Corporate Bonds. Österreichische Firmen haben im ersten Halbjahr 2005 über Anleihen fast doppelt soviel Kapital aufgenommen als im gesamten Jahr 2004.
Wien. Der Markt für Anleihen spielt in der öffentlichen Wahrnehmung oft ein Mauerblümchendasein. Dabei ist der Markt vom Volumen her weit größer als der Aktienmarkt, sagt Florian Vanek, der Anleihenexperte der Wiener Börse, im "Presse"-Gespräch. An der Wiener Börse notieren derzeit Anleihen im Volumen von 343 Mrd. Euro. Das entspricht rund 1,5mal dem österreichischen BIP. Zwei Drittel dieser Papiere wurden von der öffentlichen Hand - also Bund, Ländern, Gemeinden und staatlichen Unternehmen - begeben. Das größte Wachstumssegment sei aber jenes der Unternehmensanleihen, sagt Vanek.
Heuer wurden von Unternehmen bereits Anleihen im Volumen von 2,5 Mrd. Euro begeben - das entspricht fast dem Doppelten des Vorjahresvolumens von 1,3 Mrd. Euro. Größter Brocken mit einer Mrd. Euro waren dabei zwei Anleihen der Telekom Austria (siehe Grafik).
Den Grund für das große Interesse der Unternehmen an Anleihen liegt laut Vanek vor allem in den historisch niedrigen Zinsen. Für viele Unternehmen sind Anleihen der Probelauf für einen Börsegang, weil sie erstmals eine vertiefte Prüfung (Due Diligence) durchlaufen müssen, sagt Christian Temmel, Anleihenexperte der Anwaltskanzlei Wolf Theiss. Er hat heuer bereits mehrere große Emissionen wie Wienerberger und Porr begleitet. Für Temmel liegt der große Vorteil von Anleihen aus Sicht der Unternehmen in der günstigeren Finanzierung im Vergleich zu einem Börsegang. Die Aufnahme von Fremdkapital über Anleihen sei immer günstiger als über Eigenkapital - unter anderem auch, weil die Fremdkapitalzinsen steuerlich absetzbar sind. Temmel erwartet, dass sich die große Aktivität am Anleihenmarkt im Herbst fortsetzen wird.
Für Vanek und Temmel sind Unternehmensanleihen aufgrund der vergleichsweise attraktiven Verzinsung ein guter Ersatz für das nur äußerst mager verzinste Sparbuch. Wer die Anleihe im Rahmen der Emission kauft und bis zum Ende der Laufzeit hält hat kein Kursrisiko, da jede Anleihe zum Laufzeitende wieder zum Ausgabekurs getilgt wird. Vanek rät Einsteigern, die Anleihen über die Börsen kaufen wollen, zu Papieren, "deren Kurs unter Pari (100, Anm.) liegt". Wer diese bis zum Ende der Laufzeit hält hat zusätzlich zur jährlichen Zinszahlung einen garantierten Kursgewinn, da sie zum Emissionskurs (100) getilgt werden. Dieser Kursgewinn ist steuerfrei, wenn zwischen Kauf und Verkauf mehr als zwölf Monate liegen. Von den Zinserträgen wird die 25prozentige KESt abgezogen.
Aus Anlegersicht sind kurzlaufende Papiere mit fünf bis sieben Jahren Laufzeit attraktiver. Sollten die Zinsen steigen, ist das Risiko von Kursverlusten geringer. Bei einem Zinsanstieg sind alte niedrig verzinste Anleihen weniger attraktiv und büßen daher an Wert ein.