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Zuhören, nicht auf Monitore starren!

Ist „Überuntersuchungswahn“ ein Merkmal der heutigen Medizin, gesteuert von kommerziellen Interessen? Günther Loewit, Arzt und Autor, fragt: „Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“

Irgendwie kam die Ankündigung der Buchpräsentation an mich: per Internet oder per E-Mail? Keine Ahnung, jedenfalls habe ich mir das Buch sofort bei meiner legendären Wiener Buchhändlerin, Brigitte Salanda, bestellt. Warum? Ein Doktor, der schriftstellert, das ist schon einmal nicht uninteressant. Aber dann hat er auch noch als Schriftsteller, der ein Doktor ist, das Wort für oder gegen (wer weiß das vorher schon so genau?) die Medizin ergriffen, doppelt interessant. Das heißt, denke ich, er nutzt seine Neigung und Begabung auch für den Gegenstand seiner Arbeit und nicht nur, um ihm, dem Gegenstand Medizin, zu entgehen, in die Welt seiner Begabung, Neigung, vielleicht auch seines inneren Müssens.

Ich lese das Buch in einem Zug und finde fast alles bemerkenswert. Seine Thesen sind verblüffend richtig: Wir haben nicht zu wenig, sondern zu viel Medizin. Wir haben nicht zu wenig Ärzte, sondern zu viele Patienten. Wir produzieren am Laufband Kranke, weil wir erstens zu viel hinschauen, zu viel untersuchen und vor allem, zu viel tun, nämlich Schädliches, und zweitens zu wenig hinschauen, wo schon längst etwas ist.

Erstens bringt Günther Loewit gleich zu Anfang seines Buches das Beispiel der Alzheimer-Mode. Was ist hier mit Mode gemeint? Alois Alzheimer nannte das von ihm beschriebene Geschehen „die Krankheit des Vergessens“. Es ist eine Art Altersschwäche des Gehirns, das häufigste Auftreten findet sich zwischen 17 und 85Jahren (bis zu 20Prozent der Menschen werden dement), danach ist es weniger häufig, was sich schlicht demografisch erklärt. Unsere Gesellschaft ist hervorragend „alzheimersensibilisiert“, weil wir immer älter werden und unsere Demenz massenhaft erleben. Wir haben zwar nach wie vor keine Ahnung, wie die Krankheit entsteht und was sie verursacht, aber wir behandeln sie fest.

Die meisten Anti-Alzheimer-Medikamente stammen aus der Gruppe der Cholinesterasehemmer, das heißt, sie verzögern den Abbau eines im Hirnstoffwechsel zentralen Neurotransmitters, des Acetylcholin. Das bringt den Patienten eine kleine Verzögerung im Fortgang der Krankheit, und das auch nur am Anfang. Die Abgrenzung, so schreibt Loewit, zum „Placeboeffekt, wie er bei der Einnahme jeder Tablette auftritt, fällt schwer“. Dafür gibt es jede Menge Nebenwirkungen. Kanadische Untersuchungen haben gezeigt, dass Alzheimer-Patienten unter der Medikation mit Cholinesterasehemmern doppelt so häufig in stationäre Behandlung aufgenommen werden mussten als Patienten, die nicht behandelt worden sind. Und das ist nur ein Befund unter vielen, die gegen die Pathologisierung der Altersdemenz sprechen – und für die Argumente Loewits.

Andere Beispiele dafür, wie die Medizin krank macht? Hormone im Trinkwasser zumBeispiel – die Antibabypille findet sich im Wasser wieder und nicht nur die, auch die Hormone aus der Fleischproduktion. Antibiotikaresistenzen – medizinisch verursachte Behandlungssackgassen. Überuntersuchungswahn gepaart mit einer methodischen Verachtung für alles „Psychische“, das zwar mit dem zweiten Heilberuf der Psychotherapeuten eine halbherzige Anerkennung gefunden hat, genau deswegen aber auch aus dem medizinischen Diskurs hinausgedrängt wurde, sehr zum Schaden von beiden.

Günther Loewit vertritt gegen all das eine einfache Medizin – eine des Zuhörens und der Berührung. Er wettert sympathisch gegen den Verfall der medizinischen Handwerkskultur der physikalischen-körperlichen Untersuchung der Patienten und verdammt – wieder sympathisch – die Maschinisierung und Mechanisierung der Medizin. Er hasst das Fernsehen und sieht darin einen Hauptverursacher einer neuen Krankheit, die natürlich wieder mit Marktinteressen zu tun hat, dem ADHS, der Zappelphilipp-„Krankheit“ der Kinder (aber zunehmend nicht nur derer). Die Passage über den Einfluss des Fernsehens hat mich in der Tat beeindruckt – der Zorn des Arztes, einer gesellschaftlichen Entwicklung nichts entgegensetzen zu können, ist hier anschaulich und einprägsam.

Natürlich hat auch Loewit keine Lösung anzubieten, das wäre ja auch wirklich zu viel verlangt. Die Medizin ist eine nachgeordnete Dienststelle von Markt- und Politikinteressen, sie produziert Patienten. Das Sozialversicherungssystem ist eine Verwaltungsagentur dieser Marktinteressen und produziert Früh- und Invalidenpensionisten. Unsere Gesellschaft verwaltet die Interessen der gesellschaftlichen Agenturen, aber nicht die des Individuums, seiner Integrität und seiner Freiheit (die sich womöglich auch nicht verwalten lassen).

Der 1958 in Innsbruck geborene Allgemeinmediziner und Gemeindearzt Günther Loewit bedauert und beklagt angesichts dieser Entwicklung den Verlust der ärztlichen Kunst, den Verlust des familiären Zusammenhangs, den Verlust von zivilisatorischen Kräften; er würde vielleicht sogar sagen: Werteverlust, wenn das sein Blickwinkel wäre. Es ist also auch ein wirklich konservatives Buch, das er geschrieben hat, eines, dessen Denken sich der Figur des „Früher war es besser“ nicht entzieht.

Das kommt bei vielen Passagen heraus, zum Beispiel, wenn er über die jungen Ärzte schimpft, die nur noch auf Monitore anstatt dem Patienten ins Gesicht schauen, und das schöne Bild des erfahrenen Oberarztes entwirft, der den Puls fühlt – also berührt, der Klage zuhört, die blassen Lippen sieht. Diese Passagen sind nostalgisch – dort werden wir keine Lösungen finden. Ich will auch nicht sagen, dass der Autor dort die Lösung sucht, in der Vergangenheit, die es so ja auch nie gegeben hat, aber für sein Schreiben ist die Figur des guten Arztes ein innerer Bezugspunkt.

Der Arzt (Gattungsbegriff, gegendert) kann nur die Aufgaben lösen, die ihm in seiner Praxis begegnen. Zuhören und berühren – nicht zu viel machen, Geduld üben und Verständnis haben. Begleiten, weniger untersuchen – Unwissen aushalten. Nicht alles reparieren. Eine solche Haltung erfordert Toleranz dem Leiden gegenüber und Zuversicht für die Heilungskräfte der Menschen. Beides wird nicht auf Universitäten gelehrt, weder früher noch heute. Leider. ■




Günther Loewit
Wie viel Medizin überlebt der Mensch?

280 S., brosch., €12,95 (Haymon Taschenbuch Verlag, Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)