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Mehr Frauen an die Macht? Nein: Alle an die Macht!

Korruption
Korruptionc BilderBox BilderBox Erwin Wodicka
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Frauen sorgen dafür, dass es in der Politik sauberer zugeht. Aber nicht, weil weibliche Politiker bessere Menschen sind. So spielen die Verhältnisse in einer Gesellschaft und der Entwicklungsstandard eine Rolle.

„Frauen sind weniger bestechlich“: Vor einigen Wochen zitierte Grünen-Chefin Eva Glawischnig in einem „Presse am Sonntag“-Interview aus einer Weltbankstudie. Ein Satz, eine Lösung? Würden Anti-Korruptions-Untersuchungsausschüsse überflüssig, wären mehr Frauen – oder gar nur Frauen – in der Regierung? Immerhin sind besagter Studie zufolge Länder, in denen mehr Frauen im Parlament vertreten sind, weniger korrupt.

„Korruption ist ein komplexes Phänomen, deshalb suchen die Menschen so gern nach einfachen Antworten“, sagt Martin Kreutner, Leiter der Anti-Korruptionsakademie. Doch leider: Monokausale Erklärungen gäbe es nicht. Das beginnt schon damit, dass man fragen muss, in welche Richtung die Kausalität wirkt: Bewirkt ein hoher Frauenanteil weniger Korruption? Oder begünstigt eine fairere Gesellschaft, dass mehr Frauen in Entscheidungspositionen kommen?

Durch Laborexperimente, in denen man die Einflussfaktoren kontrollieren kann, hat man versucht, das Dilemma aufzulösen. In der Tat zeigt sich bei vielen Versuchen, dass Frauen tendenziell weniger korrupt sind. Allerdings gibt es widersprüchliche Befunde: So spielen die Verhältnisse in einer Gesellschaft und deren Entwicklungsstandard eine Rolle. In Australien zeigten alle Experimente, dass Frauen seltener Bestechungsgelder anbieten und zudem empfindlicher auf Korruptionsversuche reagieren. In Indien oder Indonesien wurden bei demselben Experiment hingegen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gefunden. In Singapur war zum Teil sogar das Gegenteil der Fall! Der Schluss: Männer sind in allen Ländern gleich korrupt, bei Frauen gibt es eine große Bandbreite. Eine mögliche Erklärung: Frauen, die sich in einer männerdominierten Umgebung durchsetzen konnten, verhalten sich ähnlich wie Männer.

 

Der Schlüssel ist Partizipation

Global unbestritten ist aber, dass es generelle Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. So begeben sich Frauen weniger gern in eine Wettbewerbssituation – und sie sind (schon im Kindesalter) risikoscheuer. Das macht sie nicht automatisch ehrlicher. So wurde in einem Experiment nachgewiesen, dass Frauen Korruptionsversuche häufiger meldeten als Männer, wenn es ein Überwachungssystem gab – offenbar also aus Angst, erwischt zu werden. Sie machten hingegen keine Anzeige, wenn sie daraus keinen Vorteil ziehen konnten. Dazu passt: Frauen exponieren sich auch seltener als „Whistleblower“. Die Antwort auf die Ausgangsfrage, ob mehr weibliche Politikerinnen für weniger Korruption sorgen, lautet trotzdem: Ja. Aber nicht, weil Frauen bessere Menschen sind, sondern weil Gesellschaftsysteme, die so designt sind, dass verschiedene Gruppen an die Macht kommen (nicht nur Frauen, sondern auch z.B. Zuwanderer), weniger anfällig für Korruption sind.

Immerhin ist, wie Kreutner es formuliert, Korruption „die leise Übervorteilung anderer“. In „gemischten Gruppen“ geht das schwerer. Eine reine Frauenherrschaft ist daher keine Lösung: Denn die wäre wohl auch korrupt, vermutet Kreutner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)