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Mohammed goes Simpsons: Eine Provokation?

Mohammed goes Simpsons
Mohammed goes Simpsons(c) EPA (YOAN VALAT)
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Am Mittwoch veröffentlichte das französische Magazin „Charlie Hebdo“ einen Comic über den Propheten – mit einem knollennasigen, knallgelben Mohammed.

Der Band sei „völlig halal“, er entspreche also den religiösen Vorschriften des Islam. So hatte der Herausgeber des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ vor der Veröffentlichung des 64 Seiten starken Bandes über das Leben Mohammeds Protesten in der islamischen Welt vorzubeugen versucht: Diese Biografie sei „vom Islam autorisiert“. Die Religionssoziologin Zineb El-Rhazoui hat daran mitgewirkt, sie bestätigt: „Es ist eine seriöse Veröffentlichung.“ Man habe monatelang recherchiert, um den Lebenslauf Mohammeds nachzuzeichnen, wie er in islamischen Quellen beschrieben sei.

Und tatsächlich ging das Satiremagazin sorgsam vor – zumindest im Text. In den Fußnoten werden die islamischen Standardwerke angegeben, aus denen zitiert wird. Überraschend für ein Magazin, das sich die Provokation auf die Fahnen geheftet hat? Ein Zurückweichen? Ein Einlenken? Oder nur der Versuch, in die Schlagzeilen zu kommen?

Die Bilder sind jedenfalls nicht ganz so über jeden Zweifel erhaben. Der eben geborene Prophet – wie alle anderen Figuren in grellem Simpsons-Gelb gehalten – ist gezeichnet, wie Allah ihn schuf, ein Spucketropfen rinnt ihm über das Bäuchlein, ein kleiner Penis baumelt zwischen seinen Babybeinen. Drei Bilder weiter sieht man Amina, seine Mutter, auf dem Rücken liegend. Zwischen ihren Beinen fährt ein Blitz hervor. Die Menschen und das Schaf in ihrer Nähe wenden sich ab – zu grell. Oder zu übelriechend? Die Art und Weise, wie sie sich wegdrehen, mit zugekniffenen Augen, gerümpfter Nase, angeekeltem Gesichtsausdruck, lässt auch diese Deutung zu: Der Dame entfuhr ein Flatus. Der – harmlose – Text dazu: „Das Licht, das aus Aminas Bauch kam, spaltete den Himmel mit einem Blitz, der die Erde erleuchtete...“

Dass es sich hier um einen – für das Magazin typisch derben – Scherz handelt, ist schwer nachzuweisen. So funktioniert eben Satire. In einem Zwischenreich: So muss sie offenbar reagieren, wenn sie geschlossene Systeme attackiert, die auf Kritik mit Gewalt antworten. Das Magazin und seine Mitarbeiter haben sich (und andere) in den letzten Jahren wiederholt in Gefahr gebracht.

2006 war „Charlie Hebdo“ unter den ersten, die auf den Aufruhr rund um den dänischen Karikaturenstreit reagierten. Damals zeigte das Magazin ein Bild Mohammeds, wie er sich die Hände vor das Gesicht schlägt: „Es ist hart, von Idioten geliebt zu werden“, sagt er.

2011 publizierte es eine „Scharia“-Sondernummer unter einem Chefredakteur „Mohammed“ – daraufhin wurde die Redaktion Ziel eines Brandanschlags. Im September 2012 dann ein Cover, das als symptomatisch gelten kann: In Anspielung auf den Film „Intouchable“ wurden ein Muslim mit Turban und ein orthodoxer Jude gezeigt: Über beide dürfe man keine Witze machen. Aus Furcht vor Ausschreitungen schloss Frankreich in zwanzig Ländern für einen Tag seine Botschaften.

Der neue Band kann als Versuch gelesen werden, zu ergründen, wie weit man noch gehen kann. Darf man Mohammed überhaupt abbilden? Genügt es, darauf zu verweisen, dass der Koran nichts von einem Bilderverbot weiß? Oder ist eine kontrollierte Provokation gar nicht möglich? „Wer schockiert sein will, der wird schockiert sein“, formulierte es Stéphane Charbonnier von „Charlie Hebdo“.

 

Turban als Bombe

Schon die dänischen Mohammed-Karikaturen waren das Ergebnis von Neugier gewesen: Die Zeitung „Jyllands Posten“ hatte erfahren, dass ein dänischer Kinderbuchautor keinen Zeichner finden konnte, der sein Buch „Der Koran und das Leben des Mohammed“ illustrieren wollte. Aus Furcht? Aus Desinteresse? Die Zeitung bat 40 Karikaturisten um einen Beitrag zum Thema. Zwölf Autoren lieferten, die provokanteste Zeichnung zeigte Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe samt brennender Lunte.

In der Folge gingen Botschaften in Flammen auf, und es starben Menschen. Vor allem die Darstellung Mohammeds als Schwein erregte die Gemüter. Es war allerdings gar keine Karikatur Mohammeds – und nie in der „Jyllands Posten“ erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2013)