Zu den heiligen Zeiten begnügt man sich nur mit dem Allerbesten

Zu den Feiertagen besinnt man sich der wienerischen Ewigkeitswerte von der "Zauberflöte" bis zur "Fledermaus". Nur "Hänsel und Gretel" sind Musiktheater-Immigranten.

Da der Weltuntergang offenbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und also unpünktlich ist, dürfen wir uns offenbar zumindest noch einmal über Weihnachten freuen. Da gibt es die große Bescherung. Alle Jahre wieder. Und alle Jahre wieder dasselbe.

Wie im Fernsehen auf irgendeinem Kanal jedenfalls die „Sissi“-Filme zu finden sind, spielen unsere Musiktheater mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit „Hänsel und Gretel“ und die „Zauberflöte“, ein wenig später dann die „Fledermaus“ – und es ist die Strauß-Operette, die jedes Genörgel über Verdoppelungen in den Spielplänen zwischen Wiener Staats- und Volksoper verstummen lässt. Was sonst sollte man zu Silvester geben?

Das Glück dabei ist: Die Konzentration an hohen Feiertagen gilt im Verband eines ohnehin auf wenige Titel reduzierten sogenannten Kernrepertoires den allergrößten Meisterwerken. Humperdincks Märchenoper gehört unbedingt dazu, der vielleicht einzige rundum geglückte Versuch, das Wagner-Idiom sensibel in Richtung komödiantischer Spieloperntradition weiterzuentwickeln.

Und was die leichte Muse betrifft: Es gibt – abgesehen von, sagen wir, Franz Lehárs „Lustiger Witwe“ – keine einzige Operette, die so ohne schwache oder auch nur schwächelnde Nummer auskommt wie Straußens „Champagner-Oper“. Da mögen die Kommentatoren an Text und Dramaturgie bekritteln, wie viel sie wollen.

Die „Zauberflöte“, für die das Nämliche auf dem Opernsektor gilt, bleibt ohnehin das größte Musiktheatermysterium. Bei keinem anderen Stück ist so viel über angebliche Brüche und dramaturgische Unzulänglichkeiten geschrieben worden. Keines hat sich aller Miesmacherei so beharrlich widersetzt, weil die höhere Weisheit der Fabel und die in ihrer Schlichtheit berührende Menschlichkeit der Musik über alle kleinliche Kritik erhaben sind.

Ich vermute ja sogar, dass die „Zauberflöte“ gerade wegen ihrer damals ganz unzeitgemäßen Botschaft der Versöhnung der Geschlechter – „Mann und Weib und Weib und Mann“ – die wahre Ursache für den singulären Siegeszug ist, dass die „Zauberflöte“ deshalb zum Inbegriff des Kassenschlagers werden musste.

Der Komponist hat den Siegeszug nicht mehr erlebt. Der Librettist und erste Papageno, Emanuel Schikaneder, konnte sich aufgrund des Erfolgs aber sein eigenes Theater bauen – Wien profitiert bis heute davon: Im Theater an der Wien sind die besagte „Fledermaus“, 1905 auch die „Lustige Witwe“ uraufgeführt worden.

100 Jahre früher gab man erstmals Beethovens „Fidelio“ – noch so ein Ewigkeitswert, der in der Staatsoper aber erst im April wieder zum Einsatz kommt, knapp nach Ostern – irgendetwas muss man sich ja für andere Feiertage aufheben...

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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