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Würde, Stolz und Schmerz Improvisationen in Armenien

Symbolbild(c) EPA (ABEDIN TAHERKENAREH)
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Sehnsucht, Wehmut und Schönheit begleiten uns im ersten Christenland der Welt.

Improvisieren lautet das Stichwort. Wenn die Armenier etwas wirklich gut beherrschen, dann die Improvisation. Vegetarisches Essen, obwohl Fleisch für die Gäste vorbereitet worden ist? Kein Problem. Dauert nur ein paar Minuten. Auf dem Teller, der dann auf dem Tisch landet, dampft wilder Spinat, dazu gibt's dünnes Fladenbrot frisch aus dem Ofen. Ab und zu solle man aber schon Fleisch essen, heißt es dann beim Servieren. Wie solle man sonst satt werden?

Es ist Abend in Jerewan, der Stadt aus rosa Tuffstein im Sowjet-Chic. Der Spinat grummelt noch im Magen, während wir den Platz der Republik in der Stadtmitte anpeilen. Hier und in den Seitenstraßen spielt sich das Leben ab. Familien mit Kinderwagen, Inlineskater, Jugendliche mit bunt glitzernden Oberteilen und noch bunteren Handys – alles bummelt kreuz und quer über den Platz, während im Hintergrund, wie allabendlich, kitschige, deswegen aber nicht minder unterhaltsame Wasserspiele sprudeln – im Takt der Schnulzen von Mariah Carey.

Was auch immer sich der Armenien-Reisende von Jerewan erwartet hat: Armeniens Hauptstadt ist erstaunlich jung, erstaunlich offen, erstaunlich wohnlich. Dabei ist es noch gar nicht so lang her, dass das Wasser in Jerewan rationiert war: zwei Stunden in der Früh, zwei Stunden am Abend, ab dem 7. Stock hatte man aufgrund fehlender Leitungen überhaupt kein Wasser. Drei Jahre lang gab es in Jerewan weder Strom noch Gas, ehe die Leitungen im Jahr 2000 großflächig repariert wurden. Man hat eben improvisiert. Auch Lilija Harutyunyan würde improvisieren – wenn sie nicht so gut organisiert wäre.

Die stets bunt und chic gekleidete Reiseleiterin begleitet uns auf unserer Armenien-Tour mit Schwerpunkt auf Klöster und Kirchen. Früher ist Lilija mit den Touristen über Schlaglöcher geholpert, über waghalsig gepflasterte Straßen und schwindelerregende Bergwege. Heute sind die Verkehrswege gut ausgebaut, dank der finanziellen Zuwendungen der Auslandsarmenier. Diese Wortkombination, Geld und Auslandsarmenier, werden wir von Lilija noch öfter hören. Armenier, die in den USA und Frankreich leben, haben Autobahnen errichten, Kunstwerke in Jerewan aufstellen und Kirchen restaurieren lassen.

Man fragt sich, wie spröde dieses Land ohne das Wohlwollen der armenischen Diaspora ausgesehen hätte. Wobei die Frage nicht schwer zu beantworten ist. Armenien als Staat ist zwar jung (gegründet nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991), der Stolz auf die Herkunft ist allerdings nicht erst seit gestern ausgeprägt. Um das zu verstehen, genügt ein Besuch des Genozid-Museums auf einem kahlen Plateau oberhalb Jerewans. Das Museum selbst befindet sich unter der Erde, gezeigt werden bewegende Bilder und Dokumente der Ereignisse im Osmanischen Reich in den Jahren 1915/16. Es gibt kaum einen Armenier, dessen Familie nicht vom Genozid betroffen war. Der Schmerz – auch über die Tatsache, dass die historischen Ereignisse seitens der Türkei nicht anerkannt, geschweige denn aufgearbeitet werden – ist im kollektiven Gedächtnis fest verankert.

 

Erstes christliches Land

Am nächsten Tag holt uns Lilija ab, wir fahren in das Kloster Chor Virap südlich von Jerewan. Hier soll im dritten Jahrhundert Gregor der Erleuchter 13 Jahre lang auf Befehl des Königs Trdat III. zwischen Schlangen und Skorpionen eingekerkert worden sein. Gregor überlebte die Höhle und soll später den König von einer Krankheit geheilt haben – worauf sich der König taufen ließ und, als erstes Land in der Geschichte, das Christentum als Staatsreligion einführte. Rund um das Kloster befindet sich absolut nichts – nur nackte Hügel und Berge, nur Himmel. Und auch diesen Anblick werden wir in vielen anderen Klöstern im Land genießen können.

