Immer mehr Anleger suchen Alternativen zum Angebot der Banken. Beim „Crowdinvesting“ investiert man in Geschäftsideen. Das ist nur etwas für Risikofreudige.
Die Geschäftsidee der Schwestern Sabrina Schönborn und Laura Gollers hat bei der deutschen Crowdinvesting-Plattform Seedmatch wie eine Bombe eingeschlagen. Innerhalb von drei Stunden und 55 Minuten war die angestrebte Startfinanzierung von 100.000 Euro gesichert. Die Firma Sugarshape bietet Dessous für Frauen, deren Formen sich jenseits der gängigen BH-Größen befinden. Die Kundinnen können über die Homepage selbst mitbestimmen, wie die Kollektionen aussehen und sich ihre personalisierte Unterwäsche zusammenstellen.
Seedmatch ist eine von mehreren deutschen Crowdinvesting-Plattformen, die aus der spendenbasierten Sphäre des Crowdfundings herausgetreten sind und den Anlegern eine Rendite in Form von barem Geld in Aussicht stellen. (Beim Crowdfunding erhält man üblicherweise ein Dankeschön in Form von Sachgütern, z. B. einer Downloadberechtigung bei CDs).
Immer mehr Unternehmensgründer setzen auf Schwarmintelligenz und -kapital, um ihre Projekte zu verwirklichen. Sie stellen ihre Geschäftsidee auf einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Internetplattform vor und schlagen, wenn alles passt, zwei Fliegen mit einer Klappe: Je mehr Interesse ihr Projekt bei der „Crowd“ weckt, desto wahrscheinlicher ist es, dass dafür auch ein Markt vorhanden ist. Und wer an ein Projekt glaubt und sich damit identifizieren kann, ist schneller bereit, in dieses zu investieren.
Einlage im schlimmsten Fall futsch
Die rechtlichen Konstrukte, die beim Crowdinvesting angewandt werden, um sich auch ohne Bankenlizenz im legalen Bereich zu bewegen, sind komplex. Noch gibt es keine klare rechtliche Basis für diese noch relativ junge Investmentform. Bei Seedmatch hat man sich für die Form des partiarischen Nachrangdarlehens entschieden. Das heißt, der Anleger ist direkt am Gewinn des Unternehmens beteiligt. Wenn dieses aber in Konkurs geht, ist die Einlage futsch. Die Crowdinvesting-Plattformen finanzieren sich üblicherweise über eine erfolgsabhängige Vermittlungsgebühr, die den Start-ups verrechnet wird, wenn die Finanzierung steht.
Auch in Österreich gibt es mit „1000x1000“ eine solche Plattform für wagemutige Investoren. Allerdings prüft die Finanzmarktaufsicht derzeit das Modell des Gründers Reinhart Willfort auf seine Rechtmäßigkeit. Dieses funktioniert ähnlich wie das von Seedmatch, beruft sich aber auf das Genussrecht. Der Anleger erhält mit einem Genussschein ein Recht auf einen Anteil am Reingewinn des Unternehmens, bekommt aber kein Stimmrecht.
Hohes Risiko
Aus Anlegersicht ist Crowdinvesting derzeit aus mehreren Gründen risikoreich. Einerseits wegen der unklaren rechtlichen Situation. Die Chancen stehen aber gut, dass hier nächstes Jahr Klarheit geschaffen wird. Zweitens ist das Risiko, in Start-ups zu investieren, prinzipiell hoch. Dafür ist die Rendite, wenn es ein Unternehmen schafft, attraktiv.
„Die Mentalität der Leute, die in Start-ups investieren, liegt irgendwo zwischen Glücksspiel und Sparbuch. Aber näher am Glücksspiel“, sagt Willfort. Der Reiz liege im Abenteuer, an der Gründung eines Unternehmens beteiligt zu sein und Entrepreneurship hautnah zu erleben.
Tipp 1
Rechtslage. Derzeit steht das Crowdinvesting, das den Anlegern im Gegensatz zum Crowdfunding Renditen in Form von barem Geld verspricht, rechtlich auf wackeligen Beinen. Die Plattformbetreiber berufen sich auf rechtliche Schlupflöcher wie das Genussrecht oder das partiarische Nachrangdarlehen, um auch ohne Bankenkonzession im legalen Bereich zu bleiben.
Tipp 2
Risiko streuen. Wer größere Summen in Crowdinvesting-Projekte investieren will, sollte sein Geld auf mehrere Projekte verteilen: Wenn das Start-up, auf das man gesetzt hat, pleitegeht (die Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 40 Prozent), verliert man seine Einlage. Dafür liegen die Renditen deutlich über dem, was Sparbücher und andere sichere Anlageformen bieten.
Tipp 3
Abgrenzung zum Crowdfunding. Vom Crowdinvesting ist dann die Rede, wenn der Anleger Geld in Form von Zinsen oder Renditen bekommt. Beim Crowdfunding erhält der Anleger, wenn das Projekt zustande kommt, ein Dankeschön in Form von Sachgütern. Zum Beispiel eine Downloadberechtigung, wenn er ein Musikprojekt unterstützt, oder eine Premiereneintrittskarte bei Filmen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2012)