Die EU versucht mit ihren Mythen aufzuräumen.
BRÜSSEL. Der deutsche Herr ist völlig außer sich. "Was planen Sie mit dem Zehn-Euro-Schein?", schreit er ins Telefon. Die Farben seien giftig, dies sei Teil einer Verschwörung zwischen EU-Kommission und den Sozialversicherungen. "Sie wollen uns alle vergiften!" Caroline Peters antwortet ganz ruhig. Die Zehn-Euro-Scheine seien einwandfrei, ungiftig, es gebe keinen Grund zur Sorge. Nur mühsam lässt sich der Anrufer beruhigen. Alltag für Peters.
Die junge Frau arbeitet seit vier Jahren beim EU-Call-Center "Europe Direct" im Norden von Brüssel. Rund 8000 Anrufe gehen pro Monat in der transnationalen Auskunftszentrale ein, 30 Mitarbeiter geben kostenlos am Telefon und per E-mail Auskunft über EU-bezogene Themen in allen 20 EU-Sprachen.
Die meisten Anrufe sind praktischer Natur, erzählt Peters. Wie bekomme ich einen Arbeitsplatz in Spanien? Warum wird mein Diplom in Irland nicht anerkannt? Für welche Förderung kann ich wo ansuchen? Aber es gibt auch die Zornigen, die, die sich minutenlang in Rage reden, über ein Europa, das sich zu sehr in ihr Leben einmischt, das für sie nicht mehr überschaubar ist. "Die meisten wollen einfach Dampf ablassen", sagt Peter. Es passiere nur selten, dass jemand den Hörer hinknalle. "Sie wollen reden und sie wollen Antworten."
Aber nicht auf jede Frage kann es Antworten geben. Jene Anrufer etwa, die sich nach den Fußballergebnissen des Vorabends erkundigen oder wissen wollen, wie das Wetter an der Nordsee wird, werden freundlich an andere Stellen verwiesen. Und jenem Anrufer, der fragte, ob er Nachbars Baum umsägen dürfe, weil er Schatten in seinen Garten werfe, wurde der Gang zu den lokalen Behörden nahe gelegt. "Europe Direct" beschränkt sich auf reine Sachinformation. "Wir führen keine Debatten", stellt Gisela Gauggel-Robinson von der Generaldirektion Presse und Kommunikation klar. Zu politischen Fragen dürfen die in zahlreichen Schulungen EU-fit gemachten Mitarbeiter keine Meinung äußern. "Mit Propaganda wollen wir nichts zu tun haben", sagt Gauggel-Robinson. "Wir helfen jenen, die in Europa weiterkommen wollen." Und deren Zahl steigt kontinuierlich.
Am häufigsten werden Fragen zur Mobilität (Stipendien, Jobs, Übersiedlungen) gestellt. Aber auch die EU-Institutionen (Entscheidungsprozesse, Verfahren) stehen im Zentrum des Interesses, ebenso wie die Bitten um Kontaktinformationen. Und dann gebe es noch viele Schüler, die ihre Hausübungen mit Hilfe der Hotline erledigen: "Wie viele Sterne sind auf der EU-Fahne? Und warum?".
Die Art der Anfragen lasse auf jeden Fall einen Rückschluss auf die Stimmungslage in der Union zu, meint Gauggel-Robinson. "Derzeit ist die Hauptfrage, wo der Verfassungstext zu bekommen ist." Die Verfassungsdebatte in Frankreich, "aber auch die Türkei-Frage haben uns ganz schön auf Trab gehalten." "Europe Direct" heißen seit Anfang Mai auch die rund 400 Informationszentren in den Mitgliedsstaaten. "Europe Direct"-Hotline: (gebührenfreie Nummer) 00/800 67891011 MO-FR 9.00 bis 18.30 Uhr, Email-Service auf der Homepage:
www.europa.eu.int/europedirect