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Iatrogene Hysterie

Sie planen eine provokante Kampagne? Fragen Sie einen Arzt oder Standesvertreter.

Werbung kann, soll und darf zuspitzen. Allerdings: Man kann es auch übertreiben. Wie das geht, dafür liefert die Ärztekammer seit einiger Zeit anschauliche Beispiele. Unter dem reißerischen Titel „Mein Arzt ist weg“ heißt es derzeit: „Unser Arzt war gleich ums Eck. Er hat die ganze Familie gekannt und uns alle bestens betreut. Trotzdem haben sie ihn eingespart. Wo geh ich jetzt hin, wenn meine Kinder krank sind?“ Grusel, grusel. Ein gar schauerlicher Ausblick. Aber immerhin haben sie nicht „eingesperrt“ geschrieben.

Dabei sieht die Gesundheitsreform – so sie denn kommt – vor, dass der niedergelassene Arzt sogar aufgewertet wird. Zulasten der Ambulanzen. Aber auch dafür gibt es ein Sujet: „Unser Spital ist weg.“ Nun ist es sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, wie in Wien nur noch Megaspitäler an der Peripherie zu errichten. Aber die Frage „Müssen wir jetzt immer 100 Kilometer ins nächste Krankenhaus fahren?“ geht doch stark an der Realität vorbei.

Der Grund für diese iatrogene, also vom Arzt verursachte, Hysterie? Die Kammer will bei der Gesundheitsreform, die federführend von den Ländern und den Kassen verhandelt wird, mitreden.

Bei der Debatte um die Elektronische Gesundheitsakte ELGA hatte die Ärztekammer ein solches Mitspracherecht. Sie hat es ausgiebig für Blockaden genützt. Und nackte Patienten plakatiert.

Sollten Sie in nächster Zeit also eine Trash-Kampagne gegen was auch immer planen: Wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Ärztekammer-Vertreter. Die können das.

 

oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2012)