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So lässt sich Houellebecq nicht inszenieren

Michel Houellebecq
Michel Houellebecqc EPA LUCAS DOLEGA
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In der Garage X macht man aus einem tiefen Künstlerroman seichtes Klamauktheater. Ob das Stück einem gefallen könnte, der den Roman nicht kennt? Das ist zu bezweifeln.

Michel Houellebecqs „Karte und Gebiet“ ist ein tief- und trübsinniger Künstlerroman, der in einen Abgesang mündet, auf das industrielle Zeitalter, auf die Zivilisation, auf das menschliche Leben. Er endet mit finaler Überwucherung: „Dann wird alles ruhig, und zurück bleiben nur sich im Wind wiegende Gräser. Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon.“

In diesen Schlussworten, kombiniert mit Zeilen aus dem Chanson „Salut Les Amoureux“, treffen die Schauspieler, trifft die Inszenierung endlich einen Ton, der der Prosa Houellebecqs gerecht wird. Zu spät: Davor hat man fahriges Klamauktheater erlebt, etliche Matratzenstürze, einen singenden Weihnachtsbaum, viel verschütteten Kaffee.

Und viele vertane Dialoge: Regisseur Ali M.Abdullah, seit 2009 einer der beiden Leiter der Garage X am Petersplatz, legt die für Houellebecq typischen, distanzierten, vor Nüchternheit frostigen Beschreibungen den Figuren in den Mund, dort gehören sie nicht hin. Der Künstler Jed Martin z.B. würde seine Werke nie so elaboriert beschreiben, wie er dies in diesem Stück tut, seine Kunst der Weltabbildung wächst ja auch aus der Sprachlosigkeit, aus dem naiven Staunen über die Welt. Das Dennis Cubic gut darstellt: Sein Augenspiel und die tiefen Blicke von Aylin Esener als Jed Martins Geliebte Olga lassen am Anfang auf eine ernsthafte Dramatisierung hoffen. Doch dann wird's bald lustig, allzu lustig.

 

Der Autor ist der zweite Vater

Natürlich hat der Roman verzweifelt komische Passagen. Besonders wenn Houellebecq selbst vorkommt, einsam, müde und stinkend, als alternative Vaterfigur für Jed, der ihm einmal vorhält: „Ich habe den Eindruck, dass Sie sich selbst persiflieren.“ Eine wunderbare Rolle, Alexander Simon versucht sich daran, aber er ist bestenfalls ein junger, nie ein alter Houellebecq. Und wenn er Olga bekörpert, ist das Kabarett. Wie vieles in diesem Stück. Auch das Grauenhafte an dem Mord, dem die literarische Figur Houellebecq zum Opfer fällt (und der im Roman das schwarze Gegenstück zu Jed Martins Kunst ist), hat gegen den Polizeiklamauk keine Chance.

Ob das Stück einem gefallen könnte, der den Roman nicht kennt? Das ist zu bezweifeln. Dazu ist es zu wenig stringent. Vor allem aber muss sich die Dramatisierung eines Prosatexts an diesem messen lassen. Freilich: Bisher sind so gut wie alle Versuche, Houellebecq zu dramatisieren, gescheitert. Vielleicht hat dieses Scheitern ein Gutes und trägt bei zum Abflauen des Modetrends, aus allen erdenklichen Romanen Theaterstücke zu basteln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)