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Ein Muslim kämpft gegen Judenhass

Muslim kaempft gegen Judenhass
(c) AP (SAMIR MIZBAN)
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Ahmad Mansour wuchs als Palästinenser in Israel auf, erlebt nun Alltagsgewalt an Berliner Schulen - und bricht in Gesprächen mit Migranten die Fesseln der Tradition.

Berlin. An dem Tag, der sein Leben prägen sollte, trug Ahmad Mansour eine Gasmaske. Es war der Winter 1991, erster Irak-Krieg. Der palästinensische Bub saß mit seiner Familie im Schutzraum in einem Dorf nahe Tel Aviv und zitterte vor einem Gasangriff der Iraker – so wie ganz Israel, Juden wie Araber. Sirenen, Bomben, schließlich Schreie. Aber keine Schreie der Angst, sondern des Jubels.

Die muslimischen Nachbarn tanzten auf den Dächern. Nicht, weil sie einen Angriff überlebt hatten. Sie jubelten, weil ein arabisches Land es geschafft hatte, Israel anzugreifen: „Allah ist groß.“

Woher dieser Hass, der das Leid der anderen ignoriert und stärker ist als die Todesangst? Diese Frage ließ den kleinen Ahmad nicht mehr los. Zunächst suchte er noch Sinn und Halt in der Koranschule der Muslimbrüder. Doch bald wusste er, dass ihre einfachen Antworten für ihn keine waren. Er studierte Psychologie in Tel Aviv, als einziger Palästinenser unter lauter Juden, wanderte nach Deutschland aus und machte in Berlin seinen Abschluss. Sein Thema holte ihn auch fern der Heimat ein: Er erlebte, wie die Alltagsgewalt mancher arabischstämmiger Jugendlicher zunahm. Und er beschloss, etwas dagegen zu tun.

Der Tag, der Daniel Alters Leben verändert hat, liegt nur wenige Wochen zurück: Ende August wurde der Berliner Rabbi von Jugendlichen mit Migrationshintergrund schwer verletzt. Viele deutsche Juden tragen seitdem außer Haus nicht mehr die Kippa. Die Öffentlichkeit ist alarmiert: Der gewaltbereite Antisemitismus, den Deutschland überwunden glaubte, kommt aus einer unerwarteten Ecke zurück. Vergangene Woche erhielt der Rabbi den „Bambi“-Medienpreis für Integration. Er widmete ihn den Berliner „Heroes“ und dem Gruppenleiter des Sozialprojekts: Ahmad Mansour.

 

Kein Problem der Unterschicht

Was macht der 36-jährige „Held“? Er hat ein Team von jungen Muslimen aufgebaut, die für eine tolerante, aufgeklärte Gesellschaft stehen. Sie gehen in die Schulen, werben für Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung. Was Mansour in manchen Schulen hört, gibt zu denken: „Das Wort Jude ist zu einem der häufigsten Schimpfworte geworden. Radikale Einstellungen werden heftiger und extremer.“ Warum?

Ein großer Teil der Migranten sei gut integriert, erhebe aber auch nicht das Wort. Umso lauter gebärde sich die kleine Gruppe jener, die „nicht angekommen sind in der deutschen Gesellschaft“. Mansour verwehrt sich gegen die beliebte Erklärung, das sei eben ein Problem der Unterschicht: „Es geht um Werte, Einstellungen und Erziehungsmethoden. Auch manche Ärzte und Anwälte schlagen ihre Frauen und sind Antisemiten.“

Viele Kinder, erzählt Mansour, sehen per Satellit die Sender von Hamas und Hisbollah, in denen Hass gepredigt und Gewalt verherrlicht wird. Auch manche türkische Sender streuen geschickt antisemitische Verschwörungstheorien. So wird jeder Jude in den Augen dieser Jugendlichen zu einem „schmutzigen Tier“, die Gewalt findet ihre Legitimation.

Mansour spürt den scheinbar harmlosen Ursprüngen dieser Gewalt in den Familien nach: Wenn Kindern mit der Hölle gedroht wird. Wenn in der Erziehung nicht Argumente, sondern nur Verbote zählen. Wenn Mädchen von der Klassenfahrt ferngehalten werden, keinen Deutschen zum Freund haben dürfen, als Jungfrau in die Ehe gehen müssen, im Namen einer falsch verstandenen „Ehre“.

Befördert werden die verhärteten Traditionen durch eine orthodoxe Auslegung der religiösen Schriften – und das ist „Mainstream im arabischen Raum“. Die radikalen Salafisten haben „nichts Neues erfunden“, sie gehen nur weiter – im Extremfall bis zur Gewalt gegenüber Andersgläubigen. Die „Heroes“ sehen sich als Vorbilder der Gemeinschaft, die an der Wurzel ansetzen: Sie sprechen mit Jugendlichen, „deren Identität durch die Gruppe definiert ist“, die nie gelernt haben, die Regeln der Gruppe kritisch zu reflektieren. Das habe nichts mit Bildungsferne oder mangelnder Intelligenz zu tun: „Ich kenne Schüler mit lauter guten Noten, die aber nicht in der Lage sind, in einem Aufsatz einen eigenständigen Gedanken zu formulieren.“

 

Nachfragen wie bei Sokrates

Zu diesem freien Denken regt Mansour die Jugendlichen an, wenn er mit ihnen über Sex und Liebe, Eltern und Ehre spricht – ohne Vorwürfe, ohne Belehrung, aber mit geduldigem Nachfragen, als wäre er ein moderner Sokrates: „Was ist Ehre?“ Drei Stunden in einer Klasse, das reicht natürlich nicht für die Mission Aufklärung. Aber oft genügt schon ein Anstoß.

Er sollte freilich auch von den Lehrern kommen. Dafür aber „fehlen die pädagogischen Konzepte“. Lange glaubten die Deutschen, es genüge, dass die Schule Bildung vermittle. Nun sei auch der Auftrag zur Sozialisation, der Erziehung zum mündigen Bürger, wieder dringend gefragt.

Das alles wegen einer doch kleinen Gruppe von Migranten, die von ihren vormodernen Traditionen nicht lassen wollen? „Das ist kein Randproblem“, ist Mansour überzeugt, „schon deshalb, weil die Rechtsextremen ihre Existenz damit rechtfertigen.“

Auf einen Blick

Ahmad Mansour (36) ist Psychologe. Er arbeitet unter anderem als Berliner Gruppenleiter von „Heroes“, einem Projekt, das an Schulen für Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung kämpft. Dabei wird er auch mit Antisemitismus und wachsender Gewaltbereitschaft konfrontiert. Der im August attackierte Berliner Rabbi Daniel Alter widmete ihm den „Bambi“-Medienpreis. [Mansour]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)