Auf dem Areal des Klosters Chor Virap scheint der Berg Ararat in Griffweite, dazwischen sind ein hoher Zaun und Niemandsland. Der Zaun markiert die Grenze zur Türkei, der mythenumwobene schneebedeckte Fünftausender steht auf der türkischen Seite, was die Sehnsucht der Armenier verstärkt: Auf dem Ararat soll die Arche Noah gelandet sein, für die Armenier hat er spirituelle Bedeutung. Kaum ein Dichter, der nicht über den Ararat geschrieben hat, kaum ein Maler, der den Berg nicht gemalt hat. Kaum eine Wohnung, in der kein Gemälde hängt. Der Blick auf den Ararat verleiht dem Kloster eine melancholische Atmosphäre. Lilija erzählt, dass viele Armenier geschäftliche Verbindungen zur Türkei hätten – beispielsweise kaufen sie in Istanbul Textilien, die sie dann zu Hause verkaufen. Der Transport erfolgt allerdings umständlich auf dem Landweg, denn die Grenzen zwischen den beiden Ländern sind dicht: erst quer durch Armenien, dann quer durch Georgien, dann quer durch die Türkei – und wieder zurück. Mühsam.

Wir besuchen Etschmiadsin, Sitz des Katholikus, des Oberhauptes der armenischen Kirche, und nehmen am Gottesdienst teil. Die Kathedrale ist voll, Weihrauch liegt schwer in der Luft, es ist sehr warm, dennoch andächtig. Dieser Besuch unterscheidet sich sehr von dem in anderen Kirchen. Das Kloster Norawank aus dem 13. Jahrhundert, das Kloster Sanahin aus dem 10.Jahrhundert, das Kloster Haghpat, ebenfalls aus dem 10.Jahrhundert, um nur einige zu nennen, sind nur sporadisch aktiv. In den Vorhallen der Klöster wurden die Geistlichen begraben, die Besucher müssen über die Grabsteine wandeln, was bisweilen gewöhnungsbedürftig ist. Doch Lilija beruhigt: So zeigen die Geistlichen den Gläubigen, dass sie auch nach ihrem Tod ihre Diener sind, nicht über, sondern unter ihnen stehen.

Besonders beeindruckend ist das Kloster Sanahin in der Provinz Lori im Norden. Die Berglandschaft rund um das Kloster löst eine plötzliche Wehmut-Attacke aus. Es ist schauerlich schön, man möchte länger bleiben als die geplante Stunde. Auch die Fahrt über den Selim-Pass im Südwesten des Landes mit seinen kargen, ockerbraunen Berghängen, die von grünen Flecken aufgelockert werden, imponiert nachhaltig. Hier verlief die Seidenstraße, wie die gut erhaltene Karawanserei auf dem Selim-Pass bezeugt. Auch unsere Karawane muss weiterziehen. Lilija hält die Gruppe fest zusammen, schließlich sollen wir vor der italienischen Reisegruppe, die sich stets lautstark unterhält und jeden Grashalm fotografiert, an unseren Zielorten ankommen.

 

Die Blaue Perle

Kleinbauern verkaufen am Straßenrand Karotten und Paradeiser. Die Karotten schmecken süß, die Paradeiser nach Paradeisern. Und wir freuen uns auf den Sewan-See im Osten des Landes, der auch „Blaue Perle“ genannt wird. Das ist nun wirklich keine Übertreibung: Die türkisblaue Farbe schmerzt fast in den Augen. Eine Rundfahrt um den See auf knapp 2000 Meter Höhe bietet kuriose Zeugnisse der jüngsten Geschichte: Villen und Hotels, allesamt halb fertig, weil der Fertigstellung der Zusammenbruch der Sowjetunion in die Quere kam. Kräne stehen verloren herum, wer weiß, wie lange schon. Armenien-Reisende haben – bis auf ein paar Hotspots für die Einheimischen – den See für sich allein.

Überhaupt ist den Touristen die ungeteilte Aufmerksamkeit der Armenier sicher. Sie werden interessiert nachfragen, wie ihnen ihr Land gefalle. Ob man etwas für sie tun könne. Kein Wunsch ist zu hoch gegriffen. Man kann ja improvisieren.

„Die Presse“ in Armenien

Anreise: siehe Flüge der Woche Seite R4

Die Autorin wurde von Moser Reisen unterstützt.

Leserreise Armenien: 22. bis 29. Juni 2013. Detailliertes Programm auf DiePresse.com/leserreise
Pauschalpreis: 1870€, Club-Preis für Abonnenten: 1770€
(EZ-Aufpreis 390€). Anmeldung und Information: 0732/2240-46
stiendl@moser.at; www.moser.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)