Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Ägyptens Frauen sind die Verlierer der Revolution"

"Ägyptens Frauen sind die Verlierer der Revolution"EPA
  • Drucken

Für die Radiosenderchefin Amani ElTunsi ist die Herrschaft der Muslimbrüder nur eine Kopie des Mubarak-Regimes. Und das Land bewege sich zurück in die frauenrechtliche Steinzeit.

Amani ElTunsi ist Chefin des ägyptischen Internetradios „Banat wa bas - for girls only", Am Wochenende erhielt sie in Wien der Preis der „Österreichischen Liga für Menschenrechte". Sie ist eine Protagonistin im 2013 erscheinenden Film „Jung, weiblich ägyptisch" der österreichischen Regisseurin Alexandra Schneider.


Die Presse: Der Konflikt in Ägypten spitzt sich immer mehr zu. Wie geht es Ihrer Ansicht nach weiter?

Amani ElTunsi: Ich bin sehr froh über jeden Fehler, den die Islamisten seit fünf Monaten machen. Es ist an der Zeit, dass der religiöse Vorhang, hinter dem sie sich verstecken, weggezogen wird. Man muss einfach schauen, was sich hinter ihren Bärten versteckt.


Und, was versteckt sich dort?

Es ist nur eine Kopie des vorigen Regimes. Mubarak ist Mursi. Nur die Namen haben sich geändert. Mit seinem mittlerweile wieder aufgehobenen Dekret, das seine Entscheidungen unanfechtbar machte, hat er gezeigt, dass er sich für eine Art Gott hält. Wenn jemand diese Revolution, für die wir gekämpft haben, verrät, dann sind das die Muslimbrüder. Sie sorgen dafür, dass jede Menge Blut vergossen wird.


Die Islamisten wollen ihre Verfassung durchbringen, der gesellschaftliche Druck steigt: Können Frauen bald nicht mehr unverschleiert auf die Straße gehen?

Falls sie mit dieser Verfassung durchkommen, wäre das eine Katastrophe für Ägypten. Ich habe den Entwurf gelesen, da ist kein Platz für Frauen, sie genießen keinerlei Rechte. Für die Leute, die diese Verfassung geschrieben haben, ist die Frau nur ein Weib. Auch für die Kopten ist der Entwurf schlecht, sie werden nicht beachtet.


Wie lebt es sich für eine selbstbewusste, junge Frau im heutigen Ägypten, einem Ägypten unter den Muslimbrüdern?

Die vergangenen zwei Jahre waren die schlimmsten meines Lebens. Es ist ein Rückschritt in die 50er-Jahren, als ob man in eine andere Welt versetzt wurde. Seit der Revolution werden die Frauenrechte mit Füßen getreten, Frauen haben jede Menge Schmach und Erniedrigungen erlitten. Seit 2008 haben wir mit unserem Sender versucht, das Bild der Frauen und Mädchen in der arabischen Welt zu verbessern, zu erklären, dass wir kein Sexualobjekt sind. Denn diese Ansicht verfestigt sich immer mehr, wir verspüren es am eigenen Leib. Es gibt jede Menge Angriffe auf Frauen, es ist kaum mehr zu ertragen: Die haben alles kaputtgemacht, wofür wir jahrelang arbeiteten.

Im „bärtigen" Parlament wollte eine Abgeordnete dafür sorgen, dass die Mädchen beschnitten werden. Über unseren Radiosender haben wir es geschafft, dass 10.000 Unterschriften gesammelt wurden, um diesen Gesetzentwurf zu stoppen. Sie versuchen mit allen Kräften, die Familiengesetze aus der Ära Mubarak zum Schlechten zu verändern oder überhaupt abzuschaffen.


Wie wirkt sich das veränderte Klima im Alltag aus?

Nach dieser angeblichen Revolution hat sich die Polizei von der Straße zurückgezogen, sie war wie vom Erdboden verschluckt. Durch dieses Sicherheitsvakuum fühlten sich Leute, die keine Skrupel haben, ermutigt, weil sie dass Gefühl hatten, dass sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden: Sie haben die Frauen immer mehr in die Mangel genommen, es gibt seither mehr Belästigungen und Vergewaltigungen.


An der der Revolution waren ja auch viele Frauen beteiligt, es gab es die Hoffnung dass der Umsturz auch ihnen etwas bringt. Zeigt sich jetzt, dass sie die Verlierer der Revolution sind?

Aus dieser Revolution gingen viele als Verlierer hervor, am Schlimmsten hat es die Frauen und die Kopten getroffen.


Sehnen Sie sich manchmal nach der „alten Zeit", nach dem Mubarak-Regime zurück?

