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Syrien: Panzerjäger in Pantoffeln

AP

Der Bürgerkrieg in Syrien zeigt erneut, wie Rebellen mit kleinen Rohren auf der Schulter mächtige Kampfpanzer zerstören. Aber wie geht das? Über Funktion und Geschichte der Panzerfaust und Österreichs Beitrag dazu.

Die „Kalaschnikow" ist mittlerweile schon dem letzten Pazifisten und Tanti Anni ein Begriff: Jenes Ende der 1940er von Michail Kalaschnikow in Russland entwickelte Schnellfeuergewehr mit dem charakteristisch gebogenen Magazin, von dem bisher mehr als 80 bis 100 Millionen Stück gebaut wurden und das zur Grundausstattung nicht nur vieler Armeen, sondern jeder Rebellentruppe zwischen Nigeria und den Philippinen gehört.

Weniger auffällig für Laien dürften Bilder aus dem syrischen Bürgerkrieg sein, die Rebellen in Trainingsanzügen oder Kaftanen und Turnschuhen oder Pantoffeln zeigen, die kleine Rohre auf der Schulter tragen und damit unter viel Rauchentwicklung ein seltsam kegelförmiges Geschoß abfeuern, das etwa die Größe zweier Auberginen hat.

Danach sieht man, wie aus Panzern Rauch und Feuer steigen, manchmal sind die Geschütztürme weggesprengt und liegen wie Nussschalen auf dem Boden, während die Männer mit den Rohren ringsum jubeln.

Zerstörter syrischer Kampfpanzer

Offenbar haben die auberginengroßen Geschosse die Stahlkolosse zerstört. Doch wie kann ein kleines Objekt, das von einem Mann von der Schulter aus ohne sichtliche Anstrengung abgefeuert wird, ein schwer gepanzertes Fahrzeug ausschalten? Etwa einen T-72-Kampfpanzer russischen Typs, von dem Syrien noch vor zwei Jahren zumindest am Papier etwa 1700 Stück besaß, der etwa 42 Tonnen wiegt und dessen Stahlpanzerung bei den üblichsten Modellen an den stärksten Stellen mehr als elf Zentimeter dick ist?

Teils eins der Antwort lautet „RPG" - so heißen diese Rohre, das steht im Russischen für „Rutschnoi Protiwotankowy Granatomjot" („händisch bedienbarer Panzerabwehr-Granatwerfer").

Im Englischen wird das als „Rocket Propelled Grenade" interpretiert. Für solche Waffen hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg auch der saloppe Begriff „Panzerfaust" eingebürgert. Die RPG wurde Ende der 1940er in der UdSSR entwickelt, um der Infanterie eine tragbare Panzerabwehrwaffe unterhalb der Schwelle der damals üblichen Panzerabwehrkanonen zu geben, jenen klobigen, viele hundert Kilogramm und mehr schweren Geschützen, die ein halbes Dutzend Männer zur Bedienung brauchten und mit Lkw gezogen wurden.

Im Grunde sind RPGs Metallrohre mit 40 Millimeter Durchmesser, aus denen raketengetriebene Granaten starten.

Startrohr und Geschoss einer russischen RPG-Panzerfaust
Startrohr und Geschoss einer russischen RPG-Panzerfaust(Foxtrot)

Die Rohre sind wegen der Hitzeentwicklung außen mit Holz verkleidet und tragen ein Visier. Weil die Abgase beim Start nach hinten entweichen, gleicht das den Rückstoß aus, der Schütze wird nicht umgerissen und spürt fast nichts.

Das erste RPG-Modell stieß das Geschoss nicht mit einer Rakete, sondern mit einer Schwarzpulver-Startladung aus, es flog nur 150 Meter weit. Später entstanden stärkere Varianten; die verbreitetste und in Konfliktherden wie Syrien oder Somalia sichtbarste ist seit 1961 die legendäre RPG-7: Bei ihr hat das Geschoss Raketenantrieb und fliegt etwa 1000 Meter. Allein von ihr wurden mehr als neun Millionen Stück gebaut, auch in Lizenz in anderen Ländern, sie ist eine der verbreitetsten Waffen und in über 80 Staaten, von Angola über Polen bis Vietnam, im Arsenal.

