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Ihsanoğlu: "Missbrauch der Meinungsfreiheit"

Ihsanolu Missbrauch Meinungsfreiheit
(c) EPA
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Der Chef der Organisation für Islamische Zusammenarbeit will Gewalt nicht rechtfertigen, versteht aber, wenn der Mob auf provokante Islamfilme reagiert.

Die Presse: Im Westen ist ein Ansteigen der Islamophobie zu beobachten. Worauf führen Sie das zurück?

Ekmeleddin Ihsanoğlu: Ja, wir registrieren das, und wir spüren es. Und wir versuchen, damit umzugehen. Ich denke, dass es mehrere Ursachen gibt: Zum einen historische Hintergründe, gewisse Ängste, schließlich die extreme Rechte, die das politisiert und auf ihre Agenda setzt. Das beeinflusst dann auch die Politiker im Mainstream. Diese extreme Rechte ist in manchen Ländern auf dem Vormarsch, siehe Frau Le Pen in Frankreich.

Glauben Sie nicht, dass auch extreme Strömungen im Islam, wie es sie in Afghanistan, Pakistan oder nun auch in Mali gibt eine Ursache sind?

Das stimmt. Leider beziehen sich diese Leute auf den Islam, sie nehmen ihn quasi als Geisel. Aber sie sind nicht die einzigen, die zu dem Problem beitragen. Es gibt Counterparts im Westen. Schauen Sie etwa, was in Norwegen passiert ist: Ein Einzelner hat mehr als 70 Menschen getötet, in einem der zivilisiertesten Länder der Welt.

Ja, aber in Ländern wie Irak oder Afghanistan töten Fanatiker regelmäßig Dutzende auf einen Schlag, und meist sind die Opfer andere Muslime.

Wir müssen da jetzt keinen Wettbewerb aufstellen. Man darf gegenüber den Radikalen nicht klein beigeben, man muss sie bekämpfen, und zwar auf beiden Seiten. Sie sollten nicht die Agenda bestimmen dürfen.

Was kann man in islamischen Ländern in dieser Hinsicht tun?

Das ist nicht einfach. Denn es gibt für diese Strömungen mehrere Ursachen. Sie entstehen in Ländern, wo es keine Meinung- oder Versammlungsfreiheit gibt. Die Menschen werden nicht an den politischen Entscheidungen beteiligt. Und dann geraten sie unter den Einfluss von radikalen Denkschulen, die den Islam und die religiösen Verse falsch interpretieren. Wir müssen klarstellen, dass diese Leute nicht das Recht haben, im Namen des Islam zu sprechen. Sie missbrauchen die Religion.


Sind diese Strömungen auf dem Vormarsch?

Durch den Wandel, der in manchen arabischen bzw. islamischen Ländern passiert, werden die unterschiedlichen Segmente der Gesellschaft zunächst stärker sichtbar. Diese Strömungen werden zurückgehen, aber das wird nicht von heute auf morgen passieren.
Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es auch im Westen Gründe für Islamophobie und Spannungen gibt. Etwa der Missbrauch des Rechts auf Meinungsfreiheit.


Sie spielen etwa auf die Mohammed-Karikaturen an?

Ja. Die Karikaturen, die Filme, alles, was jenseits objektiver Kritik und höflicher Debatte liegt, alles, was beleidigend ist und provoziert.


Soll man deshalb die Meinungsfreiheit einschränken?

Im Gegenteil, ich bin für die Meinungsfreiheit, aber sie sollte verantwortungsbewusst ausgeübt werden. Sie berechtigt nicht, andere zu beleidigen. Das ist dann keine Freiheit mehr, das ist Missbrauch.
Aber es ist eine Form von Meinungsäußerung, auch wenn es vielleicht nicht besonders nett ist.
Wenn radikale Publizisten dieses Recht missbrauchen, um andere zu beleidigen, muss man auch verstehen, wenn ein Mob aus ungebildeten Leuten wütend wird. Das stachelt zur Gewalt auf. Und da muss man Grenzen setzen.