Nach der Ära Mubarak nicht, aber nach der Sicherheit, die wir damals genossen haben.


Als Sie noch unter dem alten Regime ihren Sender gründeten, hat man Ihnen da Steine in den Weg gelegt? Und wie ist es heute?

Es gib keinerlei Unterschied zwischen den Regimen. Nur dass sich das jetzige Regime hinter der Religion versteckt. Als wir damals mit dem Sender begonnen haben, hat man mich vor den Sicherheitsdienst zitiert, und sie haben mir ein paar Fragen gestellt. Ich musste zwei Papiere unterschreiben. Eines, wo ich mich verpflichtete, nicht über Politik, Religion oder Sexualität zu sprechen. Das zweite war ein Blanko-Dokument - falls ich mich nicht an die Vorgaben halte.


Und, haben Sie?

Ich musste mich lange daran halten, bis zur Revolution. Mittlerweile gilt eine andere Devise: Man darf nicht über die Moslembrüder sprechen. Und wenn man über Religion bzw. den Islam sprechen will, dann muss man das denen vorlegen.


Sind das offizielle Regeln, oder gab man Ihnen „informell" zu verstehen was Sie zu tun haben?

Nein, offiziell ist das nicht. Für mich ist es ganz einfach: So lange es keine offiziellen Regeln gibt, mache ich, was ich will. Das bringt die Machthaber sicher auf die Palme. Sie melden sich auch, aber eben nicht offiziell, sondern über Mails vorgeblich normaler Bürger und über Drohbriefe.


Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie zu Ihrer Arbeit gebracht hat?

Ich bin eine ganz normale Ägypterin. Bevor ich meine Tätigkeit als Menschenrechtlerin anfing, habe ich erlebt, was jedes Mädchen hier erlebt: Die täglichen Belästigungen.


Haben Sie Angst, Ihre Arbeit könnte Sie ins Gefängnis bringen?

Ich habe noch keine Drohungen von einer Behörde bekommen. Ich versuche, sachlich zu bleiben und mich auf Fakten zu konzentrieren, um nicht angreifbar zu sein. Bevor Mubarak zurückgetreten ist, wurde ich verhaftet und einen Tag lang festgehalten. Währenddessen hat man meinen Sender geplündert, ich musste von Null beginnen.


Mehr als 80 Prozent der ägyptischen Frauen sagen, dass sie schon einmal Opfer sexueller Belästigung wurden.

80? Es sind 90! Das fing in großem Stil 2005 an. Das gab es in unserem Wortschatz vorher in dieser Form nicht. Es fing damit an, dass den Offizieren und Wachleuten befohlen wurde, Frauen sexuell zu belästigen, die an irgendeiner Kundgebung teilnahmen. Seither hat das stark zugenommen.


So ein Phänomen kann doch nicht so plötzlich aus dem Nichts gekommen sein.

Es gab das schon, aber bei weitem nicht in so einem Ausmaß. Und man hat es auch nicht als „Belästigung" bezeichnet sondern als „unsittliches Flirten", es war nur verbal. Aber jetzt werden die Frauen begrapscht und vergewaltigt.


Es ist ja ein verbreitetes Muster, den Frauen selbst die Schuld daran zu geben. Wie gehen Sie gegen so eine Denkweise vor?

Ja, das ist leider weit verbreitet. Oft heißt es, das passiert, wenn Frauen nicht verschleiert sind oder nicht keusch angezogen sind. Wir behandeln dieses Thema in unserem Programm und veranstalten mit NGOs Kundgebungen, wo wir das anprangern. Wir haben Selbstverteidigungskurse, an denen viele Frauen teilnehmen, und mit Dokumentar-Filmen versuchen wir, das Bild der Frau zu verändern. Wir arbeiten auch mit der Justiz zusammen, damit schärfere Gesetze gegen Vergewaltiger erlassen werden.


Mit Ihrer Botschaft an die Frauen heranzukommen, wird nicht schwer sein. Wie erreichen Sie aber den Durchschnitts-Macho, dessen Mentalität man ja ändern müsste?

Mein Sender heißt zwar „Nur Mädchen", wir richten uns aber freilich an alle. Das Problem ist, wir und die ganzen anderen Vereine können schwer etwas ändern, wenn jemand schon mit der Erziehung ein negatives Frauenbild mitbekommen hat.


Wenn sich die Lage der Frauen in Ägypten weiter verschlechtert: Denken Sie daran, auszuwandern?

Momentan nicht, aber wenn man mich unter unerträglichen Druck setzt, dann würde ich ein anderes Land gehen, von wo aus ich den Sender im Internet weiterbetreiben würde, nach den selben Prinzipien.