Granate beschleunigt auf nur 300 Meter pro Sekunde

Das Startrohr wiegt etwa sieben Kilogramm, die Bedienung ist einfach: Der Schütze oder ein Helfer nimmt eines der Geschosse, an dessen Rückseite eine rohrförmige Rakete sitzt, schraubt an Letztere einen Start-Treibsatz und steckt das ganze längliche Ding, das wenige Kilogramm wiegt, vorne ins Startrohr. Der Schütze visiert und drückt den Abzug. Der Startsatz treibt das Geschoss aus dem Rohr, nach zehn Metern zündet die Rakete und beschleunigt die Granate auf gut 300 Meter pro Sekunde.

Die Treffsicherheit sinkt freilich rasch: Bei 50 Meter Entfernung kann man kaum danebenschießen, doch bei 200 Meter beträgt die Trefferchance nur etwa 50 Prozent, bei 500 Meter fünf Prozent. Zudem sind die Geschosse wegen ihrer länglichen Form seitenwindanfällig, Wind kann an ihnen wie an einem Hebel ansetzen und ihre Bahn stören.

Im Ziel aber wirken die Granaten der RPG-7 erschreckend: Zwei panzerbrechende Modelle (Kaliber 85 bzw. 93 Millimeter bei gut 2,5 kg Gesamtgewicht samt Rakete) durchschlagen 26 bzw. 50 Zentimeter typischen Panzerstahls. Es gibt ein „Tandemgeschoss", bei dem zwei hintereinander montierte Ladungen im Ziel wirken und 75 cm Stahl durchbohren. Es gibt Splittergranaten gegen ungepanzerte Ziele. Die RPG-29 „Vampir" (seit 1989) kann mit einem Tandemgefechtskopf 75 cm Stahl bzw. 1,5 Meter Beton oder vier Meter Erde durchschießen.

Wie knackt die Granate den Panzer?

Aber wie knackt die kleine Granate den Panzer? Man würde doch meinen, dass ein Geschoss dazu sehr schnell und/oder schwer und hart sein muss. In der Tat beschleunigten Panzerabwehrkanonen ihre Granaten auf 600 bis 1300 Meter pro Sekunde, dagegen sind RPG-Granaten Schnecken. Die Pak-Geschosse waren zwar oft nicht viel schwerer als die der RPGs, aber aus harten Stählen. Die Geschosse der RPGs indes sind großteils aus Plastik, etwas Sprengstoff - und noch dazu großteils hohl.
Doch darin liegt der Rätsels Lösung und Teil zwei der Antwort, und diese lautet: Panzerfäuste benutzen eine Hohlladung.

Sprengstoff gibt seine Explosionsenergie grundsätzlich in alle Richtungen gleichförmig ab. Legt man ihn einfach auf eine Panzerplatte, verpufft also mindestens die Hälfte der Energie in der Luft, die Platte wird oft nur verbeult. Man kann aber Teile der Explosion in eine Richtung bündeln, indem man Sprengstoff gewisse Formen gibt: Dann durchbohrt die Explosion den Stahl.
Und das passiert bei einer Hohlladungsgranate wie jener der RPG-7.

RPG-Hohlladung im Querschnitt
(Robert Blazek)

In ihr befindet sich ein Kegelmantel (man kann auch Trichter sagen) aus Metall, der an den Schrägseiten außen mit Sprengstoff verkleidet ist (man kann sich's auch als Zylinder aus Sprengstoff vorstellen, in den man eine kegelförmige Einbuchtung treibt und sie metallisch beschichtet). Die Trichteröffnung zeigt zum Ziel, sie wird von einer aerodynamischen, meist kegelförmigen Plastikhülle mit Zündsensor an der Spitze bedeckt.
Beim Aufschlag aktiviert der Sensor elektrisch den Zünder auf der Rückseite des Sprengstoffs, dieser brennt in Sekundenbruchteilen nach vorne ab - und generiert den „Hohlladungseffekt": Die Fronten der Detonationswellen werden im kegelförmigen Hohlraum wie durch eine Brennlinse gebündelt und zu einem Energiestrahl, einer konvergierenden Stoßwelle, verdichtet.

Bildung des
(Thuringius)

Gleichzeitig wird die Metalleinlage durch den Druck verflüssigt und entlang des Stoßwellenstrahls in Form eines „Stachels" nach vorne ausgeworfen, der ins Ziel dringt.

