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Das lange Warten von Traiskirchen

lange Warten Traiskirchen
c APA HANS KLAUS TECHT HANS KLAUS TECHT
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Im Erstaufnahmezentrum vertreiben sich 1400 Asylwerber mit Einkäufen, Singen und Bewegung die Zeit: 900 mehr als geplant. Eine baupolizeiliche Untersuchung steht bevor. Eine Reportage.

Traiskirchen. 40 Meter für 40 Euro: Die Schlange vor dem Haupthaus im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen wird immer länger. Auf dem Hauptplatz haben sich Männer aus Afghanistan, Pakistan, Tschetschenien und Dutzenden weiteren Nationen gesammelt. Seit Mittag stehen sie schon da, eine halbe oder dreiviertel Stunde bereits, um ihr Geld von den Flüchtlingsbetreuern der Firma ORS abzuholen: 40 Euro monatliches Taschengeld, Stichtag war der 20. November. Was es um das Geld gibt? Im Kiosk des Zentrums sind das Getränke, Schokoriegel oder – an Automaten für Erwachsene – Zigaretten. „Das ist wichtig, Rauchen beruhigt mich“, sagt ein junger Mann beim „Presse“-Lokalaugenschein. In der einen Hand hält er die Zigarette, in der anderen ein Handy. Auch Karten zum Telefonieren sind hier zu haben.

Die Asylwerber, die aus mehr als 45 Ländern oft nach wochenlangen Schlepperfahrten im niederösterreichischen Traiskirchen gelandet sind, können das Zentrum aber auch jederzeit verlassen. Nachtruhe ist gemäß der Hausordnung von 22 Uhr bis sechs Uhr morgens. Sanktionen (wie eine Nicht-Wiederaufnahme ins Lager mit seiner Versorgung) sind bei Verstößen aber nicht möglich: Dafür fehlt nach einem Bescheid des Unabhängigen Verwaltungssenats die rechtliche Grundlage.

Das Zentrum und die Mitbewohner für ein paar Stunden hinter sich lassen: Das wünschen sich viele Asylwerber. Zu eng ist es hier in den vergangenen Wochen geworden. Auf 480 Bewohner ist die Belegung für das Lager 2010 von der damaligen Innenministerin Maria Fekter und Landeshauptmann Erwin Pröll (beide ÖVP) politisch begrenzt worden, aktuell sind es 900 mehr. Das Zentrum mit seinen 460 Bediensteten für Sicherheit, Versorgung, Unterricht und psychologische oder ärztliche Betreuung ist an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Für Pröll ein Anlass, um im „Standard“-Interview neuerlich anzudrohen, das Lager sperren zu lassen, falls die übrigen Bundesländer ihre Quoten nicht erfüllen – also nicht genügend Asylwerber übernehmen: In einer Einigung mit dem Bund haben sich die Länder am 23.Oktober verpflichtet, bis 30.November eine Lösung zu finden.

 

Protestmarsch am Samstag

Solange die noch aussteht, bleibt es an der Stadtgemeinde Traiskirchen „hängen“. Freifläche gibt es im Erstaufnahmezentrum genug, auf der Ältere und Jüngere sich die Beine vertreten oder Rad fahren können. Doch der Wohnraum ist beengt, auch wenn es genügend Betten gibt. Denn Traiskirchen ist auch „Reservelager“ für Notfälle in Österreich. Aber auf den Gängen oder im Stiegenhaus der Häuser 1, 4, 5, 8 und 9 – es sind die „Unterkunftsgebäude“ des Zentrums – wird es immer wieder eng. Ebenso im Haus 2, in dem die Außenstelle des Bundesasylamts, die Fremdenpolizei- und die Lungenröntgenstation untergebracht sind, oder im Haus 12, dem Versorgungsmagazin. Am Samstag wollen 500 Flüchtlinge einen Protestmarsch nach Wien unternehmen, um „menschenwürdige Bedingungen“ zu fordern.

Eine Herausforderung im Lager ist die Essensausgabe. Drängen und Schubsen in der Schlange sollen vermieden werden, die Ausgabe erfolgt gestaffelt. Zuerst sind Frauen mit oder ohne Kinder dran, dann Familien, später erwachsene Männer, zum Schluss die unbegleiteten Minderjährigen (bis 18 Jahre). „Mehr Halal-Food“ wünscht sich ein muslimischer Jugendlicher aus Afghanistan, der immer wieder in ein Café nahe dem Lokalbahnhof von Traiskirchen ausweicht.

 

100 tauchen jede Woche unter

Manche kommen von ihren Spaziergängen auch nicht mehr zurück. „Wenn der Schlepper ruft, folgen sie“, sagt dazu der Leiter des Zentrums, Franz Schabhüttl: Für bis zu einem Drittel der Flüchtlinge von Traiskirchen sei offenbar nicht Österreich, sondern ein anderes Land das eigentliche Ziel. 100 bis 150 Asylwerber pro Woche tauchen unter, 200 bis 250 lassen sich wie vorgesehen von Postbussen zu ihren neuen Quartieren in den Bundesländern oder Wien bringen.

Das Lager leert sich dennoch nicht, der Zustrom hält an. Traiskirchens Bürgermeister Fritz Knotzer (SPÖ) hat deshalb eine bau- und feuerpolizeiliche Untersuchung für Ende des Monats angekündigt (siehe Interview unten). Die fürchte man nicht, sagt Schabhüttl: Die Ausstattung sei vorbildlich – von 269 Brandschutztüren abwärts.

Neben Negativ-Schlagzeilen zur Sicherheit und zur Überbelegung will man positive Akzente setzen. Für 13. Dezember übt ein Dutzend Kinder mit Betreuerinnen deshalb für ein zentrumsinternes „Kinderfest zu Weihnachten“. „In der Weihnachtszeit geht ein Mann, uralt...“, singen sie bei der Probe in gebrochenem Deutsch. Zum Warten auf das Essen, auf Taschengeld und auf Bewegung kommt für die Kleinen jetzt schließlich noch etwas ganz Wichtiges: das Warten auf den Weihnachtsmann.

Auf einen Blick

1402 Asylwerber waren am Donnerstag im Zentrum Traiskirchen untergebracht. Einer politischen Vereinbarung zufolge sollten es maximal 480 sein. Die Flüchtlinge kommen zurzeit aus 46 Nationen, vor allem aus Afghanistan (550), Pakistan (250) und Tschetschenien (200). Die durchschnittliche Verweildauer beträgt 23 Tage. Weil insbesondere erwachsene Männer und unbegleitete Minderjährige nicht gern von anderen Bundesländern übernommen werden, bleiben viele auch monatelang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2012)