Sankt Helena: Ein Flughafen für Napoleon

(c) Marc Lavaud
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Das entlegene britische Überseegebiet im Atlantik ist seit jeher nur per Schiff erreichbar. Künftig wird es mit der Ruhe auf der schmucken, bewaldeten Insel vorbei sein: Bald soll ein Airport die Massen herbeilocken.

Steht man auf der Spitze des pyramidenförmigen, von grünem Busch pelzartig bewachsenen Diana's Peak in 82 0Meter Höhe und schaut umher, dann sieht man Meer, Meer und nochmals Meer. Er ist die höchste Erhebung der Vulkaninsel Sankt Helena. Diese liegt im Südatlantik und hat noch viel mehr Meer um sich, denn sie ist einer der am schwersten erreichbaren Orte der Erde: 1860 Kilometer ist die Küste Afrikas bei Angola entfernt, etwa 3300 km sind es bis Brasilien. Das nächste Land liegt zwar „nur“ 1300km weit weg; aber das ist auch eine Insel: Ascension im Nordwesten.

Seit 1659 ist die 122 Quadratkilometer große Insel (das entspricht etwa Graz) unter Kontrolle der Briten. Und da sie so isoliert und nur per Schiff zugänglich ist, haben die Briten sie oft als Gefängnis genutzt: Während des Burenkrieges (1899–1902) in Südafrika waren hier mehr als 6000 Buren inhaftiert; der prominenteste Gefangene war Napoleon, der im Oktober 1815 hier festgesetzt wurde und im Mai 1821 starb.

Postschiff als Nabelschnur

Die Isolation wurde in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig nur durch das Postschiff RMS St. Helena durchbrochen, das mehrfach im Jahr vor dem Hafen des Hauptorts Jamestown ankert und die Insel mit ihren 4200 Einwohnern mit Kapstadt und Ascension verbindet (Karte). Das nächste Postschiff verlässt Kapstadt am 18.Jänner und erreicht Sankt Helena am 23.Jänner. In Kapstadt ist es wieder am 5.Februar (http://rms-st-helena.com).

Künftig wird es mit der Ruhe auf der schmucken, bewaldeten Insel vorbei sein: Man baut jetzt einen Flughafen, er soll ab 2015/16 zuerst eine Verbindung nach Südafrika und später zum britischen Überseegebiet Ascension und Großbritannien selbst ermöglichen. Mit (relativ gesehen) drastischen Folgen: Derzeit kommen kaum 4000 Touristen pro Jahr. Julian Morris, der „Wirtschaftsminister“, spricht von einer Verfünfzigfachung (!) des Gästeaufkommens durch den Airport.

Für die wird es erst mal Wohnraum brauchen: Derzeit gibt es auf der Insel, die eine eigene Währung hat (das St.-Helena-Pfund), nur drei kleine Hotels und einige Gästehäuser und Bed&Breakfasts. Abgesehen von den jeweils einigen Dutzend Passagieren auf dem Postschiff und Menschen auf Kreuzfahrt- und Fischereischiffen findet kaum jemand den Weg hierher; die Hotels sind meist zu weniger als zehn Prozent belegt.

Hoffen auf Superboom

Der Airport soll einen Boom bringen, denn außer Tourismus und Mini-Export von Kaffee, Fisch und Briefmarken (jeweils im jährlichen Gegenwert von einigen Hunderttausend Euro) gibt es hier wenig. Die Plantagen- und Flachswirtschaft ist seit Jahrzehnten passé, einen Anlaufhafen für Dampfer zum Kohlebunkern braucht es auch nicht mehr. Die Insel wird seit Langem von London „durchgefüttert“ (2011 etwa 26 Mio. Pfund) – und von Überweisungen ihrer Gastarbeiter im Königreich, in Südafrika und auf den Falklandinseln.

Die Portugiesen entdeckten die unbewohnte Insel 1502 oder 1503. Sie wurden von Holländern und Briten verdrängt; die Englisch-Ostindische Gesellschaft gründete 1657 eine Kolonie samt Plantagen, die Früchte und Bäume dafür wurden importiert, denn die lokalen Gewächse auf der wasserreichen, subtropischen Insel sind zwar reichhaltig, aber wenig nutzbar.

Der „beste Kaffee der Welt“

Seit 1659 amtieren Gouverneure, später wurde die Insel Kronkolonie, seit 2002 ist sie britisches Überseegebiet. Zeitweilig wurden Sklaven aus Afrika importiert, später Arbeiter aus China und Indien, weshalb hier eine eigentümliche Volksmischung entstand: Auf den ebenfalls britischen Falklandinseln, wo es nicht nur klimatisch weit kühler zugeht, werden die Immigranten aus Sankt Helena witzigerweise als „Islanders“ bezeichnet, die etwa in den lokalen Barbetrieben dick im Geschäft sind.

Ach übrigens, Napoleon: Erst während seiner Verbannung auf der Insel, deren Kaffee er für den besten der Welt hielt, versuchte er, Englisch zu erlernen; angeblich mit mäßigem Erfolg. Seine Vokabelhefte wurden 2011 in Paris für rund 93.000 Euro versteigert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2012)

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