Die erste große Retrospektive auf den surrealistischen Malerstar in Österreich: 180 Leihgaben, wuchtige Ausstellung in der Albertina, ein Kurator, der in einen Fälscherskandal verwickelt war - Wien hat ein Spektakel mehr.
Jeder hat so seine Lieblingsbilder, eines meiner ist von einem Maler, den man in Österreich nicht unbedingt kennt. Dennoch treibt es mich jedes Mal in Köln ins Ludwig-Museum. Zu einem der skandalösesten Bilder von Max Ernst, für das er vom Kölner Erzbischof einst sogar exkommuniziert wurde (jetzt hängt es in unmittelbarer Dom-Nähe). Es heißt: „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“. Es ist groß, klar, anspielungsreich und politisch und pädagogisch völlig unkorrekt. Der hübsche Knabe wird gerade heftig übers Knie gelegt, der Heiligenschein ist ihm dabei vom Kopf gerutscht – und heiligt jetzt in einer Ecke am Boden gar die Kunst in Gestalt der Signatur von Max Ernst. Der nackte Popo glüht und erinnert an das echte Fleisch (und die sexy Odalisken des Rokokomalers Francois Boucher). Und im Hintergrund lugen die drei Surrealisten-Päpste in bester „Susanna im Bade“-Manier hervor, verschlagene alte Lustgreise...
Fast. Fast wäre diese Max-Ernst-Ikone nach Wien gekommen. Im Albertina-Katalog ist zumindest die gute Absicht im Bildteil schon einmal dokumentiert. Köln hat sich mit seiner Absage anscheinend schwer getan. 60 andere Leihgeber aus aller Welt waren glücklicher, denn es ist eine hervorragende Retrospektive geworden, die hier aus 180 Werken zusammengestellt wurde. In zehn Kapiteln wird chronologisch versucht, das Werk des deutschen Malers, der in Frankreich seine Heimat fand, in seinen vielen Facetten zu präsentieren.
Abreiben, abkratzen, abklatschen!
Eine echte Herausforderung bei dieser Urgestalt eines männlichen Avantgarde-Künstlers, der fast alle Klischees der modernen Speerspitze erfüllt, vor allem aber eins: Erster zu sein. Max Ernst war eine Gründungsfigur, nämlich der deutschen Dadaisten und der Malerei im Surrealismus überhaupt, verortet im engsten Kreis der Pariser Surrealisten um Breton. Als Bonner Psychologiestudent war Ernst einer der Ersten, die Freuds Traumdeutung für die Kunst entdeckten. Er rebellierte gegen den Vater. Den Katholizismus. Zog 1922 nach Paris. Wurde von den Nazis als „entartet“ ausgestellt.
Max Ernst führte neue Techniken in die Malerei ein, er verfeinerte die Collage auf fantastischste Weise, verwendete pionierhaft die Frottage (das Abreiben von Oberflächen), die Grattage (das Abkratzen von Farbschichten) und die Dekalkomanie (das Abklatschen von nasser Farbe), Methoden, die man heute aus dem Kindergarten kennt und die damals Wasser auf den Mühlen der Surrealisten waren: Sie schienen eine automatische Bilderzeugung zu ermöglichen, was natürlich nur bedingt stimmt, auch wenn Ernst darauf bestand, dass es sein Unbewusstes war, dass ihn im Nachhinein die Vögel und Köpfe aus den abstrakten Mustern herausarbeiten ließ.
André Breton, der bei den Surrealisten das Sagen hatte, war mit dem halbautomatischen Verfahren trotzdem zufrieden. Er schloss Max Ernst erst aus der Verbindung aus, als dieser in seinen Augen zu großen Erfolg hatte, nämlich 1954 den großen Preis der Biennale Venedig zugesprochen bekam. Da hatte Max Ernst, geht man nach dieser Retrospektive, seine größten Würfe schon hinter sich. Und auch den aufregendsten Teil seines Lebens. Womit das vorletzte Klischee, ein schwaches Alterswerk, erfüllt wäre.
