Bildungspolitisches Zeugnis zum Schulschluss

Österreich ist nicht das erste Land, das sein traditionelles Schulsystem umstrukturieren muss.

W
ürde man die Abgeordneten zum Nationalrat fragen, was sie im so eben zu Ende gehenden Schul- und Parlamentsjahr bildungspolitisch weitergebracht haben, würden die meisten von ihnen wahrscheinlich mit Stolz auf die "Abschaffung der 2/3-Mehrheit für Schulgesetze" verweisen. Eigentlich müssten die Abgeordneten Gerhard Polt zitieren.

Im Film "Man spricht Deutsh" spielt Polt einen Touristen in Italien, der von seiner Kartengrüße schreibenden Frau gefragt wird, was die Postleitzahl von Fürstenfeldbruck ist. Zu ihrem Ärger antwortet er "Irgendwas mit 8". Die Mandatare von ÖVP und SPÖ haben (präziser kann man es leider nicht sagen) "Irgendwas mit Differenzierung" beschlossen.

Wie konnte es dazu kommen, dass man sich in einer so wichtigen Materie, nämlich ob es in Österreich eine Reform der Sekundarstufe I geben soll, auf einen Orakelspruch einigte, der Formulierungen wie "Gliederung des Schulsystems zumindest nach Bildungsinhalten und Bildungshöhe" und "eine weitere angemessene Differenzierung der Sekundarschulen" enthält, die nicht bloß verfassungsrechtlich unhaltbar, sondern in ihrer logischen, pädagogischen Dürftigkeit eher peinlich sind?

Als Forscher des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung vor 30 Jahren eine internationale Analyse der Schulreformen in einigen europäischen Ländern durchführten, konstatierten sie als Spezifikum der österreichischen Bildungspolitik eine "außerordentlich starke Polarisierung in zwei Lager, deren Feindseligkeit und gegenseitiges Misstrauen bis an die Grenzen der Gesprächsfähigkeit geht". Wie es scheint, können die Bildungsbürger und die "roten Hausmeister" (Wolfgang Schüssel) noch immer nicht miteinander reden.

Schon Stunden nach dem Kompromiss offerierten ÖVP und SPÖ völlig konträre Interpretationen dessen, was sie gemeinsam beschlossen hatten. Juristen haben erklärt, dass dem Verfassungsgerichtshof nichts übrig bleiben wird, als diese legistische Seifenblase wegen Untauglichkeit des schillernden Begriffs "angemessene Differenzierung" zum Platzen zu bringen. Wie kann es dann in der schulpolitischen causa prima, der Sekundarstufe I, weitergehen?

ÖVP und SPÖ wird nichts anderes übrigbleiben, als ihre mit Befürchtungen und Unterstellungen befestigten ideologischen Wagenburgen zu verlassen und sich gemeinsam an die Reform der Sekundarstufe I zu machen, deren Mängel (unverlässliche Auslese, soziale Segregation, Verschwendung von "Begabungsreserven" durch unzureichende Förderung) für das schlechte Abschneiden beim internationalen Schulleistungsvergleich Pisa verantwortlich sind. Österreich ist nicht das erste Land, das vor der Notwendigkeit steht, sein traditionelles Schulsystem umzustrukturieren.

Im Gegenteil, es hätte als "Nachzügler" den Vorteil, von den Reformerfahrungen anderer Länder lernen zu können. Die Erfahrung zeigt, dass erfolgreiche Schulreformen dreierlei erfordern: ein klares Ziel, eine wohlüberlegte Reformstrategie und Zeit. Apropos Zeit: Das österreichische "Jahrhundertgesetz" war das Produkt einer zweistündigen Sitzungsunterbrechung; die schwedische Gesamtschulreform hat mehr als zwei Jahrzehnte gedauert.

Um der Verkrampfung entgegenzuwirken und um eine rationale Gesprächskultur aufzubauen, könnte man sich die Vorgangsweise in skandinavischen Länder zum Vorbild nehmen; sie umfasst Bildungsforschung, praktische Reformerfahrungen an Versuchsschulen und Aufklärung von Lehrern, Eltern und Öffentlichkeit. So wurden etwa in Schweden die ursprünglich reformskeptischen Interessensvertretungen der Bauern und der Landbevölkerung im Laufe der Reform zu Befürwortern der Gesamtschule, als offensichtlich wurde, dass Gesamtschulen die Bildungschancen der ländlichen Jugend erhöhten, und die Pflichtschullehrerschaft begann durch "teilnehmende Beobachtung" einzusehen, dass die am neuen Schulmodell praktizierte innere Differenzierung ihre Situation verbesserte.

Für viele österreichische Katholiken mag es als Überraschung kommen, dass die Gesamtschule weder des Teufels noch des Gusenbauers ist, sondern dass es in Frankreich, in Italien und in England zahlreiche private katholische Gesamtschulen gibt und der Schirmherr einer der bekanntesten deutschen Gesamtschulen, der "Friedensschule", der Bischof von Münster ist.

Bildungsministerin Gehrer hat zweimal die Einsetzung einer Expertenkommission angekündigt, die "ohne Scheuklappen" die Befunde der Bildungsforschung und die internationale Erfahrungen mit Reformen aufarbeiten und die Frage nach der künftigen Struktur der Sekundarstufe I klären soll. Wie steht es mit dieser Kommission?

Schüler, deren Leistungen in diesem Schuljahr mangelhaft waren, müssen im Herbst eine Nachprüfung ablegen. Droht der Ministerin ein bildungspolitischer Nachzipf? Oder genügt die "verbale Beurteilung", die auf vielen englischen Zeugnisse zu lesen ist: "Must try harder"?

meinung@diepresse.com Dr. Karl Heinz Gruber ist Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft an
der Universität Wien und wird im kommenden Studienjahr 2005/06 an die Universität Oxford gehen.

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