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Als wir die Familie Rockefeller waren

Karotten
KarottenUte Woltron
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Herbst. Man kann sagen, was man will, aber die Natur spielt leicht verrückt, wenn Kirschbäume im November blühen und dann auch die letzten Karotten aus der Erde gezogen werden.

An einem Herbsttag vor gefühlten hundert Jahren begleitete ich, wie meistens, meinen Großvater zu seinen nahe gelegenen Forellenteichen. Wir latschten in Gummistiefeln, seine übertrafen meine bei Weitem, die reichten ihm fast bis zum Hintern, waren also ungefähr so hoch wie ich groß. Damit watete er in den Teichen herum, um den Zustand der „Mönche“ noch vor dem Winter zu kontrollieren. So nennt man die Zu- und Abläufe für das Teichwasser. Die waren aus Holz und selbst gemacht.

Der Schlamm, den er bei dieser Tätigkeit aufzuwühlen pflegte, trübte das klare Quellwasser. Die Forellen verzupften sich augenblicklich wie Unterwassersilberpfeile in die entfernteste Teichecke, dorthin, wo sich die große Trauerweide bis hinunter zur Wasseroberfläche neigte. Mir war der Anblick auch zuwider. Braune Dreckschlieren im säuberlichen kalten Reich – ich floh den Hang hinauf ins Schilf, dorthin, wo aus einem Loch im Erdboden magischerweise das Wasser quoll, das, ein Stück weiter unten in Rohren aufgefangen, diese Teiche speiste.

Dort war man stets für sich. Dort konnte man gelegentlich Rehe aufschrecken, brunftige Rehböcke durch gekonntes Fiepen mit zusammengepressten Lippen bis auf wenige Meter anlocken, den Eisvogel beobachten und Schlammburgen bauen, ohne die Bachforellen zu belästigen. In einer Vertiefung abseits der Quelle war mitten im Schilf eine Lacke entstanden, in der watete ich mit meinen kleinen Gummistiefeln herum.

Und dort entdeckte ich etwas, was mich erstarren ließ und was sich im kindlichen Gemüt zu einer Katastrophe aufbaute: Durch das Herumwaten hatten sich ölige Schlieren auf der Wasseroberfläche gebildet. Schillernd schön, aber meiner Ansicht hatte ich mit meinen Stiefeln die Vorboten sofortigen Untergangs aus dem Erdinneren heraufbeschworen.

 

Bohrtürme statt Eisvogel!

Es waren die 1970er-Jahre. Ölkrise. Autofreier Tag. Im Radio berichteten sie täglich über Ölknappheit und Ölpreise. Jetzt ist alles vorbei, dachte ich, im Schilf hockend. Wir sitzen hier auf einem verdammten Ölfeld. Riesige Maschinen werden alsbald alles niederwalzen. Bohrtürme wird man errichten, der Eisvogel wird verschwinden, die Rehe werden nie wiederkehren, das Paradies wird vernichtet, alles ist aus. Die Familie wird zwar als Ölfeldbesitzer in sagenhaftem Reichtum schwimmen, doch was nützt das, wenn es keine Forellen mehr gibt, wenn die Himbeerhecke zerstört, die Teiche planiert sind.

Dann fiel mir ein: Ich muss es ja niemandem sagen. Ich kann das Geheimnis für mich bewahren. Ich kann diejenige sein, die zwar Kenntnis hat über die Möglichkeit des familiären Multimillionärsdaseins, doch ich werde es einfach verschweigen. Mir sind die Forellen und die Bienen lieber, ich will hier meine Ruhe haben.

Das tat ich dann auch für zumindest ein, zwei Jahre, und soweit ich mich erinnere, war mein Gewissen rein und weiß, trotz der Tatsache, dass der Großvater seine Mönche weiterhin selbst zimmern und reparieren musste, obwohl er eigentlich auf sagenhaftem Reichtum saß. Irgendwann war dann natürlich klar, dass es sich bei den öligen Schlieren nicht um Erdöl, sondern um natürliche, bei Verrottungsprozessen entstandene Schillerflecke gehandelt hatte, und fast war mir ein bisschen leid, aber nur um die Möglichkeit, ein so großes Geheimnis bewahren zu können. Gefühlte hundert Jahre später zog ich dieser Tage wieder einmal Gummistiefel an und ging hinaus, um die letzten Wurzeln im Gemüsegarten zu bergen. Karotten, gelbe Rüben, Peterwurzen, Sellerie, Pastinaken. Jetzt liegt der Garten in herbstlichem Nebel. Die Blätter sind gefallen, es ist nass, und die Natur verwandelt das, was gesprossen ist, wieder zurück zu Dung und Humus, und in mancher Lacke schillert es wie Öl. Da fiel mir diese Zeit, in der wir reich waren wie Rockefeller, wieder ein.

Seither hat sich die Erde erwärmt, man streitet herum, ob menschengemacht, ölverschuldet oder nicht. Auf dem Hang blüht mitten im November der Kirschbaum. Ob wir damals die letzten Karotten auch erst im November aus der Erde holten, kann ich nicht mehr sagen, es kommt mir aber eigenartig spät vor.

Gartenlaube

Wenn Sie in der glücklichen Situation sind, noch Wurzelgemüse aller Art im Garten zu horten, das jedoch schon etwas überaltert und zäh geworden ist, so schmeißen Sie es keinesfalls auf den Kompost, sondern in geputztem Zustand in den Fleischwolf. Knoblauch, Zwiebel, Kräuter dazu, und pro faschiertem Kilo mit etwa 180 bis 200 Gramm Salz mischen und in Gläser abfüllen: Bessere Suppenwürfel gibt es nicht. Hält bis zum nächsten Herbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)