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Der Code zur Sehenswürdigkeit: Quadratische Schlupflöcher ins Netz

In Perchtoldsdorf bei Wien verbindet das »Sight-System« die analoge und digitale Welt. Mithilfe von QR-Codesbeginnen Sehenswürdigkeiten, von sich zu erzählen: auf dem Smartphone-Display.

Wortkarg ist so eine Stadt. Nur die Stadtführer scheinen gern zu erzählen, egal, ob sie Bücher oder Menschen sind. Dabei steckt hinter den realen Dingen, den Sehenswürdigkeiten einer Stadt, noch viel mehr. Hintergrundwissen und Historie zumal. Das Vehikel dorthin könnte in Zukunft noch mehr das Smartphone sein. Und die dazugehörige Schleuse die QR-Codes, die sich in Österreich bislang nur zaghaft ins Stadtbild trauen.

In Perchtoldsdorf, gleich südlich von Wien, steht der mächtige Wehrturm nicht nur im örtlichen, sondern auch im gestalterischen Zentrum der Gemeinde – als Landmark, Ikone, Logo. Dort fühlen sich die Besucher irgendwie an der Hand genommen statt völlig im Stich gelassen. Zumindest wenn sie ein Smart-Phone in der Jacken- oder ein Tablet in der Umhängetasche dabeihaben. In der Marktgemeinde hängen nämlich die QR-Codes inzwischen so selbstverständlich wie die Buschen vor den Buschenschänken, den zahlreichen Heurigen im Winzerort.

Denn Erwin Wanek, PR-Berater aus dem Ort, hatte eine Idee, wie sich die Gemeinde und die Besucher noch näher kommen könnten, selbst wenn beide örtlich nichts mehr trennt: mit dem „Sight-System“, das die Technologie der QR-Codes nützt. Die pixeligen, kleinen Quadrate werden mittels Smartphone-Software eingelesen und führen prompt in die Welt der reichen Inhalte – ins Web. Die QR-Codes sind Schlupflöcher, die von konkreten, physikalischen Orten in den virtuellen Raum führen. Und das in Perchtoldsdorf bereits an 13 Stellen. Dort kann man von der analogen Sehenswürdigkeit kurz hinüber ins Digitale hüpfen – das „Sight-System“ zieht zwischen Besucher und Objekt eine virtuelle Service-Ebene ein, die die Gemeinde mit Zusatzinformationen bespielen kann.


Systemisch besuchen. Zur Hälfte finanziert der örtliche „Tourismus und Ortsverschönerungsverein“ die Investition in die magentafarbenen Schilder, auf denen die QR-Codes warten, gescannt zu werden. Vor und nach dem Heurigen erzählen die Orte und Objekte plötzlich von ihrer Geschichte, von ihren Besonderheiten: der Wehrturm, das Hugo-Wolf-Haus, die Pestsäule, die Spitalskirche – und natürlich der Marktplatz.

Die Besucher scannen mit dem Smartphone die QR-Codes, die wetterfest an den besonderen Orten prangen. Und schon führen Hintergrundinformationen, Bilder und Links weiter in die Tiefe. „Es funktioniert wie ein Fremdenführer in der Hosentasche“, sagt Wanek. Nur dass die kleinere Pocket-Ausgabe einiges besser kann als der menschliche Prototyp. Zumindest spricht er mehr Sprachen. Und er kann auch Videos abspielen. So kann man sich vorstellen, wie es auf dem Marktplatz zugeht, wenn am 6.November der traditionelle Hütereinzug, der zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe zählt, über die Bühne geht.

Hinter die ersten zwanzig „Sight-Points“, ein paar sind ja noch im Entstehen, wie etwa das „Art Center Perchtoldsdorf“, dürfen sich laut Wanek auch gern andere Institutionen in die „Sight-System“-Liste einreihen. Eine traditionelle Konditorei vielleicht. Oder der eine oder andere renommierte Winzerbetrieb – für viele Besucher ohnehin bereits die größten Sehenswürdigkeiten. Und auch über soziale Netzwerke sollen sich die Sehenswürdigkeiten verbreiten: Der Facebook-„Like“-Button gehört zum QR-Code-Sightseeing natürlich dazu.

Die Spaziergänger in den umliegenden Weinbergen, so stellt sich Wanek das vor, könnten auch einmal den QR-Codes und Informationen, die dahinterstecken, begegnen. Ein Schild im Weingarten könnte dann viel mehr verraten als, wie vielfach üblich, bloß die angebaute Rebsorte. Etwa, welche Preise mit ihr gewonnen wurden. Und zu welchen Zeiten man sie beim dazugehörigen Heurigen verkosten könnte.

„Die Idee von ,Sight-System‘ ist auch, dass sich eine Plattform bildet, auf der sich alle Orte, die mitmachen, vernetzen“, erzählt Wanek. In der Realität seien diverse Infosysteme oft noch fragmentiert und getrennt. Er denkt da etwa an den Donauradweg, bei dem die Radler etliche Sehenswürdigkeiten und dabei auch unterschiedlichste Tourismusverbände samt ihrer Kommunikationsmethoden passieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)