Hartinger: "Die Feststiege ist ein Ort der Einsamkeit"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Marlen Haushofers Roman "Die Wand" wurde jetzt auch dramatisiert. Dorothee Hartinger spielt die isolierte Frau auf der Feststiege. Der "Presse" erklärte sie, was den Reiz dieses Schauplatzes ausmacht.

Die Presse: Eine Frau wird auf einer Jagdhütte durch eine unsichtbare Wand vom Rest der Zivilisation abgeschnitten und sieht sich auf sich selbst und die Natur zurückgeworfen: Eben erst haben wir Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ in einer Kinofassung erlebt, jetzt begegnen wir ihm erneut – im Burgtheater. Was erzählt der Roman, das uns so dringlich hier und heute erzählt werden soll?

Dorothee Hartinger: Es gibt eine ganz merkwürdige Angst in der Gesellschaft, die Angst, dass einem alles zu viel wird: Man fürchtet sich vor der Überzahl der Informationen, vor dem Internet und den Medien im Allgemeinen genauso wie vor der Atomkraft, vor Konflikten wie dem in Syrien, überall geht die Krise um. Und diese vielen Bedrohungen haben mich wieder auf diesen Roman gebracht: Die Angst davor, nur mehr reagieren zu können, gar nicht mehr zu sich selber zu kommen, die fängt dieser Roman genau ein. Für mich steht die „Wand“ auch als Synonym für viele Krankheiten der Gegenwart, für Burn-out, Depression, Adipositas. Das sind alles Dinge, wo Menschen Mauern um sich bauen und sagen: Stopp, ich kann nicht mehr. Ich glaube, diesen Ausstiegsgedanken hatten wir alle einmal, zu sagen: Schluss, aus, ich melde alle Handys ab, ich ziehe woanders hin, ins Gebirge.

Die Wand also weniger als auferlegtes Schicksal, mehr als Schutz, der den Rückzug auf ein einfaches Leben ermöglicht?

Ich kenne viele Leute, die den Fernseher abschaffen, die sagen, ich halte das nicht mehr aus, diese permanente Empfangsbereitschaft. Und das ist für mich dieser Roman, da sagt jemand: So, da ist eine Wand, und dahinter ist nichts. Und hier drin ist auch nichts. Und jetzt gehe ich Tag für Tag und versuche zu überleben. Ich muss bei dieser Frau an meine Großmutter denken. Die Frauen in den zerbombten Städten haben gesagt: Fangen wir einfach an, nehmen wir einmal einen Stein, machen wir weiter und fragen nicht gleich, welchen Sinn das hat. Das hab ich als Jugendliche, als ich die „Wand“ zum ersten Mal gelesen habe, nicht verstanden, das erschien mir schnell wie ein Kapitulieren, und das sehe ich heute anders. Das ist das Schöne am Älterwerden.


Julian Pölsler bringt in seiner Kinoadaption viel Natur ins Spiel, damit tut man sich im Theater schwer. Noch schwerer vielleicht an dem Spielort, den Sie gewählt haben: eine der beiden Feststiegen des Burgtheaters. Wie holt man das Kreatürliche in k.k. Repräsentationsräume?

Die Feststiege ist für mich ein sehr merkwürdiger Ort, weil er einerseits von Menschen geschaffen ist, ein Prachtort, und trotzdem hat er etwas völlig Unbehaustes. Es ist kein Ort, in dem man wohnen soll, kein Ort, der zu heizen ist...

...weshalb dem Publikum warme Kleidung empfohlen wird...

