Ein türkischer Detektiv im muffigen Deutschland

tuerkischer Detektiv muffigen Deutschland
tuerkischer Detektiv muffigen Deutschland(c) EPA (FRANK MAY)
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Mit dem Krimihelden Kayankaya hat sich der deutsche Autor Jakob Arjouni eine große Fangemeinde erobert. Im Sommer kehrte der Detektiv ein letztes Mal zurück: Sein Schöpfer ist nun an Krebs gestorben.

Man lernt ihn kennen, wie er in seiner Wohnung Kaffeesatz auf Küchenkacheln spuckt, einen Kater bewältigt und über „Autos, die man nicht befahren und Frauen, die man nicht beschlafen kann“ meditiert, während in seiner Privatdetektei ein schmuddeliges Büro mit vergammeltem Essen auf ihn wartet. Nachbarn nennen ihn „Mustaffa“ nur weil er Türke ist, und statt wie ein ordentlicher Privatermittler alten US-Schlags andere zu verdreschen, wird er selbst verdroschen.

Dabei hat Jakob Arjouni, der in der Nacht auf Donnerstag mit 48 Jahren einer Krebserkrankung erlegen ist, seinen türkischen Ermittler Kemal Kayankaya, der kein Wort Türkisch spricht, als Pendant zu Raymond Chandlers melancholischem Detektiv Phil Marlowe erschaffen. Gerade einmal 21 Jahre war der Autor alt, als er 1985 mit dem Buch „Happy birthday, Türke!“ seinen Antihelden in die Literaturwelt setzte. Und auf Anhieb gehörten diesem die Sympathien eines großen Publikums.

Damals sprach man in Deutschland noch von Gastarbeitern. Der Durchschnittsbürger habe zu dieser Zeit, was türkische Migranten betraf, nur zwei Ansichten gekannt, erzählte Arjouni einmal: „Türken raus!“ und „Beim Türken schmeckt's gut.“

Arjouni, so nannte sich der Sohn des deutschen Dramatikers Hans Günter Michelsen nach seiner ersten Frau. Die Wut auf eine ungerechte Welt durchzieht seine Kayankaya-Krimis, aber sie kommt höchst unterhaltsam als witzig-spritzige, atmosphärisch treffende Alltagskomik daher. Milieuschilderungen waren die Stärke dieses Schriftstellers, der sich nach seinem abgebrochenen Studium ein paar Jahre lang als „Kellner, Badeanzug- und Erdnussverkäufer“ (O-Ton Arjouni) durchschlug. Im Umgang mit seinen Figuren spielt er mit Klischees, bestätigt sie manchmal und durchkreuzt sie auch immer wieder lustvoll, seine Dialoge sind pointiert und treffsicher.

Romane zu 9/11 und Neonazis

Als der Detektiv Kayankaya nach vier Bänden 2001 vorzeitig in den Ruhestand trat, konnte sich die Fangemeinde immerhin mit anderen Romanen des Autors trösten. Gern griff Arjouni dabei aktuelle politische Themen auf. In „Chez Max“ (2006) etwa imaginierte er eine nach 9/11 aus dem Lot geratene, faschistisch gewordene Welt, in der ähnlich wie in Orwells Roman „1984“ jeder jeden überwacht. „Cherryman jagt Mr. White“ (2011) handelt von einem 18-Jährigen, der von Neonazis erpresst wird.

Im vergangenen Sommer schließlich tauchte Detektiv Kemal Kayankaya mit dem Roman „Bruder Kemal“ nach elf Jahren Pause doch noch wieder auf – leicht übergewichtig, gelassener geworden, ohne Zigaretten und liiert mit einer sich Kinder wünschenden Ex-Prostituierten. Ein kurzes Comeback: Die Freude der Fans über diese späte Rückkehr hat mit dem frühen Tod des Autors ein jähes Ende gefunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2013)

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