Die auftretenden Kräfte und Geschwindigkeiten sind enorm: Der Stachel aus Flüssigmetall erreicht nach 40 Millionstel Sekunden sieben bis 14 Kilometer pro Sekunde bei Drücken von 600.000 bis zwei Millionen Bar. Solche Drücke herrschen in Erdkernnähe, bei ihnen wird etwa Kohlenstoff zu Diamant. Und: Metalle verhalten sich dabei wie eine Flüssigkeit - trifft der Stachel auf die Panzerung, so wird auch diese dort flüssig und der Stachel „fährt" durch sie wie ein U-Boot durchs Wasser.

Entgegen landläufiger Annahme erreichen die Metalle nicht den Schmelzpunkt: Der Stachel wird „nur" etwa 600 Grad heiß; es ist allein der Druck, der die „kalte" Verflüssigung bewirkt.

Im Panzer richtet das hereinspritzende Metall Schäden an, kann die Besatzung töten oder verletzen, Munition und Treibstoff entzünden. Dazu tritt der „pyrophore" (feuertragende) Effekt: In der Luft feinverteilte Metallstäube neigen (speziell unter Wärme und Druck) dazu, stark mit Sauerstoff zu reagieren. Sprich: Sie bilden Feuerwolken.

--> YouTube-Video: Wirkung einer Hohlladung

Weil der Hochdruck-Stachel aber nur wenig Masse hat, verpufft er rasch: An freier Luft löst er sich bei gewöhnlichen Hohlladungen nach zwei bis drei Metern auf. Auf kurze Distanzen aber wirkt er enorm; grob gesagt hat eine moderne militärische Hohlladung eine Eindringtiefe in Stahl von mehr als dem Siebenfachen ihres Kalibers, was für die meisten Panzer genügt.

Die Geschichte der Hohlladung ist recht alt: 1792 beschrieb der bayrische Philosoph und Bergbauingenieur (welch seltsame Kombination) Franz Xaver von Baader im „Bergmännischen Journal", dass eine konische Einbuchtung in einer Schwarzpulverladung den Sprengeffekt steigere. Max von Förster, Direktor der Schießbaumwolle-Fabrik „Wolff & Co." in Walsrode (Niedersachsen) studierte 1883 die Folgen eines Hohlraums im Sprengsatz.

Zufallsentdeckung eines US-Chemikers

Berühmt wurde die Zufallsentdeckung des US-Chemikers Charles Munroe (1849-1938): Er war an einer Forschungsstelle für Torpedos der US-Navy in Newport, Rhode Island, tätig, und machte unter anderem Sprengversuche mit Ballen aus Schießbaumwolle; der Name des Herstellers oder die Buchstaben „USN" (United States Navy) waren in die Ballen gestempelt. 1888 bemerkte er, dass, wenn ein Ballen auf oder neben einer Metallplatte explodierte, die Schriftzüge danach ins Metall geschnitten waren.

Später baute er eine krude Hohlladungsgranate, indem er Dynamitstangen um eine Blechdose bündelte und mit der Dosenöffnung nach unten auf einen massiven Tresor stellte: Die Explosion schlug glatt ein Loch hinein.
Über die Bedeutung der Dose waren sich Munroe und weitere Hohlladungs-Experimentatoren lange nicht voll im Klaren: Die trichterförmige Metallschicht in der Hohlladung, die den Stachel bildet, vervielfacht nämlich die Durchschlagskraft des eingebuchteten Sprengstoffs. Das heißt „Auskleidungseffekt", und den entdeckte der Wiener Ingenieur und Physiker Franz Thomanek (1913-90).

Überraschenderweise hatten sich die Militärs lange nicht für Hohlladungen interessiert, obwohl solche Sprengkörper (ohne Metalleinlage) bereits im 19. Jahrhundert im Bergbau und für Abbrucharbeiten dienten. Thomanek, der in Wien und Berlin studierte und an Raketen bastelte, beschäftigte sich als einer der ersten mit einem kriegerischen Nutzen. 1932 entwarf er ein Panzerabwehr-Gewehr mit Hohlladungsgeschoss. Das Bundesheer interessierte sich nicht dafür, Thomanek ging nach Deutschland und baute die Waffe bis 1935 fertig. Sie war kein Erfolg, das Heereswaffenamt lehnte ab. Dennoch erfasste das deutsche Militär die Möglichkeiten von Hohlladungen und ließ auf vielen Schienen weiterforschen. Und so stieß Thomanek im Februar 1938, als er am Forschungsinstitut für Luftfahrt in Braunschweig tätig war, auf den Auskleidungseffekt.