...man kann da auch nicht g'scheit sprechen, weil es so hallt. Der Marmorboden ist hart, eiskalt, man mag da gar nicht hingreifen. Dieser Ort schafft für mich ein Sinnbild von Einsamkeit. Ein Wald ist für mich nicht besonders einsam, ich bin auf dem Land aufgewachsen. Aber diese Feststiege ist ein Ort der Einsamkeit, und da ist jemand alleine. Es geht mir darum, dass ich auf der Feststiege stehe und beispielsweise den Satz sage: „Ich freute mich über die Stille nach dem Getriebe in der Stadt.“ Dann mach ich eine Pause – und rundherum hört man den Christkindlmarkt und die Straßenbahnen und das ganze Lärmen. Für mich steht im Mittelpunkt der „Wand“ nicht die Idee einer Robinsonade: Diese Frau würde keine zwei Tage im Wald überleben. Es geht vielmehr um dieses Gedankenspiel: Was passiert, wenn ich stopp sage. Das finde ich so interessant an der Figur, dass sie an den Menschen scheitert – und dann findet sie zu sich, ohne Menschen.

Haben Sie den Film gesehen?

Nein. Ganz bewusst nicht. Fantasie ist etwas sehr Fragiles, und ein Bild ist immer stärker als die Fantasie. Diese Erfahrung habe ich schon als Kind gemacht, wenn ich erst ein Buch gelesen und dann die Verfilmung gesehen habe. Meine fragile Fantasie konnte sich gegen die Bilder nicht mehr durchsetzen.

Andererseits haben Sie selbst nicht nur für das Theater, sondern auch für den Film gearbeitet – und für TV-Serien wie „Derrick“ und „Soko Kitzbühel“.

Das Schöne an meinem Beruf ist die Vielseitigkeit, und ich möchte gern jedes Genre bedienen können. Und zwar so gut, wie es geht. Ich finde es schlimmer, in einem schlechten Theater zu arbeiten, als einen guten „Derrick“ zu drehen. Ja, es kommt vor, dass ich mich für etwas schäme und hoffe, dass das keiner sieht. Aber anderes wiederum macht mir großen Spaß. Theater ist ein Knochenjob, man lässt nie los. Ich arbeite jetzt sechs Wochen an der „Wand“, aber ob das gelingt, das werde ich erst bei der Premiere wissen. Beim Drehen ist es so, dass man etwas macht, und dann hat man es gemacht, und hoffentlich war ein guter Take dabei, und damit ist die Sache abgeschlossen. Trotzdem: Theater hat für mich Priorität, alles andere ist lustig, ist einträglich – aber eben nur Fingerübung.

Schauen Sie sich Fernsehserien, in denen Sie mitgespielt haben, überhaupt an?

Nein. Ich bin da ganz schrecklich. Meine Mutter sagt immer, du musst dir das anschauen. Aber ich kann mir ja schon Fotos von mir nicht anschauen.

Sie haben an den Münchner Kammerspielen debütiert, da waren Sie 20. Mit 30 waren Sie Peter Steins Gretchen, und jetzt, mit Anfang 40, können Sie zehn Jahre Burgtheater feiern. Wohin soll das noch führen?

Theater ist unerbittlich. Kein Preis nützt einem etwas, wenn man die nächste Vorstellung spielen muss. Wurscht, ob ich vor zehn Jahren bei Stein das Gretchen gespielt habe: Wenn ich die Zuschauer langweile mit der „Wand“, dann wird ihnen der Gedanke, dass ich das Gretchen gespielt habe, nicht weiterhelfen. Mir auch nicht. Ich sehe das Theater ähnlich wie ein Leben mit einem Partner oder mit einem Kind: Der Moment zählt immer.

„Die Wand“ im Theater

Marlen Haushofer(1920–1970) veröffentlichte ihren dritten Roman, „Die Wand“, 1963. 2011 wurde er von Julian Pölsler verfilmt.

Dorothee Hartinger, geb. 1971 in Regensburg, 2001 das Gretchen in Peter Steins „Faust“-Inszenierung, seit 2002 am Burgtheater, spielt die einzige Person des Romans auf der Feststiege des Burgtheaters: 6., 16., 21. und 30.12.; 6. und 13.1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2012)

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