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Buridans Europa: ein Haufen Papier oder ein Haufen Geld?

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EU-Mitgliedsstaatenc Dpa Lars Halbauer Lars Halbauer
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Das Zögern ist in Verruf geraten, sogar in der EU. Dabei ist es doch für dauerhafte Lösungen essenziell. Dennoch dominiert weiter die Maxime: Wer stehen bleibt, verliert.

Dieses Tier ist nicht zu beneiden, aber seine Situation kennt beinahe jedermann aus eigener Erfahrung: Ein Esel steht zwischen zwei Heuhaufen, die gleich weit von ihm entfernt sind. Wie also entscheiden? Nach links, zu Haufen Nummer eins? Oder doch nach rechts, zu Haufen Nummer zwei?

In der mittelalterlichen Geschichte verhungert das Tier, weil es stehen bleibt. Sie wird dem Pariser Scholastiker Johannes Buridan zugeschrieben, aber wahrscheinlich wollte sich einer seiner Gegner nur über ihn und dieses Paradox lustig machen. Mit der Denunzierung des tödlich Störrischen wird auch das Überlegen an sich abgewertet.

Die Geschichte aber stammt gar nicht aus Paris. Wie so viel Vernünftiges und Brauchbares wurde sie von den alten Griechen erfunden, als Aristoteles die Logik formalisierte. Da nannte man die Situation des Esels, ins Negative gewendet, schlicht Dilemma.

Seither ist das Zögern in Verruf geraten, ganz egal, ob es nun um die Entscheidung zwischen zwei attraktiven oder zwei unangenehmen Alternativen geht. Sogar Robert Musil prügelte den armen Esel. 1919 schrieb sich der feinsinnige Schriftsteller seine Frustration über die Optionen seines Landes nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie von der Seele. Seine Heuhaufen in „Buridans Österreicher“: Donau-Föderation oder Eingliederung in Großdeutschland. Musil bevorzugte den Anschluss und verspottete jene, die nostalgisch auf den anderen Haufen schielten, der für ihn einen „europäischen Naturschutzpark für vornehmen Verfall“ bedeutete. Österreich sollte „das Einfache einfach tun“.

Der Esel aber zögerte. Wohin diese einfache Lösung führte (was aber 1919 kaum jemand ahnte), haben die Österreicher dann zwanzig Jahre später erfahren, unter ihnen auch einstige großdeutsche Dynamiker wie Musil und Ex-Staatskanzler Karl Renner.

Dennoch dominiert weiter die Maxime: Wer stehen bleibt, verliert. Besonders Militärs setzen auf Entschlossenheit, so wie der brutalste Schüler des Aristoteles, Alexander. Mit einem Schwertstreich hieb er den Gordischen Knoten entzwei. Ist solch ein Schlag tatsächlich die Lösung? Man könnte auch sagen, mit Gewalt gehe alles kaputt. Für Generäle aber gilt oft: Lieber eine schlechte Lösung als gar keine. Sogar Wirtschaftsführer bis tief ins mittlere Management halten sich bis heute an diese Regel, sie wollen Schlachten gewinnen, Märkte erobern.

Ihnen aber sollten die Erfahrungen der Blitzkrieger eine Lehre sein. Gewinner sehen langfristig anders aus. Ausführlich hat das der russische Schriftsteller Leo Tolstoi beschrieben. Im Roman „Krieg und Frieden“ erscheint Napoleon als Antiheld, während der wahre Heros, der russische Generalfeldmarschall Kutusow, von merkwürdiger Unentschlossenheit ist. Er weicht dem korsischen Eroberer aus, sucht lange nicht die Konfrontation, gibt sogar Moskau den Flammen und Franzosen preis, bis auch seine Kritiker nach ihrer dunkelsten Stunde wissen: Das Verschleppen war in Wahrheit die Lösung. Die Eroberung bedeutete für Napoleon den Untergang. Das Zögern war nicht die Verweigerung der Entscheidung, sondern die Entscheidung. Die oberste Pflicht eines Retters: Ruhe bewahren. Verwechsle nicht Ziel und Mittel, Strategie und Taktik.

