Worüber man nicht musizieren kann, darüber ...

Die jüngste CD-Edition des Wiener Rundfunk-Symphonieorchesters ist wie ein Adventkalender: 24 Sendungen – und am Ende steht die Stille.

Gerettet. Das RSO Wien muss nicht mehr um seine Zukunft bangen. Und es gibt ein kräftiges Lebenszeichen, indem es seine Vergangenheit medial aufarbeitet. Eben erschien eine Box mit 24 CDs, die Konzertmitschnitte und Studioproduktionen enthalten, die als Sendereihe gestaltet sind. Man kann Selbige selbstverständlich auf Ö1 hören.

Man kann sie sich via Silberscheibe aber auch ins Haus holen und die Ausgabe als eine Art tönendes Kompendium der Arbeit eines für das heimische Musikleben unabdingbaren Klangkörpers sehen (pardon: hören).

Wie oft musste in den vergangenen Jahren darüber an dieser Stelle geschrieben werden, bis die zuständigen Politiker endlich den ORF–Gewaltigen via Rundfunkgesetz einen Ordnungsruf erteilten!

Nun darf in 24 Einheiten studiert werden, in welcher Form radiofon Musik jüngerer und zeitgenössischer Provenienz vermittelt werden kann. Die Doktrin, die Bertrand de Billy, dessen Periode als Chefdirigent ein einziger Kampf gegen den Unverstand der Küniglberg-Führung war, einstens ausgab, hat sich als goldrichtig erwiesen: Ein Orchester, das sich zum Fürsprecher der Avantgarde machen möchte, muss im klassischen Repertoire konkurrenzfähig sein.

Einer Musikergemeinschaft, die bei Mozart und Co. nicht reüssieren kann, glaubt man auch Stockhausen nicht. Und mit Recht.

Was de Billy erreicht hat, ist in den 24 Lehrstunden zumindest ansatzweise auch hörbar – wenn etwa viel gespielte und häufig aufgenommene Werke wie Beethovens „Pastorale“ oder Dvořáks Neunte absolut konkurrenzfähig auch im Wettkampf mit den luxuriösesten Einspielungen klingen.

Auf solchem Grund kann de Billys Nachfolger, Cornelius Meister, dessen Vertrag eben verlängert worden ist, aufbauen. Seine bisherige Arbeit spiegelt sich in der Edition, versteht sich, ebenso wider wie Gastspiele hochmögender Pultvirtuosen in der Vergangenheit; von Leonard Bernstein bis zu Kirill Petrenko spannt sich da ein bemerkenswerter Bogen.

Und die Bandbreite an sogenannter Neuer Musik ist so groß, wie das einem enzyklopädischen Vorhaben geziemt – bis hin zu den Extremwerten der Avantgarde. Beat Furrer dirigiert „Tableau I“ seines Lehrers Roman Haubenstock-Ramati, womit bereits auf CD Nummer vier vieles relativiert wird, was späterhin sich als fortschrittlich geriert.

Da haben Komponisten der „Dritten Wiener Schule“, die ihr Publikum handwerklich gekonnt auch unterhalten möchten – Nali Gruber wie Kurt Schwertsik – verhältnismäßig leichtes Spiel. Die echte Unterhaltungsmusik und ihre Ausläufer werden so wenig vergessen wie russische, polnische Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Am Ende aber steht mit John Cages „4'33“ die Stille. Ein Menetekel.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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