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Wie man korrupte Kojoten verjagt

Korruption
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In Lateinamerika blühen Initiativen, die Bestechung kreativ bekämpfen. Und auch populäre Politiker sind nicht mehr vor Strafverfolgung immun. Und tausende Kojoten müssen sich eine andere Beute suchen.

Berlin. Kojoten haben keinen guten Ruf. Auf der Jagd nach Aas und Abfall erobern die gierigen Wildhunde eine amerikanische Stadt nach der anderen. Auch in Mexiko gelten „Coyotes“ als ziemliche Plage. So nennt man dort kleine Kriminelle, die auf Ämtern ihr Unwesen treiben. Sie pirschen sich an Bürger an, die stundenlang in der Schlange stehen, etwa um ein Duplikat ihrer Geburtsurkunde zu erhalten. Gegen ein kleines Entgelt verkürzen die Kojoten die Prozedur erheblich. Wehe dem, der ihre Dienste nicht in Anspruch nimmt. Er wird, wenn er endlich an der Reihe ist, rüde abgewiesen: Die Unterschrift ist verwischt, das Foto ist schief. Kommen Sie morgen wieder, höhnt der mit dem Kojoten verbündete Beamte.

In der Provinz Colima aber hat die Gaunerei ihren Schrecken verloren. Dort stehen nun auf den Dorfplätzen Kioske mit Computerterminals, auf denen jedermann seine Behördengänge online durchführen kann. Am Ende wirft man umgerechnet fünf Euro ein, und schon flutscht das Duplikat der Geburtsurkunde aus dem Drucker. Eine Art E-Government für Arme also. Das geht ruckzuck, spart Kosten und hebt zudem die öffentliche Moral: Der Computer ist nicht bestechlich. Und tausende Kojoten müssen sich eine andere Beute suchen.

Das Beispiel zeigt, wie Korruption heute wirksam bekämpft wird: nicht mit Säuberungswellen, sondern mit vielen kleinen, kreativen Projekten. Lateinamerika ist dafür ein fruchtbarer Boden. Faire Wahlen sorgen dort heute regelmäßig für Machtwechsel, die Wirtschaft wächst, es herrscht Aufbruchsstimmung. Doch im Getriebe knirscht immer noch Sand: Dass Demokratie täglich gelebt wird, verhindert die allgegenwärtige Korruption.

„Man muss den Menschen vor Augen führen: Die kleine Gefälligkeit für den Verkehrspolizisten, damit er einen weiterfahren lässt, ist Bestechung“, erklärt Alejandro Salas. Der gebürtige Mexikaner ist bei Transparency International für Nord- und Südamerika verantwortlich. „Wenn solche Dinge Millionen Mal pro Monat passieren, zerstört das jedes Vertrauen in die Institutionen.“ Im Schnitt gibt jeder mexikanische Haushalt zehn Prozent seines Einkommens als Schmiergeld aus. In armen Haushalten sind es sogar 25 Prozent.

Dagegen kommen auch mächtige Politiker nicht allein an, weiß man bei Transparency. Die Organisation unterstützt die Basisarbeit: TV-Spots, Aufrufe in Zeitungen, Aktionen in sozialen Netzwerken. In Chile rief sie die Bürger dazu auf, an einem Wörterbuch der Korruption mitzuarbeiten. Über 1000 volkstümliche Ausdrücke für Bestechung und Nepotismus waren rasch zusammen. In Mexiko unterstützte man eine Initiative der Regierung: Da oft Bürokratie korrupte Praktiken gedeihen lässt, sollten die Bürger über ihre ärgerlichsten Erlebnisse mit Behörden berichten – samt Preisausschreiben und dem Versprechen, die schlimmsten Missstände abzustellen.

 

Kolumbiens Kartell der Moral

In Brasilien bejubelt die Zivilgesellschaft ein neues Gesetz: Es schreibt das Recht jedes Bürgers auf Information über das Gebaren der Exekutive fest. Seitdem können Journalisten und NGOs die Gehälter von Politikern einsehen und Ausschreibungen öffentlicher Aufträge verfolgen. In Mexiko sorgte schon vor Jahren das „Handtuch-Gate“ für ein politisches Erdbeben: Journalisten hatten online nachverfolgt, dass Mitarbeiter des Präsidenten Handtücher zu stolzen 400 Dollar pro Stück eingekauft hatten. Auch Unternehmer sind nicht grundsätzlich schlechte Menschen. Oft schmieren sie bei Ausschreibungen nur, weil sie sonst keine Chance auf Aufträge haben. In Kolumbien taten sich alle Hersteller von Wasserrohren zu einem Kartell der Moral zusammen: Sie gelobten, öffentliche Auftraggeber nicht mehr zu schmieren. Plötzlich gingen die Beschaffungskosten deutlich zurück, und die Qualität der Rohre stieg.

Doch die besten Regeln und Initiativen nützen nichts, wenn korrupte Amtsträger nicht vor einer Strafe zittern müssen. Der Kampf gegen Immunität ist für Salas entscheidend: „In Peru wurde das faire Gerichtsverfahren gegen Ex-Präsident Fujimori im Fernsehen übertragen. Da wurde jedem kleinen Beamten klar: Wenn sogar der ins Gefängnis muss, kann es mich auch treffen.“

Auf einen Blick

Transparency International (TI) ist eine nicht staatliche Organisation, die sich den Kampf gegen Korruption im öffentlichen und privaten Sektor zur Aufgabe gemacht hat. Gegründet wurde die NGO mit Sitz in Berlin 1993 von dem Deutschen Peter Eigen, der davor in hoher Position bei der Weltbank gearbeitet hatte. TI hat mittlerweile weltweit über 90nationale Ableger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)