Reichhaltig: Materialsammlung über Linkshändigkeit. Die Welt ist rechts. Jedenfalls aus der Perspektive von Linkshändern. Sind doch sämtliche Gegenstände des Alltags, von der Schere über Maßbänder bis zur Geldbörse, für Rechtshänder konstruiert.
Die Welt ist rechts. Jedenfalls aus der Perspektive von Linkshändern. Sind doch sämtliche Gegenstände des Alltags, von der Schere über Maßbänder bis zur Geldbörse, für Rechtshänder konstruiert. Ebendiesen fällt natürlich nicht auf, dass sie ihr Portemonnaie mit der linken Hand halten, um mit der rechten die feinmotorische Aufgabe zu erledigen, Cents herauszukramen. Und deshalb befindet sich das Hartgeldfach bei zusammenklappbaren Geldbörsen auf der rechten Seite.
Macht aber nichts: Linkshänder sind anpassungsfähig. Wohl ein Grund dafür, warum sämtliche Läden, die Gegenstände für Linkshänder anbieten, nach kurzer Zeit wieder schließen. Ist es in einer rechten Welt doch besser, sich generell anzupassen als nur partiell. „Nur für Linkshänder“ ist somit nur das gleichnamige Buch von Sebastian Jutzi. Sein Publikum ist damit zwar präzise angepeilt, doch etwas eingeschränkt: Übersteigt der Anteil der Linkshänder in einer Population dochso gut wie nie 15 Prozent.
Unbeantwortet bleibt die Frage, woher die „Einseitigkeit“ kommt. Die Wissenschaft hat bis heute keine schlüssige Antwort darauf, wie Lateralisation, also die Aufteilung von Prozessen auf die rechte und linke Gehirnhälfte, die für die Händigkeit verantwortlich ist, entsteht. Selbstverständlich hat sie jede Menge Theorien. XQ21 auf dem weiblichen Geschlechtschromosom ist etwa ein heißer Tipp unter Genetikern. Biologen erklären das Phänomen gern mit einem Ausbruch aus der Schwarmintelligenz. Demnach gibt es eben Nonkonformisten, die den Vorteil, sich im Schutz des Schwarms verstecken zu können, durch den Überraschungseffekt ausgleichen, sich gegen die Schwarmrichtung zu bewegen. Nun ja.
Die Hand Gottes – oder eben nicht
Tatsache ist, dass es in jeder menschlichen Gesellschaft Links- und Rechtshänder gibt und Letztere stets die Mehrheit bilden. Geht es nach Diego Maradona, dann ist die linke die Hand Gottes. War sie es doch, mit der er bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 das Tor gegen England erzielte. Anders Michelangelo: Gottes berühmter Zeigefinger in der Sixtina, mit der er Adam zum Leben erweckt, stammt von seiner rechten Hand. Weitere Enttäuschung hält Jutzi für seine Klientel parat: Dass Leonardo da Vinci viele seiner Texte in Spiegelschrift schrieb,ist kein Beweis für seine Linkshändigkeit. Die gute Nachricht hinten nach: Weder Billy the Kid noch Jack the Ripper waren Linkshänder. Sie wurden nur aufgrund von falsch interpretierten Indizien dafür gehalten. Der mächtigste Linkshänder zurzeit ist Barack Obama.
Dass Linkshänder die besseren Menschen sind, lässt sich schwer nachweisen. Sie lernen nur früh, dass Anderssein nicht von vornherein weniger klug, ungeschickter, unmoralischer oder Ähnliches bedeuten muss. Sebastian Jutzi hat in seinem Buch mit leichter Hand eine Menge Material zum Thema Händigkeit zusammengetragen. Allerdings lässt die Fülle an Statistiken, Tabellen und Listen links liegen, dass es sich bei der Seitigkeit um ein Phänomen handelt, das auch in der Biologie, der Physik und anderen Bereichen eine Rolle spielt und das deshalb wert wäre, auch von Rechtshändern angegriffen zu werden. ■
Sebastian Jutzi
Nur für Linkshänder
Das Buch. 336S., geb., €15,50 (Scherz Verlag, Frankfurt/Main)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)