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Ein „Amt für unlösbare Probleme“

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Wie man Kreativität und Fantasie erzeugt, um über das eigene System, in dem man gefangen ist, hinauszudenken.

In den Augen des Klagenfurter Techniksoziologen Arno Bammé gibt es drei Arten von Problemen. Erstens grundsätzlich unlösbare, die gegen Naturgesetze verstoßen – z.B. das Perpetuum mobile. Zweitens die „typischen lösbaren Alltagsprobleme“, bei denen es nur eine Frage der Zeit sei, bis sie gelöst sind. Und dann gibt es noch eine dritte Kategorie: die epochenbezogen unlösbaren Probleme. „Jede Epoche, jede Gesellschaftsformation erzeugt in sich Probleme, die im Rahmen des Systems nicht lösbar sind.“ Beispiele dafür hat Bammé viele parat. Etwa die alten Griechen, die zwar den Dädalus- und Ikarus-Mythos hatten, aber dennoch nicht fliegen konnten, weil ihnen die Technik dafür fehlte. Oder die Bewohner der Osterinseln, die sich selbst zugrunde richteten, weil sie aus ihrer Systematik nicht herausgekommen sind.

„So wie Politik, Wissenschaft und Ökonomie heute betrieben werden, sind drei grundsätzliche Probleme in dieser Zeit nicht lösbar: das Bevölkerungswachstum, der Klimawandel und das Finanzmarktdebakel“, sagt Bammé. „Wenn man sich anschaut, wie in der Finanzmarktkrise agiert wird: Das ist im System völlig richtig argumentiert. Aber man kann schon fragen, ob nicht alles ganz anders möglich wäre.“

Das Problem an der Sache: „Wenn man heute über die heutige Zeit nachdenkt, dann ist man Betroffener und in diesem System gefangen.“ Aus dieser Systemimmanenz herauszukommen sei aber möglich. „Wir brauchen eine völlig neue Ordnung des Sozialen.“ Ein historisches Beispiel sei die Französische Revolution. „Das war ein totaler Bruch – der den Osterinsulanern nicht geglückt ist.“ Wir seien heute in einer ähnlichen Situation, hätten aber noch nicht gelernt, damit umzugehen. „Wir haben nicht die Kreativität, um über unser altes System hinauszudenken.“ Ein Hauptgrund dafür liege in den „formalen Systemen“ von Parteien oder Universitäten.

Große Hoffnungen setzt er dagegen auf informelle Netzwerke aus verschiedensten Gruppierungen. Ein solches ist das Berliner „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen“, an dem Bammé mitarbeitet. „Wir sind alle nicht mehr in die traditionellen Karrieremuster eingebunden, wir können mit Künstlern und Spinnern reden und undisziplinierter und ungezwungener Ideen entwickeln, ohne unseren Ruf zu gefährden.“

Eine Intervention dieses Amtes sorgte heuer in Deutschland für ziemliches Aufsehen. „Wenn man Atommüll in alten Bergwerksstollen versteckt, dann machen wir es wie kleine Kinder, die ihre Augen schließen, wenn sie Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen wollen.“ Der Gegenvorschlag lautete, an zentralen Orten in großen Städten Kathedralen zu errichten, in denen der Müll öffentlich sichtbar gelagert wird. „Dann wird allen klar: Das sind die Kosten der Zivilisation, die wir zu tragen haben.“

Thinktanks der andern Art

Das „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand“ wurde auf Initiative des deutschen Kulturwissenschaftlers und Aktionskünstlers Bazon Brock vor einem Jahr in Berlin gegründet. Träger sind u.a. Peter Sloterdijk, Peter Weibel oder Arno Bammé (Alpen Adria Universität Klagenfurt). In einem informellen Netzwerk sollen neue Denkansätze entwickeln und vermittelt werden.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch der von Peter Heintel in Klagenfurt gegründete „Verein zur Verzögerung der Zeit“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)