Schnellauswahl

Kontra: "Recht, um Hilfe zu bitten"

Wolfgang Pucher(c) AP (Hans Punz)
  • Drucken

Der Grazer "Bettelpfarrer" Wolfgang Pucher kämpft seit Jahren gegen das Bettelverbot.

Die Presse: Warum treten Sie gegen das Bettelverbot auf?

Wolfgang Pucher: Arme Menschen müssen das Recht haben, in ihrer Not auch um Hilfe zu bitten. Auch im öffentlichen Raum.

Aber solange man Betteln erlaubt, hält man der organisierten Kriminalität – Stichwort Bettlerbanden – ein lukratives Geschäftsfeld offen.

Wir haben das in Graz untersucht. Die Bettler, häufig Roma, sind statistisch gesehen nicht mehr oder weniger kriminell als Österreicher. Selbst die Staatsanwaltschaft konnte keine organisierten Bettlerbanden nachweisen. Vermutlich wird es das organisierte Betteln wohl in geringem Ausmaß geben, ich selbst bin dieser Form jedoch noch nie begegnet. Es ist deshalb falsch, aufgrund vereinzelt auftretender Fälle eine ganze Volksgruppe zu kriminalisieren.

 

Dennoch erhöht legales Betteln das Risiko für schwache, bedürftige oder behinderte Menschen, von Dritten für ihre Zwecke missbraucht zu werden.

Kriminelle Einzelfälle soll man bekämpfen. Der wirksamste Weg auch diese zu verhindern, wäre, Quartiere für alle obdachlosen Bettler zu schaffen. Unsere Vinziwerke haben das in mehreren Bundesländerhauptstädten getan. Sehr häufig funktioniert die Bettelkriminalität nämlich so, dass die Banden Bettlern eine Unterkunft bieten und sie als Gegenleistung dafür auf die Straße schicken.

Können Sie nachvollziehen, dass sich Passanten durch aggressives Betteln oder bewusstes Zurschaustellen von Behinderungen oder Verstümmelungen zumindest unwohl fühlen?

Aggressives Betteln lehne ich ab. Der Begriff „Zurschaustellen“ gefällt mir nicht. Wenn jemand eine Behinderung hat, die ihm das Leben schwer macht, hat er wohl alles Recht, der Welt zu zeigen, warum es ihm schlecht geht.


Das soziale Netz ist dicht. Objektiv gibt es wenig Gründe, überhaupt auf der Straße zu betteln.

Man darf nicht vergessen, dass viele, die das machen, aus Scham oder wegen psychischer Erkrankungen gar nicht zum Sozialamt gehen, obwohl ihnen Hilfe zustünde. awe [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2013)