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Archäologie: Als der Pharao erstmals Steuern eintreiben kam

(C) Hendrikx/Darnell/ Gatto
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Bei Assuan haben sich prachtvolle Felsmalereien gefunden, die den Beginn des Reichs vor 5200 Jahren dokumentieren. Gut erhalten sind sie leider nicht, vor allem die letzten Jahre haben ihnen zugesetzt.

War der König wirklich da, oder ist das nur symbolisch?“, fragt Stan Hendrickx. „In der frühen Periode sollte er wirklich da gewesen sein, und zwar, um die Steuern einzutreiben.“ Dieser König war der erste des vereinten Ägypten, und der Ort, den er aufsuchte, heißt Nag el-Hamdulab, er liegt am Nil, etwas nördlich von Assuan. Dort bekam Archibald Sayce in den 1890er-Jahren als erster Archäologe prachtvolle Felsbilder zu Gesicht, er zeichnete eine ab und publizierte sie, es geriet in Vergessenheit. In den 1930-Jahren kam der nächste, Labib Habachi, er hatte eine Kamera dabei, publizierte die Bilder aber nicht, sie verstaubten in einem Museum in Luxor.

Dort fielen sie erst 2009 wieder auf, und kurz zuvor hatten Maria Gatto (Yale) und Hendrickx auch die Originale wieder entdeckt, inzwischen konnte man ihre Bedeutung einschätzen: Sie entstanden vor 5200 Jahren, zu der Zeit, in der das ägyptische Reich entstand – aus Vorläufern, die man behelfsweise „Prädynastik“ oder „Dynastie 0“nennt –, und sie entstanden an der südlichen Grenze des Reichs, deshalb sind sie noch erhalten, der Nil bedeckte dort nicht so viel mit seinem Schlamm wie im Norden.

 

„Erste Repräsentation der Macht“

Aber gut erhalten sind sie nicht, vor allem die letzten Jahre haben ihnen zugesetzt, deshalb haben Gatto/Hendrickx zu ihrer Dokumentation die alten Fotos herangezogen und interpretieren das ganze Ensemble – es besteht aus sieben Abschnitten mit vielen Tableaus an den Wänden eines amphitheaterartigen Tals – als „erste Repräsentation der königlichen Macht in Ägypten“ (Antiquity, 25.11.). Dieser König kam per Schiff, es taucht immer wieder und in mehreren Varianten auf, es ist geschmückt mit den Symbolen der Macht, dem Stier und dem Falken. Auch der Hund hat noch einen ehrenhaften Auftritt – er symbolisierte in der Dynastie 0 den Jäger, und er läuft auf einem der Bilder vor dem König –, später verlor er diese Würde, wurde zum schlichten Jagdgehilfen.

 

„Hybride aus Prädynastik und Dynastik“

An solchen Details zeigt sich für Gatto/Hendrickx, dass die Felszeichnungen „ein Hybride prädynastischer und dynastischer Bildgebung“ sind, es zeigt sich auch im Großen: In der prädynastischen Zeit sind die Darstellungen allgemein gehalten, in der dynastischen werden sie historische Dokumente, das Reich war groß und musste verwaltet werden, auf der Basis zuverlässiger Daten. Und es musste Ordnung hineingebracht werden, in das Reich wie in die Natur: Die Bilder zeigen gefesselte Gefangene, und sie zeigen wilde Tiere, in beider Chaos bringt die Zentralgestalt Ordnung, die Feinde sind besiegt, die Bestien erjagt. Und auf dem zentralen Tableau trägt die Zentralgestalt die weiße Krone, das ist die von Oberägypten, in Unterägypten regierte die rote. Dort tauchte nun die weiße auf, das Reich war geeint, und der Pharao war per Schiff den ganzen Nil hinaufgezogen bzw. mit Seilen hinaufgezogen worden, auch das zeigen die Bilder.

Aber kein Aufwand war zu groß, es ging um Geld, und es ging um Macht bzw. ihre Demonstration. Und es ging um die Einbindung dieser Macht in die höheren Mächte. Wieder auf dem zentralen Tableau stehen auch einige Hieroglyphen, sie bedeuten „nautische Nachfolge“. Gatto/Hendrickx interpretieren das im Kontext der „Nachfolge des Horus“ – des Himmelsgottes –, in dessen Namen die Pharaonen später durch das Land zogen: „Die Bilder entstanden zu der Zeit, als prädynastische religiöse Prozessionen in den Triumphzug eines steuereintreibenden Monarchen umgewandelt wurden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2012)