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Gouverneur Christie an Republikaner: "Schämt euch"

Chris Christie(c) AP (Tim Larsen)
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Chris Christie, republikanischer Gouverneur von New Jersey, feuerte Breitseite gegen seine Parteifreunde in Washington - und insbesondere gegen den unglückseligen Fraktionsführer John Boehner.

Washington. Gewerkschafter, Sonnenanbeter, Reporter – niemand ist vor den Wutausbrüchen des Chris Christie sicher. Strandbesucher am „Jersey Shore“ bellte der Gouverneur von New Jersey angesichts des aufziehenden Wirbelsturms „Irene“ im Vorjahr an: „Haut ab vom Strand. Ihr habt euch genug gebräunt.“ Einen unbotmäßigen Journalisten stauchte der schwergewichtige Politiker als „Dummkopf“ zusammen. Jetzt traf der Zorn des temperamentvollen Republikaners seine eigenen Parteifreunde in Washington.

Wie ein Polit-Hurrikan brauste „Chris“ über John Boehner hinweg, den unglückseligen Fraktionsführer der Grand Old Party (GOP) im Repräsentantenhaus. „Schämt euch“, wetterte Christie in einer 40-minütigen Suada, nachdem die republikanische Führung die Freigabe für die Auszahlung von 60 Milliarden Dollar an Soforthilfe für die Opfer des Hurrikans „Sandy“ am Neujahrstag von der Agenda gesetzt hatte. „Unverantwortlich“ und „unentschuldbar“, schäumte er. Der Hurrikan hatte Ende Oktober weite Teile New Jerseys und New Yorks verwüstet und mehr als 120 Menschenleben gefordert.

Palastintrige gegen „Speaker“

Vier Mal hatte der Gouverneur den de facto drittmächtigsten Mann in Washington telefonisch umzustimmen versucht. Vergeblich – Boehner hob nicht ab. Mit seiner kommunikationstechnischen Verweigerungshaltung hatte Boehner bereits Präsident Barack Obama im Streit um die Anhebung des Schuldenlimits im Sommer 2011 abblitzen lassen.

Boehner findet sich zwischen allen Fronten. Damals wie heute sitzen dem solariumgebräunten 63-jährigen Fraktionschef, Sohn eines Wirts aus Ohio mit einem Hang zur tränenreichen Aufwallung, die Anhänger der fiskalisch unbarmherzigen Tea Party in den eigenen Reihen im Genick. Sie fügten ihm kurz vor Weihnachten auch die bitterste Niederlage seiner Karriere zu, als sie im Budgetkonflikt seinen Kompromissvorschlag für Steuererhöhungen für Dollarmillionäre kurzerhand abschmetterten.

Christie sprach von einer Palastintrige. Als Donnerstagmittag der neu gewählte, 113. Kongress im Kapitol zu seiner ersten Sitzung zusammen- und zur Angelobung antrat, raunten viele Parlamentarier über ein mögliches Misstrauensvotum gegen den Fraktionsführer Boehner, den sogenannten „Speaker“. Sie fragten sich: Ist Boehner noch tragbar? Hat die Blamage nicht einen zu großen Imageschaden angerichtet?

Seit Längerem schon sägt Eric Cantor, formell die Nummer zwei der republikanischen Fraktion im „House“ und einer der rebellischen „Jungtürken“ – der selbst ernannten „Young Guns“ –, am Sessel des Fraktionschefs. Mehrmals hintertrieb er die Politik Boehners, zuletzt votierte er auch gegen den Minimalkonsens im Budgetstreit. Deklariertes Ziel Cantors ist es, zum ersten jüdischen „Speaker“ des Repräsentantenhauses gewählt zu werden.

Die Freundschaft des „Boss“

Das monatelange Gezerre zur Abwendung der „Fiscal Cliff“ hat erneut die Risse in der republikanischen Partei zutage treten lassen. Mehrere republikanische Abgeordnete aus dem Nordosten der USA, in dem die GOP gleichsam vom Aussterben bedroht ist, stimmten in den Chorus der Boehner-Kritiker ein – jedoch von links. Wie New Yorks demokratischer Gouverneur, Andrew Cuomo, fordern sie die effiziente Hilfe des Staats für die Sandy-Opfer.

John Boehner stellte inzwischen in Aussicht, die Hilfsmittel noch im Jänner in zwei Tranchen freizugeben. Fürs Erste hat sich der Zorn Christies denn auch gelegt. Freilich sorgte der Gouverneur und potenzielle Präsidentschaftskandidat für 2016 unter seinen Parteifreunden neuerlich für Stirnrunzeln, als er den Präsidenten lobend erwähnte. Noch vor seinem Abflug nach Hawaii, wo er bei einer Runde Golf auf der Militärbasis Kailua seinen abgebrochenen Weihnachtsurlaub wiederaufnahm, mahnte Obama eine zügige Auszahlung der Hilfsgelder an.

Als Christie kurz vor der Wahl mit dem Präsidenten Schulter an Schulter zum Lokalaugenschein am devastierten „Jersey Shore“ aufkreuzte, erzürnte er viele Republikaner. Für den 50-Jährigen zählt indes mehr, dass er den Respekt seines Idols Bruce Springsteen errungen hat. „Jetzt ist es offiziell“, sagte ihm der „Boss“ nach einer Umarmung anlässlich eines Benefizkonzerts: „Wir sind Freunde.“

Auf einen Blick

Hurrikan Sandy. Ende Oktober zog ein Wirbelsturm über die US-Atlantikküste, der weite Teile New Jerseys und New Yorks verheerte. Der Hurrikan forderte mehr als 120 Tote in den USA, er richtete Milliardenschäden an. Präsident und Senat sagten den Opfern
60 Milliarden Dollar an Hilfszahlungen zu, das Repräsentantenhaus unter republikanischer Führung blockierte zunächst die Auszahlung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)