Die meisten Macher lassen sich von solchen Szenarien nicht abschrecken. In der sogenannten Griechenland-Krise zum Beispiel wird die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel von smarten Bankern wie von linken Rettern der Welt gleichermaßen dafür gescholten, dass sie durch ihre Vorbehalte beim Schnüren riesiger Hilfspakete die Malaise verschlimmert habe. So wie Buridans Esel wird Merkel dargestellt, als Hauptschuldige dafür, dass die levantinische Prinzessin Europa samt ihrem Bullen langsam aushungere. Aber vielleicht hat die Kanzlerin nur Tolstoi gelesen und eine andere Auffassung von Lösungskompetenz, als die Zocker in Frankfurt, London und New York oder Bürokraten in Brüssel, Paris und Athen. Sogar die Europäische Zentralbank, die eigentlich mit Bedacht für Stabilität sorgen sollte, ließ sich vom Spekulationsfieber anstecken. Sie forderte und erhielt Instrumente, um im Tempo mit jenen Global Players mitzuhalten, die tausende Milliarden Euro gegen ganze Währungen setzen. Die EU nennt so viel Extra euphemistisch „Rettungsschirm“.

Vielleicht liegt die einzige Chance der Bewältigung der Krise nicht darin, dass brave Institutionen ins Kasino gehen, sondern darin, dass sie sich verhalten wie Merkel, die im Verzögern fast griechische Schläue hat, dass sie keine radikalen Entscheidungen suchen, sondern auf Zeitgewinn setzen, indem sie weiter wursteln, ohne dabei langfristige Veränderungen aus den Augen zu verlieren.

Auch in der Buridan'schen Eselei nämlich, der Verweigerung des ausschließlichen Entweder-oder, liegt das Wesen der Politik. Die Entwicklung der EU gleicht, wie der deutsche Kanzler Helmut Kohl vor Einführung des Euro bemerkt hat, einem Brauch in Luxemburg, der Echternacher Springprozession: Zwei Schritte vor, einen Schritt zurück. Das aber ist keine europäische Spezialität, sondern common ground. Wer wissen will, wie hart erkämpft Teilerfolge beim Budget selbst in den dynamischen USA sind, sollte sich die Mühe machen, „The Price of Politics“ zu lesen, wo Watergate-Aufdecker Bob Woodward das Ringen von US-Präsident Obamas Administration, Kongress und Senat um Abwendung des Staatsbankrotts seit 2009 nachzeichnet. Jedes Promille an Veränderung muss hart erkämpft werden, der Spielraum ist kaum sichtbar. Die hohe Kunst der Politik besteht derzeit nicht im Lösen der Krise, sondern im Vermeiden noch größerer Krisen. Es gilt bereits als Sieg, wenn der Crash vermieden wird. Dabei ist die Lage in der EU bisher vergleichsweise komfortabel.

Was aber macht rasche Lösungen so attraktiv? Wahrscheinlich die Bequemlichkeit. Der Psychologe Daniel Kahneman erklärt es in „Thinking, Fast and Slow“ (2011) so: Unser Gehirn besitzt zwei gänzlich verschiedene Systeme, um Probleme zu lösen. System eins ist schnell, intuitiv und emotional – bestens geeignet, Todesgefahr zu entgehen. Der Affe Mensch musste fürs reine Überleben im Sekundenbruchteil entscheiden, ob er beim Auftauchen eines Raubtiers kämpfen oder fliehen soll. System zwei ist langsamer und anstrengender. Alpha-Tiere neigen dazu, System eins zu vertrauen, vor allem bei Stress. Sie glauben dann, Entscheidungen im Gefühl zu haben, selbst wenn Reflexion sinnvoller wäre und Teamgeist meist die besseren Lösungen bietet.

Was also tun in der Eurokrise? Totaler Schuldenerlass für die Griechen? Oder ihr Ausschluss aus der Währungsunion? Intuitiv sagt man rasch: Griechen raus! Mit etwas mehr Bedenkzeit vor diesem ersten Schritt rät man aber wohl: dann noch ein radikaler Schnitt und massive Strukturhilfe. Europas Esel steht weiterhin zwischen zwei unappetitlichen Haufen. Vielleicht ist es sein Dilemma, dass er am Ende alles fressen muss. Das macht das Zögern allerdings verständlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)