tees kreiste.
„Was heißt mit dem Stand? Der ganze Markt ist eine Schande. Nur kommerzieller Ramsch, hier bleibt doch gar keine Zeit für Einkehr und Meditation. Aber wenigstens ist die Krippe nicht mehr zu sehen."
„Sie wollen die Krippe also nicht?"
„Bürgerliche Sentimentalität, außerdem bin ich Atheistin."
„Sie finden also gut, was passiert ist?"
„Das hab ich nicht gesagt. Ich habe dieses, ähm, Lustspielzeug gesehen. Schrecklich, das Sinnbild für die Erniedrigung und Ausbeutung der Frau. Wollen Sie vielleicht einen Kräutertee kosten?"
Martin trank den Tee aus. Dann suchte er den nächsten Stand am Ende des Marktes auf. Die Hütte war vollgeräumt mit Holzspielzeug. An der geöffneten Ladenluke hingen Plüschtiere und Luftballons. Im Inneren des Holzbaus war ein rundlicher Mann mit Vollbart und Hornbrille damit beschäftigt, weitere Kartons zu schlichten. Martin beobachtete, wie er sich schnaufend bückte und danach sein Kreuz durchstreckte. Auf dem vor Anstrengung geröteten Kopf trug er trotz der milden Temperaturen eine Fellmütze. Martin trat an den Stand heran. Der Mann packte ein paar Luftballons aus und rief zu seinem Gehilfen, der vor der Hütte Dekoration anbrachte: „Geh Kurti, sei so nett und blas die Ballons auf, ich derf des mit meiner Lunge ned!"
Martin machte auf sich aufmerksam. Der Mann antwortete bereitwillig auf seine Fragen. Offen gab er seinen Unmut über die Standeinteilung zu. „Sogar beim Vorgesetzten vom Sokol hab ich mich beschwert. Immerhin sind wir ja ned zum ersten Mal da. Hat alles nix g'nutzt."
„Und warum sind Sie mit dem Stand hier unzufrieden?"
„Na so schaun S‘ halt. Des ist a Spielzeughütt'n, die g'hört dorthin, wo die Kinder san. Und wo san die Kinder?" Martin zuckte mit den Schultern. „Na dortn, wo was los is, in der Mitt'n bei da Krippen. Aber wenigstens ist diese Attraktion ausgefallen, jetzt verteilt sich's besser, da mach ich heut vielleicht doch a G‘schäft."
Kurti, der Gehilfe, unterbrach die zwei Männer und wandte sich an den Standler: „Die Ballons hängen aber runter, wenn ich sie nur mit Luft aufblas. Das schaut nicht so gut aus."
Der Standler deutete in eine Ecke des Standes: „Es is‘ nur die Pressluft aus, eine Dose Helium müsste noch da sein."
Martin nahm das Gespräch mit dem Pelzbemützten Händler wieder auf. „Das heißt, Sie sind also mit diesem Aktionismus gar nicht unglücklich."
„Was heißt nicht unglücklich, das war fast so was wie göttliche Fügung, ein gerechter Ausgleich."
Martin nickte, dann machte er sich zu seinem letzten Kunden auf.
Dazu musste er das Marktgebiet verlassen, denn Döttelmayer, der abgewiesene Händler betrieb in der Nähe einen Würstelstand, aber das war nicht sein einziges Gewerbe, wie ihm Sokol verraten hatte.
„Ja, das stimmt, ich hab in Favoriten noch eine Videothek, die auch Artikel für aufgeschlossene Erwachsene führt", bestätigte der Händler, an dessen Arbeitsmantel Fett- und Ketchupspritzer klebten, euphemistisch die Tatsache, dass er einen Sexshop führte. „Aber, was soll mir das jetzt noch bringen, wenn ich solche Störaktionen setze?"
„Vielleicht hoffen Sie auf einen Werbeeffekt?"
Döttelmayer grinste. „Da haben Sie teilweise sogar recht, ich vertreibe die gleichen Puppen. Kann schon sein, dass das die Nachfrage steigert." Martin musste ein wenig lächeln, als er an Mandy dachte.
Ing. Sokol empfing Martin mit neugierigen Augen. „Und? Wissen Sie schon was?"
Martin schüttelte den Kopf. „Es ist komisch. Irgendwie profitiert ein jeder von dem Vandalenakt und alle haben ein Motiv. Es könnte nur sein ... Warten Sie, ich muss noch schnell etwas überprüfen."


Welcher Verdacht könnte Martin gekommen sein? Was wird er überprüfen?

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Der Autor

Christian Klinger, wurde im vorigen Jahrhundert in Wien geboren. Als studierter Jurist hat er sich der Praxis des legalen Mordens verschrieben, welches er nun seit einigen Jahren perfektioniert. Nach der Trilogie um den Wiener Kriminalinsprektor Seidenbast wurde mit den Rätselkrimis in der Sonntagspresse die Figur des Privatdetektivs Marco Martin entworfen. Marco Martin ermitttelt seit Sommer 2012 in Romanlänge (Winzertod, Steinverlag 2012). www.christian-klinger.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)