Man hat aufgrund der Geschwindigkeit der Ereignisse lange nicht gewusst, was in einer Hohlladung und deren Ziel geschieht. Beobachten konnte man das erst, als Siemens Ende der 1930er Spezialkameras baute, die mit Röntgenblitzen arbeiteten und über 45.000 Bilder pro Sekunde machten.

Man hat fast alle Metalle und andere Stoffe als Auskleidung getestet, etwa Titan, Blei, Uran, Gold. Am häufigsten ist Kupfer, in modernen Waffen Tantal, ein teures Übergangsmetall. Bisweilen packt man eine zweite Auskleideschicht aus einem stark pyrophoren Stoff wie Magnesium und Aluminium dazu, um mehr Feuer im Ziel zu erzeugen.

Thomaneks Arbeit führte zu Sprengsätzen, mit denen die als unbezwingbar geltende belgische Festung Eben-Emael an der holländischen Grenze nahe Maastricht zu Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 geknackt wurde - und zwar von etwa 80 Fallschirmpioniersoldaten, die mit Lastenseglern auf ihrem Dach landeten und mit Hohlladungen die mehr als 50 Zentimeter dicken Panzerkuppeln der Geschütztürme und die meterdicken Kasematten zerstörten; die mehr als 700 Verteidiger gaben am nächsten Tag auf.

--> YouTube-Video: Erstürmung von Fort Eben Emael

Thomanek arbeitete nach 1945 in Deutschland weiter an Raketen und Panzerabwehrgefechtsköpfen, vor allem bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm in Schrobenhausen nahe Augsburg (heute MBDA Missile Systems). Seine Ladungen kamen etwa in den deutsch-französischen „Milan"- und „HOT"-Panzerabwehrraketen zum Einsatz.
Dennoch hatten die Amerikaner bei Hohlladungswaffen die Nase ganz leicht vorne (im Englischen heißt es „Shaped Charge", „geformte Ladung"): Zunächst hatte schon im November 1918 der später berühmt gewordene Raketenforscher Robert Goddard (1882-1945) der Army den Entwurf einer Rakete mit Explosivkopf vorgestellt, die ein Soldat aus einem Rohr starten konnte. Der Erste Weltkrieg war aber Tage später vorbei und das Projekt gestorben.

US-Militär entwickelte die „Bazooka"

In den 1930ern studierte auch der Schweizer Henry Mohaupt Hohlladungen und stieß etwa zeitgleich mit Thomanek auf den Auskleidungseffekt - eventuell sogar früher, genau weiß man's nicht, weil die Arbeiten geheim abliefen, Mohaupt ließ sich seine Entdeckung jedenfalls erst 1939 patentieren. Er vermittelte sein Wissen an Franzosen und Briten und wurde 1940 von den USA eingeladen, weil man auf seine Technologie scharf war. Einige kluge Köpfe im US-Militär kombinierten Mohaupts Granaten mit Goddards Raketenwerfer. Resultat: die „Bazooka" (die Idee zum Namen kam von einem Radio-Komiker), ein Rohr, aus dem eine elektrisch gezündete Rakete mit schlankem 60-Millimeter-Hohlladungskopf rund 360 Meter weit flog. Halbwegs zielsicher war man auf 130 Meter, das Projektil durchschlug acht bis zehn Zentimeter Stahl.

US-Soldat mit Bazooka bei Kämpfen in Luxemburg, Jänner 1945
(US Army)


Die Bazooka (Gesamtgewicht ca. 8 kg) wurde Ende 1942 erstmals von US-Truppen in Nordafrika gegen die Deutschen eingesetzt (laut dem US-Ballistiker William Walters hatten die Briten Bazooka-Prototypen dort sogar schon etwas früher getestet); sie durchschlug fast jeden Panzer, war aber gegen die schweren „Tiger" und „Panther" (Panzerung max. 11 bzw. 12 cm), die ab Ende 1942 bzw. 1943 auftauchten, meist zu schwach. Die Deutschen kopierten erbeutete Bazookas und bauten sie 1943 zum klobigeren, aber mit Durchschlag von 16 bis 20 cm stärkeren „Panzerschreck" (vulgo „Ofenrohr") aus.