Es ist eine Sache, einen Cartoon zu zeichnen, sei er auch noch so schlecht, eine andere, ein Haus anzuzünden.

Oder den Koran. Wir sollten das alles verurteilen. Das Statement von OIC, EU, Arabischer Liga und Afrikanischer Union nach diesem furchtbaren Film zeigt die gemeinsame Basis, die die islamische Welt und Europa gefunden haben. Wir sollten einander nicht provozieren.

Aber auch ein schlimmer Film kann ...

Nein, er kann natürlich keine Gewalt rechtfertigen. Da sind wir uns einig. Ich war einer der ersten, der diese Gewalt verurteilt hat.

Das König Abdullah-Zentrum wird großteils von Saudiarabien finanziert, wo es Christen verboten ist, Kirchen zu bauen. Ist das ein geeignetes Land, um für religiöse Toleranz zu werben?

Wir leben in einer sehr komplizierten Welt.

Ja.

Es ist ein großartiger Versuch des saudischen Königs, eine solche Institution zu gründen. Natürlich kann man alles und jeden kritisieren, aber wir sollten das positiv sehen: Ein muslimischer Monarch mit einer sehr prestigereichen Position als Wächter der beiden Heiligen Moscheen ruft zum Dialog zwischen Religionen und Kulturen auf. Das wird nicht nur international ein besseres Verständnis schaffen, sondern auch Auswirkungen auf sein eigenes Land haben.

Wäre es dann nicht gut, auch in Riad so ein Zentrum zu eröffnen?

Ja, warum nicht. Man sollte darüber nachdenken.

Kommen wir zum Konflikt in Syrien: Sehen Sie die Gefahr, dass das Land zu einem zweiten Irak wird, mit einem konfessionellen Bürgerkrieg?

Wir haben in Syrien keinen konfessionellen Bürgerkrieg.

Nein?

Nein. Es ist ein Krieg.

Ein Bürgerkrieg.

Es ist ein zerstörerischer Krieg, ein unglückseliger Krieg. Man kann alles sagen, aber es ist kein konfessioneller Krieg, wie viele denken.

Aber es gibt da Alawiten, die Sunniten töten und umgekehrt.

Nein, so einfach ist das nicht. Es gibt Leute aller Konfessionen auf beiden Seiten. Nicht alle Sunniten sind auf einer Seite und alle Alawiten auf einer Seite. Wir hoffen, dass es auch nicht dazu kommt, denn aus einem konfessionellen Konflikt kommt man nur sehr schwer wieder heraus. Die Staatengemeinschaft ist bisher gescheitert, diesen Krieg zu beenden. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und Einfluss auf die Konfliktparteien ausüben, damit sie erst einmal zu einem Waffenstillstand kommen und dann zu weiteren Verhandlungen.

Das hat die internationale Diplomatie seit über einem Jahr erfolglos versucht. Warum ist sie gescheitert?

Wir müssen „out of the box" denken, neue Wege finden. Die Kräfte, die die beiden Seiten unterstützen, müssen sich einigen. Das Kämpfen und das Töten muss aufhören, und dann muss man einen politischen Prozess initiieren.

Sehen Sie als ultima ratio eine militärische Intervention, und wenn ja, von wem?

Nein, das würde die Lage nur noch komplizierter machen.

Im Gazastreifen hat man sich auf einen Waffenstillstand geeinigt. Wer ist Ihrer Ansicht nach der Sieger des jüngsten Konflikts?

Es gab Zerstörung und Massenmorde, die Menschen dort leben in einem großen Gefängnis, sie müssen befreit werden.

Wie?

Der Boykott muss enden, die Menschen müssen die Rechte erhalten, die ihnen völkerrechtlich zustehen und durch internationale Verträge wie die von Oslo.

Kann Ägypten etwas tun, um die Situation im Gazastreifen zu verbessern? Kairo hat ja auch die Grenze nicht wirklich geöffnet.

Weitgehend schon, und das hilft.

Ägypten tut also sein Möglichstes?

Mehr als das vorige Regime.