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Mehrsprachigkeit in der Schule leben

Mehrsprachigkeit Schule leben
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Muttersprachenunterricht ist wichtig - reicht aber nicht. Die Europaschule in Wien-Brigittenau zeigt mit ihrem "Sprachkarussell", wie es funktionieren kann.

Wien/Beba. Jedes Kind sollte in der Sprache, in der es aufwächst und seine ersten Worte spricht, auch Lesen, Schreiben und Rechnen lernen: Das war Konsens bei der von der Initiative Minderheiten initiierten Podiumsdiskussion „Mehrsprachigkeit in der Grundschule“ vergangene Woche in Wien.

Denn das (gute) Beherrschen der Muttersprache sei nicht nur eine Kompetenz, die die Kinder im späteren (auch beruflichen) Leben nutzen können – sondern auch zentral für ihre Weiterentwicklung, sagte die Sprachwissenschaftlerin Brigitta Busch – und teils sogar für die Kommunikation in der Familie.

Was das bedeutet, zeigte Busch anhand des Beispiels somalischer Mädchen in Wien, die sie im Gesundheitszentrum FemSüd betreut hat: Ab einem Alter von 13 oder 14 Jahren hätten sich viele mit ihren Müttern nur noch über oberflächliche Themen unterhalten können. Denn ihr Somali sei nicht mitgewachsen und die Mütter seien teils für komplexe Sachverhalte – Stichwort Pubertät – in Deutsch nicht firm genug. Als erste afrikanische Sprache wird seit heuer daher an zwei Schulen in Wien Somali als Muttersprache unterrichtet.

 

Selten verschränkter Unterricht

Es ist eine von 20 Sprachen, in denen an Wiener Schulen muttersprachlicher Unterricht angeboten wird. Als Freigegenstand oder unverbindliche Übung sind die Stunden in der Muttersprache allerdings von den übrigen Fächern völlig abgekoppelt. Nur in wenigen Schulen werden sie integrativ mit dem regulären Schulunterricht verschränkt – etwa in Form von zwei- oder mehrsprachigem Sachunterricht, abgehalten von der Klassenlehrerin und den Lehrkräften für die Muttersprache(n).

Der Unterricht in der Muttersprache alleine trage aber längst noch nicht der Sprachenvielfalt Rechnung, die in den meisten Wiener Klassenzimmern längst Fakt ist, kritisiert Sprachwissenschaftlerin Busch: Man müsse Schule und Unterricht vielmehr für die Vielzahl an Sprachen öffnen.

Ilse Henner, Direktorin der Europaschule Brigittenau, hat vor einigen Jahren genau dafür ein eigenes Modell entwickelt: das sogenannte „Sprachenkarussell“. Eine Stunde pro Woche lernen die Volksschüler eine von 16 Sprachen – von Arabisch über Chinesisch bis Romanes. So schnuppern sie jeweils ein Jahr lang in eine Fremdsprache ihrer Wahl hinein, dann wird gewechselt.

Das Ziel scheint auf den ersten Blick bescheiden: Die Kinder sollten in der Lage sein, mit ihren Mitschülern (die oft Migrationshintergrund haben) in einfachen Sätzen in deren Muttersprache zu kommunizieren, sagt Henner. Doch es ist mehr: ein Ansatz zu gelebter Mehrsprachigkeit in der Schule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2012)