Das Ofenrohr aber wog schon ohne Geschoss etwa zehn Kilo. So richtig berühmt und zum Namensgeber für alle RPG-artigen Waffen wurde indes die leichtere deutsche „Panzerfaust", die 1942 unter Leitung eines gewissen Dr. Heinrich Langweiler bei der „Hugo und Alfred Schneider AG" (HASAG) in Leipzig entwickelt wurde (die Firma wurde 1947 von den Sowjets zerschlagen). 


Die Waffe hieß anfangs „Faustpatrone 30", war etwa einen Meter lang und wog samt Gefechtskopf etwa drei Kilo, er wurde von einer Startladung rückstoßfrei 30 Meter geworfen und durchbohrte 14 cm Stahl. 30 Meter sind im Kampf gegen Panzer wenig und erfordern starke Nerven vom Schützen. Die verbesserte „Panzerfaust 30" war schwerer und erst ihr Sprengkopf mit dem mächtigen Kaliber 14 Zentimeter hatte die bekannte auffällige Form, die einer Mischung aus Kegel und Pilzkappe glich. Er durchschlug 20 cm Panzerstahl, flog aber auch nur 30 Meter.

Finnische Soldaten mit Panzerfäusten 1944 neben russischem Panzerwrack
(Finish Army)


Beide Geräte kamen erst ab Sommer 1943 in Massen zur Truppe, zählt man spätere Typen hinzu, die 60, 100 bzw. 150 Meter weit flogen und daher weit praktikabler waren, wurden mehr als sechs Millionen Stück gebaut. Bis auf die nur in minimaler Stückzahl ab März 1945 produzierte, nachladbare „Panzerfaust 150" waren alle davon „Einmal-Waffen", das Rohr warf man weg (1944/45 kam der sarkastische Spruch auf, dass die Soldaten die Rohre aus Mangel an Gewehrmunition als Knüppel benützen könnten).

Die Panzerfäuste konnten jeden Panzer zerstören, auch den stärksten russischen Tank „Josef-Stalin-2" mit seinen bis 12 cm Panzerstahl und natürlich die dünneren „Shermans" und „Churchills" der Westalliierten. Mit Panzerfäusten konnten schwache Infanterieeinheiten mächtigen Panzermassen arg zusetzen und sie oft zurückschlagen, auch deutsche Verbündete wie Finnen und Ungarn benutzten die Panzerfaust.

Ein Vergleich zeigt ihren Nutzen: Die verbreitete deutsche Pak 40 wog eineinhalb Tonnen, brauchte ein halbes Dutzend Leute zur Bedienung und durchschoss auf 500 Meter Entfernung bestenfalls 15 cm Stahl, meist weniger. Ein Mann mit Panzerfaust 60 (etwa sechs Kilogramm) konnte sich in einem Erdloch, hinter einem Baum oder Fenster verstecken und 20 cm Stahl knacken - natürlich nur auf 60 Meter, während die Pak 40 auch auf 1500 bis 2000 Meter recht brauchbar war.

Japanische „Kamikaze-Granate"

Noch im Krieg begannen auch andere Länder mit Hohlladungsbau, etwa Russen und Japaner; letztere bauten sogar eine Art „Kamikaze-Granate", die an einem langen Bambusstab hing und damit von einem Freiwilligen gegen einen Panzer gerammt wurde, worauf es in der Regel beide zerriss.

Seither setzten sich Hohlladungen weltweit durch, auch in Minen, Torpedos, Bomben, Raketen und von Panzern verschossenen Granaten; sie sind der häufigste Typus von Panzerabwehrgefechtsköpfen (im Englischen „HEAT", High Explosive Anti-Tank). Eine „Panzerfaust" des Bundesheers ist das „Panzerabwehrrohr 66/79"  Kaliber 84 mm, eine schwedische, auch „Carl Gustav" genannte Waffe, die auf 700 Meter 40 cm Stahl durchschlägt; sie ist freilich mit 16 kg (ohne Zubehör) recht schwer.

Österreichischer Soldat mit
(Bundesheer)


Die Ingenieure haben sich aber auch für die Panzer ins Zeug gelegt und bessere Panzerungen entwickelt. Eine simple und sichtbare ist der „Latten"- oder „Gitterpanzer", das sind Schürzen aus Metallstäben oder Draht (manche ähneln einem Maschendrahtzaun), die man in einiger Entfernung von der Fahrzeugoberfläche aufhängt.