Nun zum Letzten, den Frauen. Natürlich.Tut man das, was man eigentlich nicht sollte, sich aber öfters einmal bewährt, und beurteilt man den Mann nach den Frauen, die sich in ihn verlieben, muss man sagen: Hut ab, Herr Ernst! Viermal verheiratet, eine surrealistische Dreiecksbeziehung mit Paul Eluard und dessen Frau Gala, die spätere Dali-Muse. Eine kurze Ehe mit Peggy Guggenheim. Eine Affäre mit der surrealistischen Malerin Leonora Carrington. Eine späte Lebensliebe mit Dorothea Tanning, ebenfalls eine der wenigen erfolgreichen surrealistischen Malerinnen. Er hatte sie 1942 im amerikanischen Exil kennengelernt (wo er ganz nebenbei einen gewissen Jackson Pollock mit seiner neuen Technik des Kreisemalens mittels durchlöcherter Farbdose zu „getropften“ Bildern inspirierte).
Die Traumdeuter unter uns ahnen es bereits: Max Ernsts Stellvertreter in seinen Bildern, ein Vogel namens Loplop, ist wohl nicht zufällig ein sexuelles Symbol. Die Erotik war wohl ein starker Antrieb für Ernst. Das letzte Bild in der Ausstellung ist eine Hommage darauf: „Der Garten Frankreichs“ von 1962 zeigt die geografische Situation des damaligen französischen Domizils von Max Ernst, in das er nach dem Krieg zurückkehrte, eine Insel zwischen den Flüssen Indre und Loire. Die Insel enthüllt aber auch, was unter ihrer Oberfläche liegt: ein Frauenkörper, dessen erogene Zonen Ernst freigelassen hat. Dafür übermalte er eine Kopie von Alexandre Cabanels „Die Geburt der Venus“, die fast genau 100 Jahre zuvor ein Hit des Establishments am Pariser Salon war. Die Frauen.
Die Kuratoren. Julia Drost und Werner Spies. Klaus Albrecht Schröder scheint ein Faible dafür zu haben, in Deutschland rufmäßig etwas ramponierte Kunstsammler bzw. Kuratoren aufzunehmen. Man könnte das sowohl Kalkül als auch Charakter nennen. Gegen den hoch ausgezeichneten Kunstsammler und Millionär Herbert Batliner ermittelte etwa 2006 die deutsche Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung, 2007 wurde er in Österreich gefeiert, als er seine Sammlung als Dauerleihgabe der Albertina übergab. Der ebenfalls hoch ausgezeichnete deutsche Max-Ernst-Spezialist Werner Spies (75) war gerade erst in den spektakulären Fälscherskandal um Wolfgang Beltracchi verwickelt, Spies gab sieben Max-Ernst-Fälschungen Beltracchis ein positives Gutachten und vermittelte zum Teil sogar den Verkauf. Alles unwissentlich. Mittlerweile trat er von offiziellen Ämtern zurück, verlor seinen Ruf, ist anscheinend die wahre tragische Gestalt in diesem Fälscherprozess. Das sei das größte Unglück seines Lebens, lässt Spies in seiner neuen Autobiografie „Mein Glück“ wissen. Wessen Glück auch immer diese Ausstellung jetzt macht – sie wird für viele auch eines sein.
Auf einen Blick
Max Ernst wurde 1891 im Rheinland geboren, starb 1976 in Paris. Er ist neben Magritte und Dalí der Star der surrealistischen Malerei. Die Albertina zeigt jetzt 180 Werke von 60 Leihgebern, es ist nach der Van-Gogh-Ausstellung die zweitteuerste des Hauses. Man hofft auf 200.000 Besucher. Kurator ist der wichtigste Max-Ernst-Spezialist Werner Spies, dessen Ruf durch den Beltracchi-Fälscherskandal ramponiert wurde. Gerade erschien im Hanser-Verlag seine Autobiografie: „Mein Glück“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2013)