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Autisten: Jobs für "Außerirdische"

Symbolbild Arbeitssuche
Symbolbild Arbeitssuchec Clemens Fabry
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Die Stiftung Specialisterne integriert Autisten in den Arbeitsmarkt. Sie haben spezielle Talente, brauchen aber Hilfe in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Peter Schmied (Name geändert) wusste immer schon, dass er anders ist. Mit zweieinhalb Jahren wurde bei ihm Autismus diagnostiziert. Anfangs dachten die Ärzte, er sei debil, doch ein Test ergab einen überdurchschnittlich hohen IQ. Im logisch-mathematischen Denken war Schmied immer schon gut, doch in zwischenmenschlichen Beziehungen tut sich der Mittvierziger schwer.

„Im Studium auf der Boku habe ich von dem Asperger-Syndrom fast nichts gemerkt, weil ich nicht in der Gruppe arbeiten musste“, sagt er. Doch dann kamen die Bewerbungen. Schmied hatte Lampenfieber, er verlief sich in den Gängen, litt unter den bohrenden Fragen der Interviewer: „Das war für mich die Hölle.“ Er kann Menschen nicht einschätzen, empfindet Unbekanntes als bedrohlich. „Als Asperger“, sagt er, „ist man da noch sensibler und im sozialen Bereich noch ungeschickter.“ Schmied wurde oft gekündigt, meist kam er gar nicht über die Probezeit hinaus. „Jedes Mal, wenn ich einen Job verlor, war das ein Albtraum“, sagt er. Schmied braucht lange, um sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen, wirkt hektisch und angespannt, nimmt alles wörtlich. Beim Arbeiten braucht er Ruhe. Schmied denkt die Dinge immer zu Ende. Spontan oder flexibel sein kann er nicht.

Bei einer IT-Firma ging es ihm anfangs sehr gut, die Kollegen waren freundlich, die Stimmung entspannt. Doch als dann plötzlich viele Neue dazukamen, fühlte Schmied sich fremd. Es dauert, bis er sich mit anderen Menschen anfreunden kann. „Deshalb brauche ich bei einer Anstellung am Anfang Hilfe“, sagt er. Voriges Jahr erfuhr er, dass die dänische Organisation Specialisterne ein Büro in Österreich eröffnet. Als Mitarbeiter von Specialisterne wird Schmied nun als Programmierer bei einem Projekt des ITSV (IT-Service der Sozialversicherung) anfangen. Schmied lächelt. „Ich will nicht mehr verschweigen, dass ich Autist bin“, sagt er. „Jetzt muss ich nicht mehr so tun, als wäre ich ein anderer.“

Alexander Haider hatte noch nie einen richtigen Job, auch sein Studium schloss er nicht ab. „Es fällt mir schwer, mich unter Menschen zu begeben“, sagt der 33-Jährige. Nachdem er eine „Southpark“-Folge gesehen hatte, in der es um Autismus ging, fing er an zu recherchieren.

 

Wenn Bildschirmsummen ablenkt

Im Sommer dann die Diagnose: Asperger-Syndrom. Haider war erleichtert: „Mein ganzes Leben lang kam ich mir und anderen vor wie ein Außerirdischer.“ Über die Autismushilfe Österreich kam er zu Specialisterne, die ihm ein Praktikum als Spieletester bei „Ovos“ verschafften. Das Projekt steht noch am Anfang. WUK und Specialisterne arbeiten zusammen, um Betroffene auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Damit sie mehr Leute aufnehmen können, braucht es öffentliche Förderungen. Denn nicht nur die Autisten, auch ihr neues Umfeld muss auf die Zusammenarbeit vorbereitet werden.

Auch Haider hat Probleme mit anderen Menschen. „Wie sie denken und handeln ist oft völlig unverständlich für mich“, sagt er. Ihre Mimik kann er nicht deuten, sie halten ihn für unfreundlich, weil er kaum Emotionen zeigt. Dafür erkennt er Details und Zusammenhänge, die anderen entgehen. Bei einem Test zu analytischem Denken erzielte er einen zweimal so hohen Wert wie der Durchschnitt. Außerdem nimmt er sehr hohe Frequenzen wahr: So wird das Summen des Bildschirms zum störenden Geräusch, das er nicht ausblenden kann. Ihm fehlen die nötigen Filter im Kopf, die Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Haider will einen Job, bei dem er seine Talente einsetzen kann. Auch Schmied wünscht sich, dass mehr Rücksicht genommen wird auf Menschen wie ihn. „Wenn man mir Zeit lässt“, sagt er, „kann ich Überdurchschnittliches leisten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)