Polnischer Radpanzer mit Drahtschürzen gegen RPGs im Irak
(US Army)

Die Schürzen bieten einigen Schutz gegen langsame Geschosse à la RPG, da die sich in den Maschen und Spalten so verfangen bzw. verkeilen können, dass der Stachel abgelenkt wird und das Fahrzeug streift oder verfehlt. Teils federn sie zurück, ohne zu explodieren, weil ihre Spitze nichts berührt hat, auch kann ihr Zünder durch die Metallmaschen kurzgeschlossen werden.

Andere, wirksamere Panzerungsarten sind meist unsichtbar und unterliegen der Geheimhaltung. Panzerhersteller, Ingenieure und Militärs behandeln Panzerungstechnik als Staatsgeheimnis, selbst Panzersoldaten und Reparaturmannschaften sind zu Schweigen verpflichtet.

Sprengstoffgefüllte Metallblöcke

Erkennbar ist meist die „Reaktivpanzerung": Das sind kachel- oder ziegelartige Elemente, die man außen zusätzlich zur normalen Panzerung befestigt und die auf bestimmte Weise auf einen Einschlag reagieren. Etwa die Explosive Reaktivpanzerung (ERA), die aus sprengstoffgefüllten Kacheln aus Metall besteht. Beim Einschlag explodieren sie, die äußere Metallschicht wirkt dem Geschoss entgegen und stört seine Bahn, kann es regelrecht kippen und samt Stachel vom Panzer wegdrücken; zudem „verbläst" die Explosion den Stachel.

ERA wurde in den 1960er/70ern in der UdSSR und Deutschland entwickelt und findet sich meist auf Panzern russischen und US-Typs. Nachteil: Die getroffene Kachel ist kaputt und schützt den Stahl darunter nicht mehr, zudem muss sich begleitende Infanterie vom Panzer fernhalten. Eine Tandem-Hohlladung kann ERA überwinden.

Georgischer T-72 mit gut sichtbaren Reaktivkacheln
(US Marine Corps)

Es gibt auch nicht-explosive Reaktivpanzerungen (NERA): Dabei sind die Metallblöcke mit Gummi oder Kunststoffschäumen gefüllt. Durch Druck und Hitze des eindringenden Stachels wird die Füllung aufgeblasen und die Außenplatte gegen das Geschoss gedrückt, es entsteht eine Art „Airbag", in dem die Kraft der Hohlladung verpuffen kann. NERAs widerstehen Tandemhohlladungen und gefährden Begleitsoldaten nicht, zudem können sie in die Panzerung unsichtbar eingegossen werden; das soll beim französischen „Leclerc" der Fall sein.

Im Übrigen hat kein moderner Panzer mehr reine Stahlhüllen: Im Wettlauf mit Hohlladungen und anderen Geschossen war nämlich klar, dass man einen wirksamen Schutz aus klassischem Weltkriegs-Panzerstahl („Rolled Homogeneous Steel", gewalztes homogenes Stahl, RHA) nicht bauen kann, ohne Gewicht und Größe des Fahrzeugs ins Absurde zu treiben, es würden über 200 Tonnen sein, aber viel mehr als 60 Tonnen sollte ein Panzer nicht wiegen.

Also gibt es heute „Verbundpanzerungen" aus sandwichartigen Schichten aus Panzerstahl und anderen Stoffen, etwa Schwermetallen, extrem harten Metallen wie Wolfram, abgereichertem Uran, Weichmetallen, Magnesit, Keramiken, Gummi, Glas, Kunststoffen und sogar aus Hohlräumen, in denen ein Stachel verpufft - das tut er mit etwas Glück auch in einer „perforierten" Panzerschicht, bei der Stahlplatten von meist schräg gebohrten Löchern durchsiebt sind und die man angeblich etwa im deutschen „Leopard 2" findet.

