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Kindertransport: „Ich war eines der glücklichen Kinder“

Symbolbild(c) AP (Markus Schreiber)
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Im Dezember 1938 ging der erste Transport jüdischer Flüchtlingskinder nach London ab. Bis Mai 1939 sollten rund 10.000 weitere aus Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen folgen.

Wien/SIG. Die einzige Erinnerung, die Helga Hacker von Wien blieb, ist der Westbahnhof. Im Dezember 1938 brachten ihre Eltern, orthodoxe Juden, ihre vierjährige Tochter dorthin, wo sie mit Hunderten anderen in einen Zug nach London stieg. Dieser erste Kindertransport am 10. Dezember brachte 400 jüdische Kinder nach England, bis Mai 1939 sollten rund 10.000 weitere aus Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen folgen.
Mit dem „Jewish Welcome Service Vienna“ kam Hacker (78) jüngst nach Wien. „Ich war eines der glücklichen Kinder“, sagt sie zur „Presse“. „Weil meine Pflegeeltern gut zu mir waren. Das ging nicht allen Kindern so. Manche, vor allem die Älteren, mussten als Dienstboten arbeiten.“ Die Pflegeeltern in Liverpool hatten sie anhand von Fotos ausgesucht. „Sie waren Juden, das war meinen Eltern wichtig“, sagt sie. Sie achteten darauf, dass Hacker ihre Eltern nicht vergaß und wollten nur „Onkel“ und „Tante“ genannt werden.

Hackers Eltern verließen Wien 1940, wollten nach Palästina gelangen, wurden aber von den Briten aufgegriffen und in ein Lager auf Mauritius gesteckt. Nach dem Krieg kamen sie besitzlos nach Palästina. „1946 besuchte mich der Bruder meiner Mutter, wollte, dass ich zu meinen Eltern komme. Keiner fragte mich, was ich wollte.“ Doch 1948 tobte der erste Arabisch-Israelische Krieg, die Reise ward verschoben.

Banges Warten im Hafen

Erst 1949 traf Hacker ihre Eltern: Mit vielen anderen Jugendlichen, viele davon Holocaust-Überlebende, ging es über Marseille nach Haifa. „Im Hafen sah ich mich um, in der Hand das Hochzeitsfoto der Eltern“, sagt die damals 14-Jährige. Sie setzte sich auf eine Bank und weinte. „Eine Frau setzte sich daneben. Wie sollte ich sie fragen, ob sie meine Mutter ist?“ Hacker brachte keinen Ton heraus. „Doch als sie mich umarmte und küsste, waren alle Zweifel verflogen.“

Ihre Pflegeeltern in Liverpool besuchte Hacker noch oft. Am Westbahnhof erinnert seit 2008 eine Skulptur an die Kindertransporte: Ein Bub aus Bronze sitzt auf einem Koffer. Mehr als das durften die Kinder nicht mitnehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2012)