Moderne Verbundpanzerungen

Der russische T-64 (Bauzeit 1963-85) soll erstmals eine Verbundpanzerung besessen haben. Der leichtere, auch in Syrien anzutreffende T-62 (Bauzeit 1962-75) war noch aus RHA-Stahl, so wie der amerikanische M-60 „Patton", den das Bundesheer bis in die 1990er fuhr. Und „unser" Jagdpanzer „Kürassier" von Saurer (bzw. Steyr), auf den das Heer seit den 1970ern vor allem wegen seiner extrem hart zuschlagenden Kanone stolz war und der nun ausgemustert wird, ist mit seiner maximal 40 Millimeter dicken Stahlhülle dünner gepanzert als die meisten Panzer im Zweiten Weltkrieg.

Eine Unterart der Verbundpanzerung ist die „Chobham", benannt nach einer englischen Waffenfabrik, die sie in den 1960ern entwickelte. Dabei werden Schichten aus Keramik (mitunter aus künstlichen Diamantverbindungen) in Metall gebettet, das ganze wird zwischen RHA und andere Platten gepackt, etwa aus Kunststoff, die Vibrationen mildern. Keramik ist für eine Hohlladung schon grundsätzlich schwerer zu durchdringen als Metall und verhält sich bei extremem Druck nicht wie eine Flüssigkeit - sie zerbröselt höchstens, ihre Krümel verwirbeln den Hohlladungsstachel.

Eine Chobham-Schicht von fünf bis sechs Zentimeter Dicke soll die Wirkung einer Hohlladung um bis zu 96 Prozent im Vergleich mit einer gleich dicken RHA-Platte senken und mehr als fünfmal (manche Quellen sprechen von 20 Mal) widerstandsfähiger sein als eine gleich massive RHA-Schicht.

Schwierige Panzerstärke-Vergleiche

Bisher sind nur der britische „Challenger"und der US-„Abrams" als Chobham-Tanks bekannt, sie kamen in den Golfkriegen seit den 1990ern, während des Aufstands im Irak seit 2003 sowie in Afghanistan zum Einsatz und erlitten keine nennenswerten Totalverluste. Die US-Army sagt, es sei bei der Irak-Invasion 2003 kein einziger Panzermann eines Abrams durch Feindfeuer gestorben.

Aufgrund der Schichtpanzerungen und der reaktiven Elemente ist es schwierig, über die Stärke von Panzerungen zu sprechen, weil sie aus Materialien mit verschiedenen Eigenschaften bestehen: Beim anfangs erwähnten T-72 sind es etwa an der Turmfront die besagten 11 cm Stahl und dazu mehr als 10 cm andere Schichten (es gibt ihn auch in anderen Varianten).

Für Vergleichswerte wird daher die Stärke einer Verbundpanzerung in „RHA"-Äquivalenten angegeben, sprich: Wie dick muss eine Platte aus genormtem Weltkriegs-Panzerstahl sein, um denselben Schutz zu bieten.

Britischer
(Fiorellino)

Dabei kommt man auf erstaunliche Werte: Die 22-Zentimeter-Turmfront des T-72 bzw. deren Varianten entsprechen gegenüber Hohlladungen einer RHA-Stärke von 40 bis 50 cm; mit Reaktivpanzerungen sind es bis zu einem Meter. Der Leopard 2A4 (etwa Österreich, Finnland, Türkei) hat an der Turmfront RHA-Werte gegen Hohlladungen von 80 bis 130 Zentimeter. Wegen der Geheimhaltung weiß man es oft auch, wie beim „Challenger 2", gar nicht, zum „Abrams" gibt es nur Schätzungen (RHA 80 cm bis 1,6 Meter).

Die Türme sind natürlich immer die am schwersten gepanzerten Stellen, anderswo, etwa an Ober- und Rückseite der Wanne, sind die RHA-Werte weit kleiner, weshalb RPG-Schützen gern versuchen, den Panzer von oben (etwa aus Häusern heraus) oder von hinten zu erwischen.

Und so erklärt sich ein Gutteil der Verluste der syrischen Armee gegen die Rebellen. Diese haben ihre RPGs aus Depots der Armee oder aus dem Ausland. Auf dem Schwarzmarkt im Libanon hat sich laut Berichten der Preis einer RPG-7 zwischen 2011 und 2012 von etwa 900 Dollar auf mehr als 2000 erhöht, der einer Granate von 100 auf mehr als 500. Ein moderner Kampfpanzer kostet dagegen neuwertig mehrere Millionen Dollar. Aber die syrischen T-72 dürften zumindest schon lange abbezahlt worden sein. .